Philosophie Wo alle zustimmen können

Immer eine harte Kante gegen alle Verführungen des Denkens: Der 95-jährige Philosoph Karl-Otto Apel begründet, warum Gerechtigkeit und Mitverantwortlichkeit von vornherein verwoben sind.

Von Dietrich Böhler

Ein Mann der scharfsinnigen Reflexion und harten Kante gegen Verführungen des Denkens wie Relativismus, Objektivismus und (methodischen) Solipsismus, dachte und denkt der nunmehr 95-jährige Philosoph Karl-Otto Apel wacker gegen den Strom. Kraft seiner kommunikativen "Transformation" der noch vor vierzig, fünfzig Jahren kommunikationsignoranten Philosophie war er sozusagen bis gestern, als noch eine Restgesundheit mobilisierbar war, auf der internationalen Bühne ein viel gefragter, ob seines nachkantischen Scharfsinns auch gefürchteter Diskurspartner.

Das neue Buch, ein von dem Wuppertaler Philosophen Smail Rapic herausgegebener Band mit sieben Essays und einer Vorlesungsreihe, bildet fast den ganzen Spannungsbogen von Apels Denken ab. Dieser reicht von der Selbstaufklärung der Vernunft (durch transzendentale Reflexion nach der sprachpragmatischen Wende, die er in lebhaftem Austausch mit seinem Studienfreund Habermas herbeigeführt hat) bis zur Anwendung der Diskursethik auf die Geschichte - nun unter den Bedingungen von Hochtechnologie und globalisiertem Kapitalismus mit ökologischen und sozialen Verwerfungen. Apel steht auf Kriegsfuß mit dem teils relativistischen, teils szientistischen Zeitgeist und der entsprechend prinzipienunwilligen oder -unfähigen Philosophie. Dieser gilt die Suche nach Verbindlichkeiten und gar eine "Letztbegründung" von Menschenwürde, Menschenrecht und über-institutioneller Mitverantwortung als metaphysisch, "überschwänglich" und "fundamentalistisch". Solches hielt ihm in der Festschrift "Reflexion und Verantwortung" (2003) Jürgen Habermas entgegen, der in Auseinandersetzung mit dem Pionier Apel die Diskursethik als Verfahrenstheorie entwickelt hat. Berühmt über Frankfurt hinaus waren die so anregenden wie aufregenden Seminardiskussionen zwischen beiden.

In diesem Buch aus Apels Schatzkammer kann der Leser den Denkweg des großen Nonkonformisten erahnen und sein Denkpanorama fast zur Gänze nachvollziehen, umso mehr, wenn er das 2011 erschienene, zumal philosophiegeschichtliche Buch "Paradigmen der Ersten Philosophie" hinzunimmt, zu dem der erste Essay die Brücke schlägt.

Als der Soldat Apel 1945, von Kriegsdienst und Nazigesellschaft befreit, endlich studieren konnte - Philosophie und Geschichte -, fand er die Philosophie eingezwängt zwischen Existenzialismus, Heideggers Entdeckung unseres Vorverständnisses von Welt einerseits, seiner Vernunftleugnung andererseits, nachhumboldtschem Relativismus der Sprache (mit ihren unterschiedlichen "Weltansichten") und einem selbstgenügsamen Historismus der Geistes- und Begriffsgeschichte. Zudem erblühte eine Wissenschaftstheorie, die sich eng an die einheitswissenschaftliche Logic of Science anlehnte und die Vernunft auf eine Verfahrenstechnik verkürzte: formale Logik plus Zweckrationalität als Effizienzkalkül.

Der junge Apel, Dialektiker gleichsam von Natur aus, erkannte darin die wertfrei verfahrensrationale Seite des liberalistischen und verwissenschaftlichten Westens, zu der die, vom Existenzialismus propagierte, freie, arationale Wertentscheidung das Komplementärphänomen bildete: "Das Komplementaritätssystem der westlichen Ideologie". So lautet seine gesellschafts- und zeitgeistkritische Analyse, die er von seinem Klassiker "Transformation der Philosophie" (1973) bis zu den Löwener Vorlesungen (1999/2001), einem Schwerpunkt des neuen Buches, weiterentwickelte. Als Dialektiker suchte er eine vernünftige Aufhebung dieser heiklen, weil vernunftdezimierenden Komplementarität. Er fand sie in der 1967, im epochemachenden Göteborger Vortrag "Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und die Grundlagen der Ethik", teils vorscheinenden, teils schon begründeten "Diskursethik". Er entwarf sie zugleich verfahrensrational und moralisch verpflichtend.

Die Diskursethik wird im neuen Buch zukunfts- und verantwortungsethisch vertieft. Das Diskursprinzip - "Suche eine Handlungsweise, deren Folgen alle, auch die Betroffenen, als Argumentationspartner zustimmen könnten" - verpflichte nicht allein zur Gerechtigkeit im Diskurs, sondern ebenso zu einer menschheitssolidarischen "metainstitutionellen Mit-Verantwortung". Das wäre eine Verantwortung seitens aller Menschen, die zum Beispiel von der ökologischen Krise und dem Nord-Süd-Antagonismus wissen können, für die Gewährleistung der sozialen, politischen und ökologischen Realisierungsbedingungen freier Diskurse.

Neben den Vorlesungen "Die Antwort der Diskursethik auf die moralischen Herausforderungen der Gegenwart" ist es vor allem der Essay "First Things First: der Begriff primordialer Mitverantwortung - zur Begründung einer planetaren Makroethik", der dem Leser zwei Apel'sche Hauptstücke vor Augen führt: dass Gerechtigkeit und Mitverantwortlichkeit von vornherein verwoben sind, und dass die von Kant gesuchte (aber solipsistisch und metaphysisch verfehlte) praktische Vernunft, die heutzutage meist als unmöglich verworfen wird, uns dialogisch schon zur Verfügung steht.

Inwiefern? Wir brauchen uns nur im argumentativen Dialog auf das zu besinnen, was wir mit unserer Rede schon als gültig und verbindlich vorausgesetzt haben und daher nicht glaubwürdig bezweifeln können. Warum? Wir haben, wann immer wir etwas geltend machen, unweigerlich moralische Verbindlichkeiten vorausgesetzt, die auf Gerechtigkeit und Mitverantwortung hinauskommen.

Karl-Otto Apel: Transzendentale Reflexion und Geschichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Smail Rapic. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 369 Seiten, 20 Euro. E-Book 19,99 Euro.