Neues Album von Giorgio Moroder Ist das Musik für eine Autowerbung?

Im Jahr 2015 sind seine Pop-Ideen präsenter denn je: Giorgio Moroder.

(Foto: Sony Music)

Von Helene Fischer bis Berliner Berghain-Techno: Alle benutzen heute einen alten Beat von Giorgio Moroder. Das neue Album des Synthie-Disco-König ist schrecklich perfekt.

Von Mathias Modica

Meine Güte, denkt man sich schon nach zwanzig Sekunden, ist das Musik für eine Autowerbung? Der Soundtrack für einen Oktoberfest-Autoscooter? Tja, nein. Es ist tatsächlich das erste Studio-Album vom alten Syntie-Disco-König Giorgio Moroder nach mehr als dreißig Jahren: "Déjà Vu" (Sony Music). Aber weil man davon ausgehen kann, dass dieser Mann genau weiß, was er tut, ist - nach dem ersten Schrecken - womöglich erst mal die Frage, warum Moroder tut, was er tut, viel interessanter als die Frage, warum das mitunter kaum auszuhalten ist.

Unter Popmusik-Produzenten gilt schließlich die Faustregel: Wenn ein Song in den USA, also auf dem immer noch wichtigsten Markt für Popmusik, auch nur den Hauch einer Chance haben soll, dann muss es doppelt knallen. Die Beats müssen lauter, die Melodien exaltierter und die Dynamik komprimierter sein. Einerseits. Andererseits muss die Produktion feiner, das Harmoniefundament interessanter und der Gesang professioneller sein.

Früher analysierte Moroder nächtelang aktuelle Radiohits

Der 1940 im deutschsprachigen Südtirol geborene Giovanni Giorgio Moroder, der mit 19 auszog, um als Unterhaltungsmusiker sein Geld zu verdienen, und am Ende in München die moderne Mainstream-Popmusik erfand, hat das alles jahrelang genau beobachtet. Und wie der Filmregisseur Roland Emmerich erkannte er, dass man die Amerikaner in ihren ureignen kulturellen Bastionen Pop und Film nur schlagen kann, wenn man sich auch ihre Mittel aneignet - und sie dann verstärkt. Moroder war schon in seinen Münchner Jahren bekannt dafür, nächtelang aktuelle Radiohits zu analysieren: ihre dominierenden Harmoniesequenzen, Bassläufe, Beats, Sounds, bis hin zur Art des gerade angesagten Gesangs.

Und dann rekombinierte er die Bausteine, die er entdeckt hatte, und fügte ein paar neue Elemente hinzu. Andere Musiker und Produzenten arbeiten intuitiv mit dem Popgeist der Zeit, aber die halten sich meist auch nur kurz an der Spitze. Wenn sie es denn überhaupt bis dorthin schaffen. Moroder ging die Sache systematisch an. Und war immer ganz oben. Ein manischer Tüftler. Den Nerv von Millionen unterschiedlichsten musikalischen Geschmäckern zu treffen muss man sich in diesem Fall als sehr, sehr harte Arbeit vorstellen.

Im Jahr 2015 sind nun seine alten Stilmittel präsenter denn je. Sie sind im Grunde das verbindende Merkmal in der Popmusik. Zum Beispiel das von Moroder im Pop installierte Gerüst einer elektronischen Bassdrum auf jeden einzelnen Viervierteltaktschlag. Von Helene Fischer bis zum Berliner Berghain-Techno - überall regiert der sogenannte Four to the floor-Beat. Heute dominiert die gerade Techno-Bassdrum die populäre Musik, nicht mehr die Rhythmik von Rock, R'n'B oder Hip-Hop. Und zwar nicht nur in den Charts, sondern auch in den millionenfach gehörten Youtube-Kanälen und bei Streaming-Diensten wie Spotify. Amerikanische Major-Labels nehmen reihenweise europäische House-Produzenten unter Vertrag und sogar Def Jam, das berühmteste Hip-Hop-Label der Welt, hat inzwischen die Poptechno-Produzenten der Swedish House Mafia unter Vertrag. In Las Vegas gibt es jetzt Raves mit Berliner DJs, und in Supermärkten läuft statt Reinhard Mey Deep House von Robin Schulz.

Was soll man sagen? Es ist schon brachial geraten

Dass der Meister selbst genau jetzt zurückkommt, ist dem entsprechend alles andere als Zufall. Seit Daft Punk dem inzwischen 75-Jährigen vor zwei Jahren auf ihrem Grammy-gekrönten Album "Random Access Memories" auch noch den Song "Giorgio By Moroder" schenkten, war er ja ohnehin wieder da. Jetzt also auch wieder als Produzent mit einigen großen Diven des zeitgenössischen Pop: Sia, Charli XCX, Britney Spears, Kylie Minogue.

Aber was soll man sagen? Es ist schon brachial geraten. Als ich zu Hause in der Küche das Album hörte, kam irgendwann meine Mitbewohnerin und fragte entsetzt: "Was hörst du denn da für gruselige Musik?" Ich bat um präzisere Kritik, woraufhin sie nur etwas von Autoreifenwerbung murmelte. Vieles ist tatsächlich schwer erträglich. Aber es gibt auch Stellen, an denen die Effektlawine eine Pause macht. Es gibt sogar Passagen, die Soul haben. Immer, wenn es lichter wird, groovt es plötzlich. Die Musik stampft nicht mehr, sie rollt. "Right Here, Right Now" etwa ist so eine Nummer. Sie hat fast etwas Hymnisch-Pastorales. Auch "Wildstar" fällt aus dem Rahmen. Mehr Disco, mehr Funk, weniger Aggression - man denkt hier sofort an Moroder-Klassiker wie "I Feel Love".