Netz-Depeschen Aufgebrowst

Wie das Trinken neun Jahre alter Milch: Acht Jahre nach dem Internet Explorer 6 kommt nun der Explorer 9 auf den Markt. Doch nicht Verweigerung ist der Grund für die Aktualisierungsmüdigkeit - sondern Überforderung.

Von Michael Moorstedt

Ryan Gavin dürfte ein tief gespaltener Mann sein. Immerhin hat der Softwaremanager die undankbare Aufgabe, eines der erfolgreichsten Produkte seines Arbeitgebers zu zerstören. Acht Jahre nach seiner Einführung steht der Internet Explorer 6 mit knapp 20 Prozent Marktanteil in der Rangliste der beliebtesten Browser der Welt noch immer auf dem zweiten Platz. Gavin soll das ändern. Am vergangenen Mittwoch stellte Microsoft nun die Betaversion des Explorer 9 vor.

Abgesehen davon, dass man mit der veralteten Software die neuesten Grafik-Kapriolen im Netz verpasst, geht mit dem Zögern der Nutzer auch ein infrastrukturelles Problem einher: Die Einführung fortgeschrittenerer Technologien wie HTML5 verpufft am alten Browser, Sicherheitslücken sind ein Gräuel für die Softwareentwickler. Doch nicht Verweigerung, sondern Überforderung ist offenbar der Grund für die Aktualisierungsmüdigkeit.

Längst hat sich die Informationsgesellschaft in Klassen aufgespalten. Die Techno-Alphabetisierung geht nur sehr langsam voran. Obwohl im Jahr 2010 zwar mehr als zwei Drittel der Deutschen das Internet nutzen, ist es für viele noch immer eine beinahe unüberwindbare Herausforderung, einen neuen Browser zu installieren. Wie groß die Verunsicherung ist, zeigt der weltweite Erfolg des Welterklärungsbüchleins "Internet for Dummies". Es liegt mittlerweile in der zwölften Auflage vor.

An die Käufer genau dieses Buches richtet sich Nick Bilton, Blogger und Technikkolumnist der New York Times mit seinem eigenen Werk "I live in the Future and here is how it works", das in der vergangenen Woche erschienen ist. Bilton möchte Übersetzer und Aufklärer sein. In seinem Buch propagiert er nicht die typisch binären Sichtweisen wie

Nicholas Carr ("Das Internet macht uns dumm") oder Clay Shirky ("Das Internet tut uns gut"), die den Diskurs auf Fortgeschrittenen-Level prägen. Stattdessen schreibt Bilton eine ideologiefreie Bedienungsanleitung für diese Zukunft, die für einen Teil der Info-Elite bereits eingetreten ist und für den Rest der Bevölkerung weit entfernt zu sein scheint. Nebenbei gibt er den strauchelnden Medienunternehmen noch ein paar Überlebensstrategien mit auf den Weg. Dass Bilton auch in diesen Passagen eher fortschrittsfreundliche Töne anschlägt, versteht sich von selbst: Smartphone-Obsession und Always-On-Mentalität werden entgegen sämtlicher Schwarm- und Mob-Utopien zu einer neuen Konzentration auf das Individuum führen. Nicht mehr Schnelligkeit oder Qualität der übermittelten Informationen seien ausschlaggebend für ein gutes Geschäft, sondern vor allem die Relevanz für das eigene Leben. Die werden bei Bilton alsbald natürlich nicht gute Lokaljournalisten sicherstellen, sondern die Status-Nichtigkeiten des eigenen Freundeskreises.

In Zukunft, so Bilton, und hier wird seine Version der Zukunft zur Dystopie, werden Facebook und andere soziale Netzwerke zur bevorzugten Nachrichtenquelle. Facebook hat kürzlich die Unterstützung für den Internet Explorer 6 abgestellt und damit wohl mehr für die Zerstörung des Uraltbrowsers getan, als sich Ryan Gavin nur wünschen könnte. Doch der kämpft weiter - und zeigt sich durchaus kreativ. In Australien startete Microsoft vor einiger Zeit eine Kampagne, in der die Nutzung des Explorer 6 mit dem Trinken neun Jahre alter Milch verglichen wird.