Literaturnobelpreis Wer will von dieser Akademie noch eine Auszeichnung?

Eine Archivaufnahme vom jährlichen Treffen der Schwedischen Akademie.

(Foto: REUTERS)

Die Schwedische Akademie hat die Vorwürfe, die sie seit Monaten erschüttern, endlich bestätigt. In ihrer Erklärung aber zeigt sie sich unbelehrbar.

Kommentar von Thomas Steinfeld

Die Konjunktive und Wahrscheinlichkeiten, die seit Dezember die Berichterstattung zur Schwedischen Akademie begleiteten, kann man nun fallen lassen: Am Freitag hat die Institution, die den Nobelpreis für Literatur vergibt, eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie einen großen Teil der gegen sie erhobenen Vorwürfe bestätigt: Die Namen künftiger Nobelpreisträger waren vorab verraten worden. Es hatte Fälle von privater Vorteilsnahme gegeben. Und es war im Umkreis der Akademie in erheblichem Maß zu sexuellen Übergriffen gekommen. Die wichtigste Nachricht der Pressemitteilung aber verbirgt sich in dem Satz, die Akademie werde das anwaltliche Gutachten, das sie zu diesen Vorgängen in Auftrag gegeben hatte, sofort dem Staatsanwalt übergeben.

Über dieses Gutachten war die Akademie in den vergangenen Wochen zerbrochen. Eine Fraktion um die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, bis vor wenigen Tagen Ständige Sekretärin der Stockholmer Akademie, hatte den rigorosen, formal rechtlichen Umgang mit dem Gutachten verlangt, der nun praktiziert wird. Eine andere Fraktion wollte die offenbar gewordenen Probleme intern und diskret regeln.

Daraufhin kündigten zunächst drei Mitglieder die Arbeit in der Akademie auf, dann musste Sara Danius ihr Leitungsamt niederlegen, woraufhin sie auch ihren Sitz aufgab, und schließlich teilte auch die Lyrikerin Katarina Frostenson, die zusammen mit ihrem Mann den Anlass des Skandals geliefert hatte, mit, sich zurückziehen zu wollen. Achtzehn Mitglieder soll die Akademie haben, für wichtige Entscheidungen braucht sie ein Quorum von zwei Dritteln, und weil es schon zuvor zwei Abgänge gegeben hatte, wurde die Akademie nun handlungsunfähig. Man hoffe, heißt es nun in der Pressemitteilung, dass bald zumindest einige der Abtrünnigen zurückkehrten.

Dies ist aber noch unsicher. Denn gewiss gehen die Verfehlungen, die das Gutachten nennt, auf das Fehlverhalten Einzelner zurück. Doch gibt es einen gemeinsamen Grund für die Unregelmäßigkeiten in und in der Umgebung der Akademie: Sie muss einigen ihrer Mitglieder zunehmend als private, ihnen persönlich zugehörige Veranstaltung erschienen sein.

Wie weit solche Vereinnahmungen gehen, zeigten zuletzt die öffentlichen, grob herabsetzenden Angriffe der Verbliebenen, allen voran des ehemaligen Ständigen Sekretärs Horace Engdahl, auf Sara Danius. Der Ruf des Nobelpreises, heißt es in der Pressemittelung, habe durch die "Publizität" der jüngsten Vorgänge großen Schaden genommen - durch die Publizität, wohlgemerkt, nicht durch das Verhalten der Akademie. Wer sich so unbelehrbar zeigt, muss sich nicht wundern, wenn James Wood, der Literaturkritiker des New Yorker, fragt, welcher Schriftsteller von Selbstachtung von solchen Leuten noch einen Preis haben will.

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