Philosophie Daseinsaufhellung versprochen

Peter Sloterdijk zieht die Konsequenzen aus dem Tod Gottes - und er tut es arg lustlos.

Von Johann Hinrich Claussen

Das neue Buch von Peter Sloterdijk ist kein Buch. Es ist keine ausgearbeitete und durchkomponierte Monografie, sondern ein Reader, der sehr unterschiedliche Texte zum Thema "Religion" versammelt: Vorträge, Einleitungen zu Klassikerausgaben, sogar ganze Kapitel aus anderen eigenen Büchern. Vier der elf Texte sind etwa zehn, drei sogar um die zwanzig Jahre alt. Neu sind lediglich die Einleitung sowie ein Vortrag, den Sloterdijk zur Eröffnung einer ziemlich spektakulären Gilbert&George-Ausstellung in der Berliner Kunstkirche St. Matthäus im Mai diesen Jahres gehalten hat (sie ist noch bis zum 7. September zu sehen). Nicht jeder Autor würde sich wagen, so etwas als Buch zu veröffentlichen. Nicht jeder Verlag würde es ihm durchgehen lassen. Aber die Sloterdijk'sche Textmaschinerie muss wohl am Laufen gehalten werden.

Gottfried Benn dekretierte dereinst, dass "Gott" ein schlechtes Stilprinzip sei, doch lassen sich mit ihm immer noch gute Buchtitel erfinden. "Nach Gott" ist ein starker Titel - energisch, unbeirrt und unerbittlich, aber auch verbunden mit einer reizvoll unbestimmten Offenheit. Einerseits markiert der Titel das absolute Ende einer sehr langen Geschichte, das man gern besser verstehen würde, andererseits macht er neugierig auf das, was danach kommen könnte. So nimmt man das Buch dann doch gespannt in die Hand. Wie deutet Sloterdijk das Ende Gottes, und was setzt er an dessen Stelle? Versucht man, seine Grundthese zu fassen, ist es wohl diese: Der Glaube an einen Gott steht für eine fatale Form der Weltverneinung und Daseinsverdüsterung, die die Menschheit über viele Jahrhunderte gefangen gehalten hat, die aber in der Moderne obsolet geworden ist. Die Menschheit hat sich von der Religion befreit und kann nun ungehindert in einem Diesseits leben, das ihr unbegrenzte Möglichkeiten der Selbstentfaltung in Kunst, Wissenschaft und Technik eröffnet. Jetzt endlich vermag sie die Grenzen der Vergangenheit, der Metaphysik, sogar der Natur zu überwinden. Offen steht ihr eine unerschöpfliche Zukunft unendlicher Selbststeigerung und Daseinsaufhellung. "Wo Götter waren, sollen Menschen werden. Wo Menschen sind, nimmt Künstlichkeit zu."

"Imagine, there's no heaven, above us only sky", sang John Lennon. Keine schlechte Tonspur zu Peter Sloterdijks Buch "Nach Gott".

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Und doch gibt es sie noch: die alten Religionen sowie all die Versuche ihrer modernen Umformung. Ihnen scheint Sloterdijk mit einer nur schlecht verhüllten, ratlosen Übellaunigkeit gegenüberzustehen. Natürlich fällt ihm, dem Einfallsreichen, auch zur Religion etwas ein, aber seine Einfälle führen nirgendwo so recht hin. Auch wirken sie eigentümlich humorlos. Erstaunlich grob ist Sloterdijks hermeneutischer Umgang mit den historischen Religionen und ihren Nachfolgern heute: Ein Kamm muss für alle Religionen aller Epochen und Kulturen genügen. Er pflegt zwar auch hier seinen mäandernden, assoziationsreichen Stil, doch zielt er dabei auf ziemlich undialektische Eindeutigkeiten. Will er mit groben Slogans nur einen doktrinären Laizismus propagieren? Auf jeden Fall entdeckt man in diesem Buch kaum Deutungslust, zu wenig Neugier, eigentlich gar kein rechtes Interesse für seinen Gegenstand. Je länger man liest, umso mehr verhärtet sich der Eindruck, dass die nachlässige Art, mit der dieser Band zusammengestellt wurde, auch auf eine inhaltliche Lustlosigkeit hindeutet.

Zu leicht macht es sich Sloterdijk mit dem historischen Rückblick. Da für ihn Religion und Moderne einander ausschließen, kann er keine Übergänge und Vermittlungen sehen und verstehen. Dass die Moderne ausgerechnet im ziemlich monotheistisch geprägten Europa ihren Ausgang genommen hat - eine unverständliche Ironie der Geschichte. Dass die Reformation eine vielfältige Wirkungsgeschichte weit in die Moderne hinein hatte - bloß "ideengeschichtliches Glück". Dass Luther solche Nachfolger wie Leibniz, Bach, Lessing, Kant, Hegel, Nietzsche, Schweitzer oder Martin Luther King hatte - alles nur Zufall. Noch schroffer betreibt Sloterdijk die Vertreibung des Protestantismus aus der Neuzeit, wenn er über Calvin schreibt: Dieser habe in seinem Genfer Gottesstaat, als seine Kirche eigene Wächter, Spione und Henker beschäftigte, die Stadt in "ein Konzentrationslager der Erwählten" verwandelt. Nun könnte man wissen, dass die reformierte "Gemeindezucht" mit dem Flüchtlings- und Minderheitenschicksal dieser Konfession zu tun hatte: Eine Gemeinde, die in einer fremden, misstrauischen Umwelt überleben wollte, musste auf Geschlossenheit, Anständigkeit und Rechtgläubigkeit achten. Das mag heute als rigide erscheinen. Doch in Zeiten "unbegleiteter Migration" sollte man auf schnelle Urteile verzichten. Übrigens haben die aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden in den Niederlanden eine sehr ähnliche Gemeindezucht geübt wie Calvin in Genf. Würde Sloterdijk behaupten, dass auch diese jüdischen Gemeinden "Konzentrationslager der Erwählten" waren?

Der einfallsreiche Philosoph Peter Sloterdijk feierte im Juni seinen 70. Geburtstag.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Verblüffender noch als die Lustlosigkeit beim historischen Rückblick ist aber die Spannungslosigkeit, mit der Sloterdijk in diesem Buch in die Zukunft schaut. Man muss sich nur vergegenwärtigen, wie bei Nietzsche, seinem Helden, eine existenziell und intellektuell hochengagierte Religionskritik zu euphorischen, anders-religiösen Aufschwüngen führen konnte - so viel Reibung und Funkenflug, so viel heller Zorn und lichte Euphorie! Ähnlich hätte Sloterdijk dazu ansetzen können, den "Homo Deus - post Deum" anzukündigen. Doch dazu kommt es in diesem seltsam unmotivierten Buch leider nicht. Heutzutage muss ja niemand mehr ein Buch über die Religion veröffentlichen. Wenn ein Autor es aber tut, möchte der Leser doch irgendein Interesse am Thema spüren, ein Ernstnehmen auch in der Kritik, irgendeine Leidenschaft in welche Richtung auch immer. So weiß man nicht, wofür dieses Buch stehen und gut sein will. Zur Daseinsaufhellung und Welterhellung seiner Leser jedenfalls trägt es nicht wirklich bei. Gilbert und George jedenfalls - so war zu hören - waren, als sie Sloterdijks Vortrag zur Eröffnung ihrer allerersten Ausstellung in einer Kirche hörten, definitiv "not amused" und sollen einigermaßen wütend davongezogen sein.

Peter Sloterdijk: Nach Gott, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 364 Seiten, 28 Euro. E-Book 23,99 Euro.