"Night Moves" im Kino Düsterer Moment der Grenzüberschreitung

Jesse Eisenberg als Josh und Dakota Fanning als Dena in "Night Moves"

(Foto: dpa)

Jesse Eisenberg und Dakota Fanning wollen in "Night Moves" Gemüse ziehen und ertragen die Zerstörung der wunderschönen Wälder Oregons um sie herum nicht - also sprengen sie einen Damm. Regisseurin Kelly Reichardt hat mit ihrem Film jenseits des Mainstreams ein neues Genre erschaffen.

Von Susan Vahabzadeh

Die Maßstäbe und Definitionen ändern sich, aber gemessen an den Standards des neuen Jahrtausends ist Josh ein guter Junge. Er hat etwas Unschuldiges, und viel Engagement. Er lebt in einer landwirtschaftlichen Kommune, man macht Biogemüse, die Lizenz für Käse ist leider weg. Josh ist clever und introvertiert, sorgenvoll und grüblerisch. Ein netter Junge, aber es liegt etwas Düsteres über ihm, ein Schatten. "Shadow Dancer" hieß im vergangenen Jahr James Marshs Film über eine junge Frau, die sich der IRA anschließt, und der Junge, den Kelly Reichardt hier mit seinen "Night Moves" erkundet, ist auch so ein Schattentänzer. Es übt eine morbide Faszination aus, wie er sich in einem Schicksal verstrickt, das er selbst für unentrinnbar hält.

Jesse Eisenberg spielt Josh, eine von drei verlorenen Seelen, die in Oregon unbedingt die Welt retten wollen. Die versuchen, eine Zukunft zu gestalten, an die sie nicht glauben. Joshs Freundin Dena (Dakota Fanning), von der man nie recht weiß, ob er in sie verliebt ist, arbeitet in der Nähe in einem New-Age-Spa für wohlhabende Esoteriker. Und dann ist da noch Harmon (Peter Sarsgaard), der etwas älter ist als die beiden anderen, alt genug, um tatsächlich eine Vergangenheit zu haben.

Reichardt hat ein neues Genre geschaffen: Den Öko-Terroristenfilm. Am Anfang sieht man Josh und Dena, wie sie zu einem riesigen Staudamm fahren. Was sie damit vorhaben, ist da noch gar nicht so klar - die drei sind Öko-Aktivisten, sie haben sich dem Kampf für die Umwelt verschrieben. Und sobald sie alles beisammen haben - ein gebrauchtes Boot namens Night Moves und riesige Mengen Dünger - werden sie den Damm in die Luft jagen. Um ein Zeichen zu setzen. Ob sie nun naive Helden sind, die straucheln, während sie versuchen, die Welt zu retten, oder bloß tumbe Zerstörer - das muss man als Zuschauer selbst entscheiden. Kelly Reichardt gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf.

Abseits der Hollywood-Gesetze

Sie macht schon seit zwanzig Jahren Filme, langsam aber beständig - es hat allerdings lange gedauert, bis sie, seit "Wendy and Lucy", 2008, endlich auf den großen Festivals im Wettbewerb liefen.

Sie hat ihr Ding durchgezogen, ruhige, kleine Filme, die die Hollywood-Gesetze einfach links liegen lassen, langsam sind, spartanisch. Die Spannung entsteht dadurch, dass sie ihre Figuren ungeheuer präzise inszeniert und sie mit großartigen Bildern, berauschenden Landschaften umgibt. Anders zu arbeiten, hat Kelly Reichardt gesagt, das ist, als würde man sich den Eintritt zu einer Party erkämpfen, zu der man gar nicht wollte. Bewusster Anti-Mainstream also. In Zeiten, in denen im Kino spektakuläre Explosionen vollkommen normal geworden sind, macht Reichardt einen Film, in dem ein Bombenattentat eine zentrale Rolle spielt. Aber was wir sehen und hören, dass sind die drei Protagonisten, wie sie sich vom Ort der Explosion schon wieder entfernt haben, sich durch die Nacht davonschleichen, und irgendwo im Off macht es noch leise "Bumm".