NS-Raubkunstskandal Die Bergpredigt aus Zelle 6

In München tauchte ein Meisterwerk auf, das Hildebrand Gurlitt 1943 an Adolf Hitler verkaufte. Nun wurde es zurückgegeben - nicht an Vertreter der Opfer, sondern an die Familie eines NS-Kasernenwartes.

Von Kia Vahland

Wo war Alois R. in der Nacht auf den 30. April 1945, den Tag, an dem Adolf Hitler in Berlin Selbstmord beging? Vielleicht lag er in seinem Bett in der Münchner Türkenkaserne und träumte vom Frieden. Vielleicht aber hat der Kasernenwart seine Stiefel geschnürt und ist durch die Trümmerfelder spaziert, vorbei an seinem alten Haus in der Arcisstraße, das nun ausgebombt dalag. Und ist die Straße heruntergelaufen bis zum Königsplatz, dem zentralen Aufmarschplatz der Nazis. In den vergangenen Kriegsmonaten hatten Tarntücher die Granitplatten auf dem Boden bedeckt. Deswegen hatten die amerikanischen Bomberpiloten ihr Ziel verfehlt: Hitlers "Führerbau" zu treffen, jenen wuchtigen Bau von grauer Strenge, der seit der Nazizeit den Platz verriegelt, gemeinsam mit dem NSDAP-Parteizentrum und den Ehrentempeln für die "Blutzeugen der Bewegung".

An diesem Abend standen vor den viel zu schweren Toren unter Hitlers Balkon keine Wachen mehr stramm. Amerikanische Truppen hatten tagsüber bereits das KZ Dachau befreit, und über den Rundfunk riefen einige Deutsche zur Jagd auf die letzten Parteibosse in der Stadt auf. Die Keller des "Führerbaus" waren noch gut gefüllt. In den Katakomben, die durch Geheimtunnel mit dem NSDAP-Parteizentrum verbunden sind, gab es einen Wein- und einen Bierkeller, eine Roheisanlage und einen Kühlraum für Wild und Geflügel. Eine Raumflucht unter der Arcisstraße war von extra verstärkten Türen gesichert. Hinter diesen stapelten sich mehr als 600 museale Kunstwerke, gekauft oder geraubt für das "Führermuseum", das Hitler in Linz plante. In Zelle Nummer sechs drängten sich deutsche Liebhaberstücke des 19. Jahrhunderts neben großen Meisterwerken des Goldenen Zeitalters, des niederländischen 17. Jahrhunderts: Ein Jan Vermeer zugeschriebenes Gemälde war darunter und zwei Werke des Antwerpener Barockmalers Frans Francken (1581-1642).

Einige der geraubten Bilder fand man in den Kartoffelkellern Münchner Bürger

Was in dieser Nacht geschah, wissen nur die Beteiligten. Am nächsten, spätestens am übernächsten Morgen waren die Keller leer. Über 100 Bilder tauchten nach dem Krieg im Handel oder in den Kartoffelkellern von Münchner Bürgern auf. Die große Mehrzahl aber, genug für ein ganzes Museum: verschwunden. Einer der größten Kunstdiebstähle des 20. Jahrhunderts ist bislang nicht aufgeklärt. Wer die Hintermänner waren, wer Brecheisen, Schutzplanen und Laster organisierte: unbekannt. Bescheid wussten die Nachbarn, die sich womöglich im Anschluss an eine organisierte Bande bereicherten, die letzten Profiteure in einer Kette von Dieben, Erpressern, Hehlern. Doch sie schwiegen.

Jetzt ist nicht nur die Generation von Alois R. tot, auch ihre Kinder vererben schon ihr Hab und Gut. Inzwischen verfügen zwei Großnichten von Alois R. über die "Bergpredigt" von Frans Francken, dokumentiert von den Nazis als Nummer 3202 in Zelle sechs des "Führerbau"-Bunkers. Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt hatte das schmale, mit feinem Pinselstrich hingehauchte Gemälde im Herbst 1943 im besetzten Frankreich für 7500 Reichsmark (150 000 Franc) erstanden und für 10 000 Reichsmark an den Planungsstab des "Führermuseums" verkauft. Das belegen die Unterlagen der Nazis ebenso wie die Geschäftsbücher Gurlitts, welche die international besetzte Taskforce geheim hält, die gerade im Auftrag der Bundesrepublik den Fundus seines Sohnes Cornelius erforscht.

Die Bilder des inzwischen gestorbenen Cornelius Gurlitt, die meisten ebenfalls von seinem Vater in Frankreich erworben, erregen seit einem halben Jahr internationales Aufsehen, beschäftigten erst Polizisten und Staatsanwälte, dann Politiker bis hin zu Angela Merkel. Exekutive, Jurisdiktion und Legislative unternehmen in Deutschland alles, was in ihrer Kraft steht, um von Cornelius Gurlitt jahrzehntelang in seiner Schwabinger Wohnung versteckte Bilder, wo nötig, an die Erben enteigneter jüdischer Sammler zurückzugeben.

SZ-Recherchen ergeben nun: Parallel zum Fall Gurlitt geschah in München im Fall Alois R. das genaue Gegenteil. Seine Nachkommen besitzen Frans Franckens "Bergpredigt" aus dem "Führerbau". Das LKA Bayern zog das Werk ein, die Staatsanwaltschaft ermittelte, das zuständige Bundesamt für offene Vermögensfragen bezog Stellung, es kam zu einem Gerichtsverfahren. Im Mai dieses Jahres wurde das Gemälde schließlich herausgegeben. Nicht an Interessensvertreter der jüdischen Sammlerin, der das Werk vor ihrer Deportation womöglich gehört hatte. Auch nicht an Frankreich, wo es Gurlitt zu Besatzungszeiten erstand. Sondern an die Erben des Münchner NS-Kasernenwartes Alois R., einem Besitzer von Diebesgut. Damit hat Bayern einen neuen Raubkunst-Skandal.