Malerei Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter

Jana Euler malte alle Bilder für ihre Portikus-Schau in Frankfurt, auch "Innenperspektive mit gedachter Außenperspektive" (2015), das den Portikus zeigt.

(Foto: Portikus)

Die Kunst von Jana Euler wird international gefeiert. Ihre schönste Ausstellung ist derzeit in Frankfurt im Portikus zu sehen, auf dessen Architektur sie in einem Bild reagiert.

Von Catrin Lorch

Kunst und Spiegel, alte Geschichte. Kaum ein Maler, der sich nicht irgendwann mal in Konkurrenz setzt zu dem blanken Ding, dessen Oberfläche die Reflexion der Welt mal so nebenbei erledigt. Jana Euler stellt ihrem Publikum den Spiegel in den Weg. Der Eingang zum großen Saal des Frankfurter Portikus, in dem die Malerin derzeit eine Einzelausstellung hat, ist so fast verbarrikadiert. Dahinter hängen Gemälde aus der jüngsten Produktion der im Jahr 1982 im nahen Friedberg geborenen Künstlerin, die in Frankfurt studiert hat, an der "Städelschule" genannten Akademie. Zur Vorbereitung der Schau ist sie von Brüssel zurückgezogen und hat alle Bilder in Frankfurt gemalt - wobei die Ausstellung nicht nur aus diesem Grund wirkt wie die Bilanz einer Heimkehrerin. Sondern auch deshalb, weil die Motive das nahe Flussufer zeigen. Und den roten Bau des Portikus selbst: "Innenperspektive mit gedachter Außenperspektive" verpasst der Fassade allerdings ein riesig klaffendes Loch: Einblick in den Ausstellungssaal, in dem man Jana Euler selbst sehen kann, nackt. Die internationale Kunstwelt feiert diese Malerin, nicht nur in Zürich und London, sondern derzeit auch in der Ausstellung "Malerei 2.0" in München, wo sie prominent gehängt wurde. Schon deshalb ist ihr Auftritt in der Kunstmetropole mindestens so bedeutend wie das Programm in den großen Institutionen Schirn oder dem Museum für Moderne Kunst. Frankfurt ist nämlich sonst eher ein Ort, der seine Ausstellungen importiert, Künstler "leben und arbeiten in Berlin", wie es in so gut wie jeder Biografie zu lesen ist.

Das weiße Quadrat, Ideal der Abstraktion, zeigt die Malerin als Körperfresser

Zudem gilt der Portikus, die der Städelschule angeschlossene, von ihrem ehemaligen Direktor Kasper König gegründete Galerie, international als eine der bedeutendsten Adressen in Deutschland. Der Name bezog sich bei der Gründung vor dreißig Jahren übrigens auf die Fassade, den säulenbestandenen "Portikus" der im Krieg zerstörten Bibliothek, hinter der König Baucontainer zur Halle stapeln ließ. Drin durften Studenten dann internationalen Größen wie Bruce Nauman, Mike Kelly, Gilbert & George oder Wolfgang Tillmans beim Aufbau von Ausstellungen assistieren, getreu Kasper Königs Diktum, dass Kunst ohnehin nicht gelehrt werden kann und man dem Nachwuchs die Chance geben sollte, sich bei der älteren Generation etwas abzuschauen. Sein Gebäude musste der "Portikus" im Jahr 2006 zwar aufgeben und in einen Neubau umziehen, der auf einer Insel im Main sitzt und, obwohl als Ausstellungshaus geplant, weder größer und noch besser geschnitten ist als das alte Provisorium.

Doch in Jana Eulers Einzelschau purzelt man jetzt so wie die Hauptfigur von "Alice hinter den Spiegeln". Unvermittelt steht man in einem Raum, in dem alles so ist wie überall, genau so - nur dass alle Gesetze und Regeln nichts mehr gelten. Zum Beispiel die Perspektive: Die bunten Akte "Sunrise in Marseille" und "Sunset in Marseille" (beide 2015), die Jana Euler rechts und links vom Fenster gehängt hat, verweigern sich jedem Standpunkt. Kopf, Rumpf, Füße und Arme, alles da - aber wo soll sich der Betrachter aufstellen, damit es sich so richtig fügt? Die Gemälde wirken, als schaue ein Maler an sich selbst herab, hätte aber auch den Kopf im Blick. "The Defense of the White Space" simuliert, was passiert, wenn ein weißes Quadrat - Idealmotiv der Abstraktion - einen Körper einfach verschluckt. Und auch die vorsätzliche Naivität, mit der Euler Schrauben, Schwäne oder Mobiltelefonierer ausmalt, wirkt so ungut, als sei ihr Pinsel das Werkzeug, mit dem man an der Realität ansetzen könnte, Stichwort "Aushebeln".

Jana Euler. In it. Portikus, Frankfurt. Bis 24. Januar. www.portikus.de.