Peter Handke: Neue Biographie Winterliche Reise zum Tyrannen

Was wollte Peter Handke beim Kriegsverbrecher Karadzic? Sein Biograph Malte Herwig schildert die Begegnung als Enthüllung.

Von Lothar Müller

Für den 9. November ist das Erscheinen der Biographie Meister der Dämmerung. Peter Handke des Germanisten und Journalisten Malte Herwig angekündigt. Der Auszug, den Herwig jetzt vorab in der FAZ publiziert hat, ist als Enthüllung aufgemacht. Er schildert den Besuch, den Handke Ende 1996 dem Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, in Pale, der Hauptstadt der Republika Srpska, abgestattet hat.

Dass dieser Besuch stattfand, wurde erstmals im August 2008 bekannt, als - kurz nach der Enttarnung und Verhaftung des zwölf Jahre lang untergetauchten Karadzic - in der Zeitschrift Volltext der Schriftsteller Norbert Gstrein in einem Gespräch mit Gunther Nickel, dem Lektor des Deutschen Literaturfonds, die Reise Handkes nach Pale erwähnte, als "Don Quichotterei von einem der ganz großen deutschsprachigen Schriftsteller".

Der Suhrkamp Verlag hat das Faktum der Reise bestätigt

Als Quelle seiner Version nannte Gstrein den Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger, der seinen Autor damals begleitet habe. Die beiden hätten "für ihr bloßes Erscheinen den höchsten oder jedenfalls einen hohen Orden der unseligen Republika Srpska" bekommen. Der Suhrkamp Verlag hat das Faktum der gemeinsamen Reise bestätigt, will aber "zu der gezielt diffamierenden Darstellung von Norbert Gstrein" nicht Stellung nehmen.

Malte Herwig hat mit Fellinger, der bei ihm als "ein Suhrkamp-Angestellter" auftaucht, nicht gesprochen. Wohl aber, im Jahr 2009, mit Peter Handke und auch mit Karadzic, dem derzeit vor dem UN-Tribunal in Den Haag der Prozess gemacht wird. So kann Herwig nun die Ankunft Handkes in Pale exakt auf den 20. Dezember 1996 datieren, als Karadzic bereits als Präsident der Republika Srpska zurückgetreten war, per internationalem Haftbefehl - wenn auch vorerst eher unschlüssig - gesucht wurde und sein Untertauchen vorbereitete.

Der Einladung ist Handke nicht gefolgt, um Karadzic zu hofieren

Eine der Anklagen gegen Karadzic lautet auf "Völkermord". Sie bezieht sich auf das Massaker bei Srebrenica, bei dem im Juli 1995 mehr als 8000 muslimische Männer von bosnisch-serbischen Truppen ermordet wurden, und auf die Belagerung und Beschießung von Sarajevo. Auf die Bilder vom Massaker in Srebrenica hat Handke, wie sein Buch Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien (1996) festhält, mit Attentatsphantasien gegen Karadzic und zugleich mit seinem zur Gewohnheit gewordenen Misstrauen gegen die Urteile der "sogenannten Weltöffentlichkeit" reagiert.

Der Einladung nach Pale ist Handke nicht gefolgt, um Karadzic zu hofieren. Sondern in der Illusion, eine humanitäre Mission erfüllen zu können. Er überbrachte Karadzic eine Liste mit den Namen vermisster Familienangehöriger, die ihm bosnische Muslime in Salzburg gegeben hatten. Diese Liste, so Handke 2009, sei die "Hauptsache" bei der Reise gewesen.

Karadzic habe "ganz ernsthaft" versprochen, er werde sich darum kümmern, "aber ich habe da nie eine Antwort bekommen". Dieses Ausbleiben der Antwort überrascht so wenig wie die Illusion Handkes, er könne als ausgewiesener Freund der Serben beim bosnisch-serbischen Kriegsherrn erfolgreich für bosnische Muslime intervenieren.

"Man will die Geschichte ja verstehen, also geht man hin. Das würde ich jederzeit wieder machen", sagt Handke dem Biographen im Rückblick. Die Sätze könnten von einem jener Kriegsreporter stammen, die Handke verachtet. Denn die Reportage lebt von der Autorität der Anwesenheit, von dem Satz: "Ich war da." Stets hat Handke, wenn er als Anti-Reporter zu den Serben reiste, gegen die "Zeitungssätze" die Anwesenheit des Dichters vor Ort ausgespielt - und seine Sprache. Seiner Reise nach Pale hat er keinen Text abgewonnen. Vielleicht, weil für die Darstellung dieser gescheiterten Mission die verachtete Reportage die angemessene Form gewesen wäre.