Kundenservice wie in der chinesischen Zensurbehörde: Apple wollte mit den regierungskritischen Karikaturen von Mark Fiore nichts zu tun haben - bis er den Pulitzer-Preis gewann.
Dass Lächerlichkeit nicht tötet, bezeugt zwar ein französisches Sprichwort. Aber die autoritären Herrscher aller Epochen waren sich stets darin einig, in dieser Frage lieber kein Risiko einzugehen. Der Kopf des "Bürgerkönigs" Louis Philippe, der sich Stück für Stück mehr in eine große, fleischige Birne verwandelt - diese Bildfolge von Charles Philipon ist bis heute eine der Ikonen der Karikaturgeschichte. Sie brachte ihrem Schöpfer eine von mehreren Anklagen wegen Majestätsbeleidigung ein.
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Laut Apple machen seine Zeichnungen "Personen des öffentlichen Lebens lächerlich": Mark Fiore. (© Foto: Reuters)
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Wohlwollende Diktatur
Ein Gefängnisaufenthalt drohte dem amerikanischen Karikaturisten und Trickfilmer Mark Fiore zu keiner Zeit. Im Gegenteil: In der vergangenen Woche wurde ihm die höchste Ehre der US-Medienwelt zu Teil, als er für seine Cartoons mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde - und zwar als erster Medienschaffender, der ausschließlich online arbeitet. Doch in demselben, fast ein bisschen historischen Moment, in dem auf Fiore der ganze Glanz des digitalen Zeitalters hätte fallen können, wurde er auch zum Symbol für die Schattenseiten des nun anbrechenden Apple-App-Zeitalters, das nicht nur Web-Vordenker wie Cory Doctorow als Abkehr von der Freiheit des Netzes kritisieren, als gefährliche Entwicklung hin zu einer "wohlwollenden Diktatur" .
Durch ein Interview, das Laura McGann für das Blog des an der Harvard-Universität angesiedelten "Nieman Journalism Lab" mit dem glücklichen Gewinner führte, kam ans Licht, dass Apple bereits im Dezember Fiores Bewerbung um Zugang zum iStore abgelehnt hatte. Für iPhone oder iPad darf er demnach keinerlei Karikaturen anbieten. Die ihm zugegangene Begründung liest sich ein wenig, als habe Apple erfahrenen Kräften der chinesischen Zensurbehörde eine Schulung in Sachen Kundenservice angedeihen lassen: Leider habe man nach eingehender Prüfung feststellen müssen, heißt es in der Ablehnung, dass Fiores Zeichnungen "Personen des öffentlichen Lebens lächerlich machten".
Eine treffende Definition von Inhalt und Zweck politischer Karikatur, möchte man meinen - für Apple aber ein Ausschlusskriterium. Die Mitarbeiter verwiesen auf einen Abschnitt in den Geschäftsbedingungen, der Apple die Ablehnung von Anwendungen erlaubt, die zum Beispiel "obszön, pornografisch oder diffamierend" seien. Beispielhaft beanstandeten die Apple-Humorwarte ausgerechnet "Obama Interruptus", einen Animations-Clip, der zu Fiores bei der Pulitzer-Jury eingereichten und schließlich preisgekrönten Arbeiten gehörte.
Vorzugsbehandlung
Einen Tag, nachdem McGanns Blogeintrag im Netz hohe Wellen schlug, meldete sich am Freitag Apple bei Mark Fiore und bat um Wiedervorlage seines Zulassungsantrags. An der Bewilligung dürften diesmal kaum Zweifel bestehen, da inzwischen auch Steve Jobs' Sicht der Dinge bekannt ist: "Das war ein Fehler, der in Ordnung gebracht wird", schrieb er einem Apple-Kunden auf dessen persönliche Beschwerde.
Doch Fiore macht sich im Gespräch mit Wired keine Illusionen darüber, dass es nur die prestigeträchtige Auszeichnung ist, die ihm jetzt eine Vorzugsbehandlung durch Apple einträgt: "Wenn du jemand bist, von dem noch niemand etwas gehört hat, und du hättest eine großartige Satire-App - du würdest sie nicht durchkriegen." Die renommierte Fachzeitschrift Columbia Journalism Review versucht denn auch, den Fall Fiore zur Cause célèbre und zum Anstoß für ein Umdenken zu machen.
Medienunternehmen, fordert sie, sollten ihre iPad-Anwendungen so lange zurückhalten, bis Apple ihnen uneingeschränkte Entscheidungsgewalt über ihre Veröffentlichungen einräume. Noch könne gehandelt werden; sei das iPad aber erst zur wichtigen neuen Umsatzquelle geworden, kämen solche Forderungen wohl zu spät. Die Columbia Journalism Review verweist auch auf eine Nachfrage des Medienbloggers Dan Gillmor bei den größten US-Zeitungen, ob nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge Apple einseitig ihre Inhalte aus den iPad-Anwendungen löschen dürfe. Geantwortet hat keine einzige.
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(SZ vom 19.4.2010/nvm)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin
Apple ist sicherlich nicht der grosse Monopolist im E-Mediengewerbe der Zukunft ;-))
Mit wem eine private Firma Geschäfte macht und welche Inhalte sie über ihre privaten Einrichtungen publizieren möchte ist und bleibt einzig eine Entscheidung von Apple. Sollen sie doch zensieren.. selber schuld ! Der Markt wird Apple dafür hart (!!) bestrafen.
Apple setzt bei seinen Softwareprodukten, bei seinen Kampagnen und selbst bei der persönlichen iPod-Gravur-Option (lick my shiny ass" darf nicht dem chromfarbenen-iPod-Rücken zu lesen sein) auf so eine Art Safer Sex" nach amerikanischen Moral- und Geschmacksvorstellungen um keine Käuferschicht zu verprellen.
Seit Apple als Distributor von geistigen Inhalten auftritt (zuerst mit Musik, dann mit Filmen, jetzt mit Apps, Magazinen und Literatur), versuchen sie meines Erachtens unveränderte Maßstäbe anzusetzen. Da Satire und Verleumdung, Erotik und Porno, Propaganda und Hetze oft ein sehr weites Feld sind, kann das nicht funktionieren. Apple sollte sich aus dieser globalen Jury-Position, die als Diktatur oder Zensur missverstanden wird, verabschieden und die gleichen Maßstäbe wie beim Internet ansetzen, das bekanntlich frei ist und nebenbei: auch auf dem gleichen iGerät abrufbar ist. Wie beim Internet, würden dann auch bei den Apps die geforderten BILD-Pin-Ups wieder zu sehen sein - aber auch Nazi-Apps und vermutlich Schlimmeres, das Keinem gefallen wird.
Da Apple mit iPhone, iPad und den Apps ein technisch geschlossenes System anbietet, muss man technische Vorgaben wohl akzeptieren. Zum Beispiel die fehlende Integration von Flash und dass bestimmte Finessen Apple-eigenen Apps vorbehalten bleiben immerhin haben sie's erfunden und ich liebe es. Inhaltlich werden sie sich aber öffnen müssen, denn Begriffe wie Diktatur passen eigentlich nicht zur ehemals Think-Different-Marke und erinnern eher an die Historie eines gewissen, du-weißt-schon-wer-Mitbewerbers