NS-Vergangenheit der Wiener Philharmoniker "Mein liebster Nazi"

Grotesk und zugleich makaber: Der große amerikanisch-jüdische Dirigent Leonard Bernstein hat, wenn er die Wiener dirigierte, Wobisch geschätzt, nannte ihn gern "mein liebster Nazi". Einziger Zeitzeuge heute ist der damals blutjunge Geiger Walter Barylli, ab 1941 Konzertmeister des Orchesters, der sich schamvoll erinnert: "Durch die unmenschlichen Nürnberger Rassengesetze sind Stellen frei geworden. Eine davon habe ich bekommen."

Unter den jüdischen Musikern, denen die Flucht gelang, befand sich auch der profilierte Geiger Arnold Rosé, der der Schwager Gustav Mahlers war.

Anders als in den Jahrzehnten des Verdrängens ist heute die Betroffenheit groß bei den Wiener Philharmonikern. Clemens Hellsberg, der Geschäftsführer, spricht gewiss für das ganze Orchester: "Wir können nicht sagen, die Uraufführung der Achten Bruckner, der Zweiten und Dritten Brahms, der Neunten Mahler, das waren wir. Aber 1938 bis 1945 - das waren die anderen. Das ist undenkbar."

Im Film "Schatten der Vergangenheit" gibt es dazu eine anrührende Episode: Bei einer Orchesterprobe zeigen die Musiker und ihr Dirigent Franz Welser-Möst genau jene Lücken auf, die der Ausschluss ihrer jüdischen Kollegen von einst geschaffen hat: Nacheinander erheben sie sich von ihren Plätzen und verlassen das Orchester.

Kontinuität ist ein gesellschaftliches Ziel, aber sie kann inhaltlich wie personell zu einer Hypothek werden: Nach dem Ende der Naziherrschaft wurden nur vier Musiker gekündigt, sechs wurden pensioniert, und mit den Neujahrskonzerten, einem Erbe der finsteren Jahre, erspielten sich die Musiker ihren Medienruhm weltweit.

"Wichtig sind die Grautöne"

Die Wiener Historiker erforschten nicht nur die Täter und die Opfer, zumal mit biografischen Einzelporträts, sie versuchten beispielsweise eine politische Deutung des philharmonischen Repertoires.

Und Oliver Rathkolb diente das aufgefundene Quellenmaterial auch dazu, den Ausschluss der jüdischen Sponsoren und des Publikums zu erhellen. Er plädiert als historischer Aufklärer für Maßhalten, nicht für Beschwichtigen: "Wichtig sind die Grautöne. Man muss wegkommen von Schwarz-Weiß-Bildern, alle Facetten gehören auf den Tisch gelegt - Menschen bleiben ambivalent, sie haben eine menschliche Seite."