Neu im Kino: "Love" Dieser Film ist ein Kondom

Sein neuer Film "Love" schwankt zwischen Liebesmelodram und 3D-Porno. Eine Begegnung mit Regisseur Gaspar Noé, der letzten Skandalfigur des Autorenfilms.

Von David Steinitz

Weil das Rauchen einer Zigarette in einem geschlossenen Raum mittlerweile als krimineller Akt gilt, handelt sich der Filmemacher Gaspar Noé beim Treffen in München erst mal Ärger mit der resoluten Bedienung im Bayerischen Hof ein, die ihm seinen Espresso bringt.

Der Kaffee ist aber ohnehin wichtiger als die unter Murren ausgedrückte Zigarette, weil Noé "die ganze Nacht gesoffen" hat. Deshalb gab es an diesem sonnigen Novembertag auch erst mal einen dringend notwendigen Konter-Drink zum Mittagessen. Das ist natürlich alles ungesund, jedoch eine hübsche Abwechslung zu amerikanischen Filmstars, die eher zu Grüntee und früher Nachtruhe tendieren. Einem Regisseur wie Noé, der als das letzte Schreckgespenst und die beständigste Provokationsmaschine des Autorenfilms gilt, ist bewusste Ernährung selbstverständlich wurscht.

Professioneller Melancholiker und notorischer Provokateur

In München ist er zu Besuch, um seinen neuen Film "Love" vorzustellen, der am griffigsten wohl als Liebesmelodram mit pornografischen Spurenelementen beschrieben ist. Ein amerikanischer Filmstudent und seine französische Freundin leben frisch verliebt in ihrem Pariser Apartment und lassen sich auf eine wilde Amour fou mit der sehr hübschen und sehr jungen blonden Nachbarin ein, woran ihre Beziehung zerbricht. Dieses Ende einer großen Liebe inszeniert Noé mit der Zärtlichkeit des professionellen Melancholikers und mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten des notorischen Provokateurs.

Noé, der 1963 in Buenos Aires geboren wurde und mit zwölf Jahren nach Frankreich kam, wo er bis heute lebt, spricht eine interessante Mischung aus Englisch und Französisch mit spanischem Restakzent - und das sehr schnell und vernuschelt. Sehnsüchtig schaut er auf die Zigarettenpackung und hält zur Ablenkung erst mal Kurzreferate über Rainer Werner Fassbinder, Winston Churchill und Schamhaare - sprunghafte Themenwechsel sind eine Spezialität von ihm.

Dennoch möchte man von Monsieur natürlich vor allem wissen, was es mit "Love" auf sich hat, der diese Woche in Deutschland anläuft und seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes hatte. Dort ist es längst zur liebgewonnenen Tradition geworden, dass Noé alle paar Jahre mit einem neuen Werk über das Hochglanz-Festival herfällt, und die edlen Premierengäste in ihren schicken Abendgarderoben dann in Scharen erbost aus dem Kino stürmen. Den Rekord im Zuschauerschwund hat er wohl 2002 mit seinem Skandalstück "Irreversibel" erreicht. Der Film mit Vincent Cassel und Monica Bellucci ist die Geschichte einer grausamen Nacht in Paris, in der ein Mädchen seinen Freund nach einem Streit auf einer verkoksten Party sitzen lässt und auf dem Nachhauseweg vergewaltigt wird.

Eine berührende Liebesgeschichte - auch ohne die expliziten Sexszenen

Diesen Albtraum zeigte er als drastisch-blutige Meditation über Gewalt und Vergeltung. Auch sein knapp dreistündiger Experimentaltrip "Enter the Void" von 2009, der quasi das filmische Äquivalent zu einem halluzinogenen Pilz ist, war keine kleine Herausforderung für die Zuschauer. Und wenn nun in "Love" die Hauptfigur Murphy zu seiner Freundin sagt: "Ich möchte gerne Filme aus Blut, Sperma und Tränen machen" - dann meint der Autor und Regisseur diesen Satz natürlich auch ein kleines bisschen autobiografisch. Aber kann und will man im Jahr 2015 wirklich noch mit Blut und Sperma provozieren? Zumal "Love" auch ohne die expliziten Sexszenen eine berührende Liebesgeschichte erzählen würde?

Da wiegelt der professionelle Provokateur gleich ab und erklärt, dass "Love" ausnahmsweise mal gar nicht als Provokation gemeint sei. Aber: " Es gibt überhaupt kein erotisches Kino mehr, nur noch diese Clips im Internet. Diese überzüchteten Typen und ihre quietschenden Mädchen - das macht mich alles überhaupt nicht an. Sex macht doch viel mehr Spaß, wenn man verliebt ist. Das wollte ich zeigen - und was passiert, wenn die Obsession der großen Liebe plötzlich vorbei ist."