Die 56-jährige Schriftstellerin Herta Müller ist die zwölfte Frau, die den Literatur-Nobelpreis erhält. Sie gilt als Dichterin der Heimatlosigkeit. Tatsächlich ist sie eine der sprachmächtigsten Autorinnen der Gegenwart.
"Alles, was ich habe, trage ich bei mir." Mit diesem Satz beginnt Herta Müllers letzter, von der Kritik einhellig überschwänglich begleiteter Roman "Atemschaukel". Er ist vor wenigen Wochen im Münchner Hanser Verlag erschienen. Der - aber das nur nebenbei - wird gerade mit dem erwartbar überschwänglichen, indes wenig poetischen Satz zitiert: "Es ist großartig."
Herta Müller ist die zwölfte Frau, die den Literatur-Nobelpreis erhält. (© Foto: AP)
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Herta Müller, die gerade in Düsseldorf mit der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft ausgezeichnet worden ist, gilt als "politische Poetin". Ihr Werk zeichnet sich durch Spracherfindungen aus, die Heimatlosigkeit, Hunger, Angst, Ausgestoßensein und Verfolgung in beklemmenden Bildern ausdrückt und erlebbar macht. "Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß" lautet eines von ihnen. Oder: "Vielleicht wurde in dieser Nacht nicht ich, aber der Schrecken in mir plötzlich erwachsen."
Es sind oft Grenzerfahrungen, denen die Protagonisten der Müllerschen Prosa ausgesetzt sind: Lagerinsassen, die ihre Individualität verloren haben, Ortlose, die ihre Heimat aufgeben mussten und nun nirgendwo mehr ankommen können. Das literarische Experiment der 1953 im rumänischen Nitzkydorf geborenen Herta Müller ist es, gegen die menschenverachtenden, überwölbenden Bedrohlichkeiten Lebensmut, demokratisches Bewusstsein und Widerstand zu konstatieren. Dabei bleibt sie sachlich, wenn es um die akribische, objektive Beschreibung der Situationen geht, sie wird poetisch bei der Schilderung innerer Erlebenswelten. So wird aus dem Gefangenenlager Nowo-Gorlowka, irgendwo in der Steppe, der Terrorort penibler bürokratischer Ordnung, gleichzeitig ein Pandämonium aus kreatürlichen Ängsten, völliger Verunsicherung der Insassen und ein Phantasieraum, in dem verlorenes Glück - oder auch nur eine Speisekarte unerreichbarer Köstlichkeiten beschworen wird. "Höher als jede Wand wächst das Misstrauen" - das sind dann immer wieder Sätze, die alles Imaginäre wieder erden, es herunterbrechen auf eine Wirklichkeitserfahrung, die nur scheußlich zu nennen ist. Müller erschafft ein Vexierbild, in dem das Oratorium überzeitlichen Leidens mit der Stenographie des konkreten historischen Moments überblendet wird.
Herta Müller verließ 1987 mit ihrem Mann das Land, lebt jetzt in Berlin. Sie gehörte der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens an, ihr Vater hatte im Zweiten Weltkrieg in der Waffen-SS gedient, die Mutter wurde wie viele Rumäniendeutsche 1945 in die Sowjetunion deportiert und war fünf Jahre in einem Arbeitslager in der jetzigen Ukraine interniert.
Während ihres Studiums Mitte der siebziger Jahre in Timisoara stand Müller der Aktionsgruppe Banat nahe, einem Kreis junger deutschsprachiger Autoren, die in Opposition zur Diktatur für Meinungsfreiheit eintraten. Nach Abschluss ihres Studiums verlor sie ihre Stelle als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, weil sie sich geweigert hatte, mit der Geheimpolizei zusammenzuarbeiten und Spitzeldienste zu leisten, Danach war sie Schikanen der Geheimpolizei ausgesetzt. Wegen ihrer Kritik an der Diktatur wurde sie in Rumänien mit einem Publikationsverbot belegt. Dennoch wäre es bei dieser Vita zu einfach, ja es wäre verfehlt zu sagen, Müller arbeite lediglich ihre eigene Geschichte auf oder hadere literarisch mit dem Schicksal. Herta Müller zeichnet derart prägnante Bilder von Menschen, dass sie eigentlich eine Individualismusschriftstellerin genannt werden muss, obwohl sie das Individuum doch immer so gefährdet, ja dem Untergang geweiht sieht.
Auch wenn ihr Thema Heimatlosigkeit zu sein scheint, weiß man doch, dass Menschen eine Heimat haben können, solange sie Mensche sind: die Heimat einer Sprache, wenn sie mehr ist als bloßes Instrument der akkuraten Beschreibung von Lebens- und Leidensumständen, nämlich "phantastisch und kraftvoll" - wie die Königliche Akademie zu Stockholm sie bezeichnet. Herta Müller, die poetische Realistin, hat den Literatur-Nobelpreis 2009 nun zu Recht erhalten.
Die Auszeichnung ist mit umgerechnet rund 970.000 Euro dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm verliehen.
Im vergangenen Jahr ging der Literatur-Nobelpreis an den französischen Autor Jean-Marie Gustave Le Clézio.
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(sueddeutsche.de)
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Zitiere wawerkA; WER AUCH IMMER DAS IST. "Was für gebildete Menschen hier doch im Forum unterwegs sind."
Vor allem sticht ihre CouraGe ins Gesicht. Seine Bewunderung für Frau Müller auszusprechen ist ja sooo gefährlich. Der Westen ist doch tatsächlich immer noch daran interessiert, das Ostsystem niederzumachen. Ob er selbst so viel besser ist, wird nicht gefragt.
Ganz klar grün bei der kleinen Umfrage: Was für gebildete Menschen hier doch im Forum unterwegs sind.
Der "Schlag ins Nichts" ging dann wohl in die Leere so manchen Oberstübchens. Wären Sie wirklich Siebenbürger Sachse, wie Sie behaupten, dann wäre Ihnen bekannt, dass "Atemschaukel" das Schicksal des siebenbürgischen Autors und Büchner-Preisträgers Oskar Pastior thematisiert, seine Verschleppung nach Russand, Kollektivtrauma aller Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben.
Sie wären auch dankbar, dass sie mächtige, poetische Worte für Situationen findet, in denen die Literatur bisher mit dem hilflosem Gestammel des "lähmenden Entsetzens", "sprachlosen Grauens" unwürdig durchkrückte und nie die angemessen Empathie für alle Menschen dieser Welt empfinden konnte, die auf Gedeih und Verderb einem brutalen Totalitarismus ausgeliefert sind.
ist das nur für ein ignorantes Gekreische hier im Forum? Seit wann ist es wieder salonfähig, mit der Unkenntnis zeitgenössischer Kunst zu prahlen? In solchen Momenten schämt man sich der Mitgliedschaft im südcafé.
Herzlichen Glückwunsch Frau Müller!
"Die Auszeichnung ist mit umgerechnet rund 970.000 Euro dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm verliehen."
Liebe Frau Mueller, moechten Sie mich bitte adoptieren? :-D
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