Zum Tod von Max Greger Feiner Jazz hier, plumper Schlager dort

Auftritte im Fernsehen hatte Max Greger viele - auch zu seinem 85. Geburtstag spielte er vor der Kamera.

(Foto: dpa)

Falsch spielen, aber so gekonnt, dass aus einem einfachen Musikstück eine virtuose Stegreifkomposition wird. Max Greger war einer von den wenigen, die das gut können. Aber er fuhr zweigleisig.

Nachruf von Helmut Mauró

Es ist ein schmerzlicher Verlust, denn dieser Musiker gehörte zu den Großen. Zumal im Jazz, zumal in Deutschland. In der Nacht auf Samstag starb Max Greger mit 89 Jahren nach langer Krebserkrankung in München. Der Klarinettist, Saxofonist und Band-Leader hat wie wenige das alltagskulturelle Leben der Nachkriegszeit geprägt. Paul Kuhn wäre in diesem Umfeld noch zu nennen oder Hugo Strasser - mit beiden trat Greger im Alter gerne auf, füllte Stadien und Stadthallen, begeisterte ein legendenhungriges Publikum, das sich mit wohligem Schauder an eine Zeit erinnern wollte, die, vielen Nachgeborenen unbegreiflich, eine sehr glückliche war. Deutschland war zerbombt, man hungerte, es gab nur noch eine Richtung: aufwärts.

Und es gab Nachholbedarf auf allen Gebieten. Der gerade in der Nazizeit so beliebte Swing durfte nun frei und freizügig gespielt und getanzt werden. Es war der schiere Existenzialismus, Überleben war Glück genug. Mehr gab es erst einmal nicht. Für Live-Musik hätte trotzdem niemand einen Pfennig gegeben; man hatte ja selber nichts. Also verdingten sich die jungen Musiker in den Casinos der Besatzungsmacht, spielten Swing für die Amerikaner, spielten mit einem Heidenrespekt vor denen, die diesen Jazz erfunden hatten. Das größte Glück dabei waren nicht nur Gage, Zigaretten, Schokolade und sich einmal satt zu essen bitte, sondern: bei den amerikanischen Musikern mitmachen zu dürfen.

Hunger der Deutschen nach Lässigkeit

Max Greger hat in der Kapelle des Trompeters Charly Tabor mitgespielt, stand später sogar einmal mit Louis Armstrong und Duke Ellington auf der Bühne. Aber da war er schon berühmt. Anfangs ging es darum, von den Meistern des Swing gelobt zu werden. Von denen, die in der ursprünglichen Sechs- bis Siebenmannbesetzung antraten mit Melodie-Trompete und verzierender Klarinette, mit Posaune, später auch Saxofon, der Rhythmusgruppe mit Klavier oder Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Jene Könner, die nicht nur ein bisschen mit Call-and-Response-Pattern arbeiteten, den ursprünglichsten improvisatorischen Musikelementen, sondern neue Farben ins Spiel brachten mit "dirty notes" und lauter unerlaubten Sachen: falsch spielen, aber so gekonnt, dass aus einem einfachen Musikstück eine virtuose Stegreifkomposition wird.

Das können nicht viele wirklich gut, dafür muss man hart und lange üben, und am Ende braucht man auch noch kongeniale Mitspieler, die auf dem selben Level agieren. Dann aber wird aus ordentlicher Tanzmusik auf einmal ein Bewegungsrausch, dann packt es die Menschen im Innersten und rührt sie, dass sie sich nicht mehr dagegen wehren können. Junge wie Alte lieben das, haben es schon immer geliebt, und während der verzweifelten Hoffnung auf Besserung nach dem Krieg, da lieferte Max Greger die heiter hüpfende Melodie zum Aufbruch, gab ein sicheres Glücksversprechen in Form des kurzen Hüftschwungs auf diesen fließenden Swingrhythmus mit dem betonten Backbeat, wie er ihn dann idealtypisch festgeschrieben hat in seiner universalen Nummer, der Titelmelodie für das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF.

Da hatte er die Gesten der Anerkennung längst nicht mehr nötig, freute sich dennoch darüber und dachte dabei vielleicht an ein Schulterklopfen eines US-Musikers, das sich anfühlte wie unter Freunden. Das konnte damals wohl nur unter global empfindenden Begeisterungsmusikern passieren.

Max Greger war so ein Begeisterter und Begeisterer. Als ihm sein Großvater 1936 ein Akkordeon schenkte, war es um den Zehnjährigen geschehen. Die Laufbahn als Musiker war festgelegt, am Münchner Konservatorium studierte er Klarinette und Saxofon, geriet gegen Ende des Krieges aber noch unter Hitlers letztes Aufgebot. Nach dem Krieg dann die Chance auf den US-Casinobühnen, 1948 die Gründung einer eigenen Band: das "Max-Greger-Sextett", für den Swing in den Clubs, tagsüber nannte man sich das "Enzian-Sextett", für den Bayerischen Rundfunk.

