Oper Luftiges Rossini-Seminar

Noch bis zum 5. Januar im Clinch: Die wunderbare Darstellerin der Rosina, Katarina Morfa, und Vladislav Pavliuk als umtriebiger Bartolo.

(Foto: Sabina Tuscany)

Am richtigen Ort: Der "Barbier" der Kammeroper im Cuvilliéstheater

Von Egbert Tholl

Den besten Eindruck der Atmosphäre hat man von der Proszeniumsloge aus. Mit viel Glück kann man dort Platz nehmen und den Zuschauerraum wie das Parkett wie die Bühne gleichermaßen betrachten. Da nun eben stellt sich der glückhafte Moment ein, dass man sich fühlt wie bei der Uraufführung des Werks. Natürlich, keine Ahnung, wie es am 20. Februar 1816 in Rom zugegangen sein mag. Die Berichte von der Premiere von Rossinis "Barbier von Sevilla" lesen sich ja eher verheerend (was sich bald änderte). Aber nichtsdestotrotz: Wie hier nun im Cuvilliéstheater die Zuschauer aus den Logen lugen, das Parkett wohlgefüllt ist und die Bühne in der fantastisch idealen Proportion zur Größe des Zuschauerraums steht, das vermittelt zumindest den Traum einer Ahnung davon, wie es vor 200, oder auch noch viel mehr Jahren zugegangen sein mag, wenn man in die Oper ging.

Das absolut Bemerkenswerte dabei ist ja, dass sich überhaupt eine freie Opernproduktion ins Cuvilliéstheater wagt. Geld kann man dort kaum verdienen, davon kann auch eine Truppe wie etwa "Così facciamo" eine Arie singen; die Miete ist im Verhältnis zur Platzanzahl einfach horrend. Da kann man froh sein, wenn man nicht draufzahlt. Aber offenbar reicht es, um zu überleben. Den merkantilen Part des "Barbier" übernimmt in diesem Fall Andreas Schessl, Münchens umtriebigster Klassikveranstalter, was den Schluss nahe legt, dass es sich offenbar tatsächlich rechnet, eine 200 Jahre alte Oper an dem Ort in München zu machen, der dafür am besten in dieser Stadt geeignet ist.

Rossinis Orchesterwalzen vereinen hier Überwältigung mit lichter Transparenz

Da fragt man sich abermals, wieso das nicht viel häufiger zu sein kann. Für die Staatsoper ist das Cuvilliés bestenfalls für Präsentationen des Opernstudios interessant; man denke nur an Dieter Dorns luftige Inszenierung der "Così", die zwar im Cuvilliéstheater herauskam und dort genau richtig war, bald aber ins große Haus transferiert wurde, weil dort das Verhältnis von Sängergagen zu Zuschauerplätzen schlicht fünf Mal günstiger ist. Spielt das Residenztheater an diesem Ort, dann kann man vielleicht eine interessante Diskrepanz zwischen der Ästhetik auf der Bühne und der des Hauses erkennen, aber ideal ist sicherlich etwas anders.

Andersrum wird es zauberhaft. Im Sommer kam der "Barbier" der Kammeroper München an deren Stammort, dem Hubertussaal in Nymphenburg heraus. Nun zog die Produktion um - und ist schlagartig eine andere. Allein schon die Musik im Arrangement von Alexander Krampe blüht ganz anders auf. Sie klingt, sie hat Luft, und was die 15 Musiker unter der Leitung von Nabil Shehata machen, ist einerseits pure Freude, andererseits auch ein bisschen ein Rossini-Kompositionsseminar. Allein schon bei der Ouvertüre wird deutlich wie selten, wie großartig diese Komposition ist. Denn nun hört man die Mechanismen der Struktur viel deutlicher als mit einem großen Apparat. Da ist viel Poesie zu spüren, und wenn dann die berühmte Crescendo-Walze anfängt, sich zu drehen, schneller und schneller, dann ist das nicht ein Moment der puren Überwältigung, sondern einer der vielschichtigen Transparenz.

Auch viele der Arien, gerade der sattsam bekannten, hört man quasi neu. Außerdem hat Krampe hier etwas aus einer anderen Rossini-Oper entlehnt, dort ein Couplet erfunden und passgenau eingefügt, als wäre Rossini ein Wiener gewesen. Einhergehend mit diesem, gerade durch die Farben der Marimba fein getünchten neuen Hören der Musik inszeniert Tristan Braun zwar immer noch ein bisschen - in den Dialogen leicht lahmende - Typenklamotte, aber erstens sind hier alle hinterm Geld her, und zweitens sind die Diskrepanzen längst nicht mehr so groß. Also nichts im dem Sinne blöder Bartolo, feiner Almaviva, leidende Rosina. Nö, Rosina liebt Shoppen und Aperol Spritz und Katarina Morfa spielt sie hinreißend - eine in der Darstellung extrem präzise, komikbegabte Sängerin. Vladislav Pavliuk (Bartolo) beherrscht Rossinis Parlando (als einziger) grandios, kommt als Liebhaber durchaus in Frage und hat eine herrliche Kiffernummer. Thomas Kiechle ist eine Verheißung als Almaviva; der junge Mann muss zwar noch viel üben, hat aber auch gerade erst damit begonnen, da kann noch Großes passieren. Dazu das prächtige Bühnentier Suzanne Fischer (Berta), der würdevolle Philipp Mehr (Basilio) und der souveräne André Baleiro als Figaro.