Malerei Vermehrung von Vermeer

Wolfgang Beltracchi möchte die Leerstellen der Kunstgeschichte füllen. In der Galerie "Zott Artspace" zeigt der Maler, wie man Gemälde alter Meister erschafft, die es nie gegeben hat

Von Sabine Reithmaier

Das Studierzimmer ist aufgebaut. Sieht alles genauso aus, wie es Jan Vermeer auf den zwei Gemälden "Der Astronom (1668) und "Der Geograph" (1668/69) darstellte. Links die Fensterfront mit Sprossen und aufwendiger Bleiverglasung, Schrank, Globus, Landkarte und ein Tisch, der wie auf den Bildern nicht wirklich zu sehen ist, weil er überhäuft ist mit Büchern, dazu kommen noch Tintenfass und Feder. Letzteres, weil das neue Bild, das Wolfgang Beltracchi malen wird, den Philosophen Baruch Spinoza darstellt, und der schrieb seinen berühmten "Tractatus Theologico-Politicus" vermutlich mit einer Feder.

Sein Geld verdiente der Denker, der 1632, also im selben Jahr wie Vermeer, geboren ist, allerdings mit dem Schleifen von Linsen. Und deshalb wird später das Spinoza-Modell, im normalen Leben Store-Manager eines Modegeschäfts, den schweren roten Morgenmantel anziehen, eine Linse vor seinem Auge hin- und herwenden und im übertragenen Sinn einen neuen Blick auf die Welt werfen. Aber noch ist es nicht so weit. Das Publikum in "Zott Artspace", das in einer Art Camera Obscura sitzt und anhand eines Experiments erfahren möchte, was das Geheimnis von Vermeers Malweise ist, wird erst einmal aufgeklärt. Erfährt, was es auf sich hat mit dem Projekt "Kairos - der richtige Moment", mit dem der Unternehmer Christian Zott 2000 Jahre Kunstgeschichte neu beleuchten möchte. Mit Gemälden, die die Künstler aus irgendwelchen Gründen nie malten, die sie aber hätten malen können. Ihre verpassten Gelegenheiten, Leerstellen der Kunstgeschichte, füllt "Kairos" jetzt auf, in der Handschrift der jeweiligen Künstler, auf die sich Wolfgang Beltracchi bestens versteht.

Auf dem Tisch vor Wolfgang Beltracchi liegt eine Leinwand, auf der die nahezu exakte fotografische Projektion des Motivs zu sehen ist.

(Foto: Robert Haas)

Mit Vermeer ist er nicht so ganz zufrieden: Der Mann sei weder ein Meister der Perspektiven noch der Lasur gewesen, sagt der ehemalige Meisterfälscher und fügt dann gnädig hinzu, dass die Stimmungen, die Vermeers Interieurs kennzeichneten, schon einzigartig seien. Zuvor hatte Zotts inzwischen zehnköpfiges Team von Philosophen, Kunsthistorikern, Technikern und Öffentlichkeitsarbeitern mit einer Fülle von Informationen dafür gesorgt, dass im Publikum keiner mehr versteht, warum Vermeer den "Philosophen" nicht gemalt hat. Vielleicht ließen ihm seine 15 Kinder keine Ruhe, oder er musste zu viel in der Schenke seiner Mutter mitarbeiten. Hielt ihn sein Kunsthandel davon ab? Hatte er keine Lust mehr? Jede Menge Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Eingehend untersucht wird hingegen die in der Forschung diskutierte Frage, ob Vermeer beim Malen seiner Bilder eine Camera Obscura benutzt hat. Die punktuellen Lichtreflexionen, die verzerrten Linien, die weichen Umrisse gelten als Hinweise darauf, dass er eine optische Apparatur als Hilfsmittel nutzte. Zotts Team hat mit einem großen Aufwand die gängigsten Theorien überprüft, hat mit einer Linse oder zwei jongliert, Spiegel und Glasscheiben getestet, verschiedene Sitzpositionen ausprobiert und sich schließlich für eine Camera Obscura mit konvexer Linse und einem Umkehrspiegel entschieden. Beltracchi sieht das Motiv jetzt aus zwei Blickwinkeln: auf dem Tisch vor ihm liegt eine Leinwand, auf der die nahezu fotografisch exakte, allerdings auf dem Kopf stehende Projektion des Motivs zu sehen ist. Zum anderen kann er durch ein Sichtfenster auf das dahinter aufgebaute Zimmer blicken, eine Notwendigkeit, um die Farben vergleichen und richtig mischen zu können.

Täuschend echt: Ein Männermodel posiert als Baruch de Spinoza, während Wolfgang Beltracchi nebenan zu arbeiten beginnt wie Jan Vermeer.

(Foto: Robert Haas)

"Ich kann mir gut vorstellen, wie begeistert die Menschen damals von dieser Möglichkeit der fotografisch exakten Abbildung waren", sagt Beltracchi und kurbelt am Spiegel, um genauer zu fokussieren. Tatsächlich funkeln die berühmten Lichtreflexe auf, alle Umrisse haben eine leichte Unschärfe. So könnte es gewesen sein. So zu arbeiten ist aber schwierig. "Ganze Bilder hat er so bestimmt nicht gemalt", glaubt Beltracchi. Er selbst kann sich vorstellen, die Methode für Lichtreflexe auf dem Tintenfass zu nutzen, vielleicht auch für die Wiedergabe des kompliziert gemusterten Stoffs. Aber sonst? Beltracchi schüttelt den Kopf. Die Camera sei ein Hilfsmittel gewesen, nicht mehr. "Das Geheimnis Vermeers besteht eben darin, dass es kein Geheimnis gibt."