Schon damals arbeitete er zweigleisig. Feiner Jazz hier, plumper Schlager dort. Plattenaufnahmen, Tanzmusik, TV-Kitsch. "Verliebte Trompeten", "Max & Sax", "Keiner küsst wie du", "Teenager Cha Cha", "Rock-Twist", und eine Reise nach Moskau. Mitten im Kalten Krieg. 36 ausverkaufte Konzerte hinter dem stählernen Vorhang - der Durchbruch. Und der Sündenfall: 1963 bis 1977 beim ZDF unter Vertrag als Gute-Laune-Dauerbeschallung in Sendungen wie "Vergissmeinnicht", "Der große Preis" oder "Der Goldene Schuss". In den frühen Siebzigerjahren war das noch ein unverfänglicher TV-Titel.

Irgendwie ging es immer weiter. Greger spielte etwa 3000 Titel ein, warf mehr als 150 Alben auf den Markt, wurde 1987 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse und 2012 mit dem Bayerischen Verdienstorden Pour le Mérite ausgezeichnet und, als wichtigster Ritterschlag, auch noch in das ehrwürdige Riemann-Musiklexikon aufgenommen.

Trotz seiner langen Karriere - er trat noch vor wenigen Wochen auf - gehörte er ab den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts für viele schon zum alten Eisen. Was kein Schimpfbegriff war, sondern eine respektable und sympathische spätmeisterliche Diskursbegleitung. Und wenn sich ein Musiklehrer in den Siebzigerjahren den Scherz erlaubte, man solle Max Reger nicht mit Max Greger verwechseln, dann wussten die Schüler weder, wer der eine, noch, wer der andere war.

Greger gelang es, musikalische Würde zu wahren

Der spätromantische Komponist aus der Oberpfalz und der Metzgersohn aus dem Münchner Arbeiterviertel Giesing hatten nichts gemein außer einem ähnlich klingenden Namen und einem ähnlich starken Hang zur edlen Akustik. Für die einen waren Namen wie Max Greger einfach nur Reizwörter, dazu gehörten auch andere ehemals großartige Künstler, die ihren beruflichen Lebensabend gewinnbringend im Fernsehen verlebten. Anneliese Rothenberger etwa, Bert Kaempfert, später auch Peter Alexander, Udo Jürgens. Aber deren Talente lagen dann schon weniger im Musikalischen als in der Darbietungskunst - der Verkaufe also, oder der Bühnenbegabung, wie man damals sagte, dem Show-Talent. Dies zu besitzen, oder an dessen Besitz zu glauben, hat sich dann als alles überlagernde Kunstform irgendwann verselbständigt.

Zu Zeiten des knallbunten und immer etwas penetranten Show-Fernsehens der Siebzigerjahre war das völlig anders, beinahe umgekehrt. Grundsolide Musiker, kreative Köpfe und stilsichere Virtuosen, mühten sich nach Kräften, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Viele verstanden das nicht, die unter Anforderungen etwas so Traditionelles verstanden wie besondere Fähigkeiten und ausgeprägten Leistungswillen. Nun ging es aber darum, vor der Kamera bella figura zu machen, und da war ein gut eingepasstes Haarteil nicht weniger wichtig als ein exakt präpariertes Klarinettenrohrblatt.

Es war schon eine Art Vor-Orwellsches Fernsehzeitalter, als die Sendungen zwar "Musik ist Trumpf" oder dergleichen hießen, in Wirklichkeit aber das traurige Gegenteil stattfand: Musik oder besser, die Behauptung von Musik, war Anlass und Ablass für alles, was da geboten wurde.

Erwachsene Musiker im Smoking auf Ausflugsdampfern, Max Greger im gelben Sakko vorneweg, die Musik ein geschmacksneutraler Allerweltsbrei, Schlagerverschnitt und Volkstümelndes. Das waren schlimme Sendungen, die hießen zum Beispiel "Eine Reise ins Glück", und man fragte sich, wie dann wohl die Hölle aussähe. Und trotzdem, hin und wieder schafften es einige Musiker, diese glamouröse Trübsal ein bisschen aufzuhellen. Max Greger gehört zu den wenigen Helden, die selbst in diesen Situationen noch musikalische Selbstachtung aufrechterhielten, und mit einem immer leicht wimmernden Saxofonklang sich und auch dem Publikum, so gut es ging, ein bisschen Würde retteten. Auch damit war Max Greger ein Anachronismus. Aber einer, dem man nachtrauert.

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