Poetry Slam Bewegte Sprache

Gehörlos in der dritten Generation: Der Berliner Andreas Costrau ist einer der ersten deutschen Gebärden-Slammer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Lyrik für alle: Gehörlose und Hörende slammten im Gasteig

Von Hannah Vogel

Seine Hände gebärden sich zögerlich, halten kurz inne. Diesen Moment nutzt der Poet, um mit den Augen die Sitzreihen abzutasten, die Stimmung des Publikums von den Gesichtern abzulesen. Verflogen ist das Selbstbewusstsein, mit dem Andreas Costrau die Bühne betreten hat - nun spielt er eine Rolle. Seine Hände hasten durch die Luft, reihen Worte aneinander. "Ich bin ein bisschen aufgeregt, weil ich heute mein Coming-out habe: Ich bin schizophren", übersetzt Dolmetscherin Svenja Markert in die Lautsprache.

Poetry Slams, bei denen Lyriker sich in linguistischen Ergüssen messen, sind inzwischen in München kultiviert. Bisher waren diese nur für Hörende - bei "Spoken Word meets Deaf Poetry" im Gasteig traten nun auch gehörlose Dichter auf. Neben dem Berliner Andreas Costrau slammten Ace Mahbaz und der sprach- und körperbehinderte Kai Bosch.

Außerdem rezitierten der zweifache amerikanische Weltmeister Joaquin Zihuatanejo und die Gewinnerin des Bayernslams 2014, Meike Harms, die beide hören. Zwei Dolmetscherinnen übersetzten die Texte jeweils in Gebärden- und Lautsprache. Einige der Gedichte beschäftigten sich mit dem Erwachsenwerden, den eigenen Wurzeln oder der Liebe, andere mit der Inklusion. So Costraus Zeilen über seine Schizophrenie, in denen er vom "kleinen Andreas" berichtet. Diesen brauche er zwar, aber des Öfteren versorge er ihn mit falschen Informationen, sagt Costrau. Erst gegen Ende greift er sich hinters linke Ohr und löst das Rätsel um den "kleinen Andreas", den er in die Höhe hält - es ist sein Hörgerät. Das Publikum lacht, hebt die Hände und schüttelt sie. Es ist die Gebärde für Applaus.

Die gehörlosen Slammer haben eine weitaus stärkere Bühnenpräsenz

Sowohl die Texte der hörenden als auch der gehörlosen Poeten sind voller Spitzen und Witze. Leider gehen diese bei den Gebärdengedichten durch die Übersetzung mitunter verloren. Dafür besitzen die gehörlosen Slammer eine weitaus stärkere Bühnenpräsenz. Obwohl der ungeübte Zuschauer die Gebärden nicht versteht, unterstreichen ihre Mimik und Gestik die Zeilen, und Emotionen lassen sich deutlicher erkennen.

Der Poet Ace Mahbaz frotzelt sogar über die Hörenden, die sich während des Sprechens absurder Zeichen bedienen: "Da geht mal die Hand hoch und dann geht die wieder runter", dolmetscht Svenja Markert, während Mahbaz wild mit beiden Armen rudert und die Zuschauer selbsteinsichtig lachen. "Das bedeutet doch gar nichts." Es ist nicht das einzige Mysterium, das er aus Sicht eines Gehörlosen aufs Korn nimmt. Am Ende hat der Iraner Mahbaz, der selbst fünf Gebärdensprachen beherrscht, erreicht, was er wollte: Er hat ein Statement dafür gesetzt, dass es kein normal und anormal gibt - sondern nur unterschiedliche Menschen.

"Spoken Word meets Deaf Poetry" ist kein Dichterwettstreit, das heißt, das Publikum kürt keinen Sieger. Alle Poeten treten zwei Mal auf. Abschließend performt nochmals der zweifache Weltmeister im Poetry Slam Joaquin Zihuatanejo. Und er widmet seine folgenden Gedichte seinem ehemaligen gehörlosen Schüler John. "Für die längste Zeit meines Lebens dachte ich, dass die schönste Sprache unseres Planten Spanisch sei", sagt der Dichter mit mexikanischen Wurzeln.

John habe ihm in den 127 Tagen, die er ihn unterrichtete, jedoch gezeigt, dass eine Sprache noch betörender sei, sagt Zihuatanejo. Effektvolle Pause - dann beginnt er mit seinen Händen Gebärden zu formen, die sich zu einem lyrischen Text fügen, den er erst beim zweiten Anlauf ins Englische übersetzt. Vorerst bleibt es still in der Black Box. Nur seine Gesten erzählen in Bildern von der schönsten Sprache unseres Planeten: der Gebärdensprache.