Literatur Meister der Prosa des Augenblicks

"Die Uhr von Cergy-Saint-Christophe war freilich an jenem Abend stehengeblieben, oder stand vielleicht schon seit Längerem."

(Foto: Franck Renoir/picture-alliance/dpa)

Kurz vor seinem 75. Geburtstag erscheint Peter Handkes neues Buch "Die Obstdiebin". Wer darin nach Verbindungslinien zum Lebensstoff seines Autors sucht, wird rasch fündig.

Von Lothar Müller

Zu den Doppelgängerfiguren, die in seinem Werk auftauchen, gehört Peter Handke selbst. In ihm gibt es, nunmehr schon seit Jahrzehnten, zwei Autoren, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen, einander zuarbeiten, miteinander rivalisieren, hin und wieder über einander den Kopf schütteln, sich voneinander entfernen, aber nie aus den Augen verlieren. Der eine verfasst, auf Reisen oder an seinem jeweiligen Wohnort, Notizen, Aufzeichnungen, Kommentare zu Lektüren, Einfälle, und macht daraus irgendwann ein Buch. Der andere arbeitet derweil in immer neuen Anläufen daran, ein Erzähler zu werden und hat es dabei nicht leicht, weil er kein Geschichtenerfinder ist.

So nimmt er, was ihm seit der Kindheit andere erzählt haben, was er im Kino gesehen, in Bluesballaden und Rocksongs gehört hat, und nicht zuletzt den Stoff des eigenen Lebens, um es in die Form von Geschichten zu bringen und so zum Erzähler zu werden. Lange Zeit hat er, etwa seit 1989, "Versuche" über alles mögliche geschrieben, die Jukebox, die Müdigkeit, den geglückten Tag oder den stillen Ort, die trotz ihres Titels nicht Essays waren, sondern Versuche des Erzählers, seinen Doppelgänger in den Helden einer Geschichte zu verwandeln.

"Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie", heißt es bei Wolfram von Eschenbach

Peter Handke geht inzwischen auf seinen 75. Geburtstag zu. An diesem Montag erscheint nach längerer Zeit wieder einer seiner epischen Großversuche. Er heißt "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere". Wer darin nach Verbindungslinien zu seinen Vorläufern und nach dem Lebensstoff seines Autors sucht, wird rasch fündig. In dem Buch "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" (2002) war ebenfalls eine weibliche Heldin, die im Finanzsektor arbeitende "Bankfrau", zu einer Abenteuerreise in die spanische Hochebene aufgebrochen und war auf der Suche nach ihrer Tochter. Nun ist die junge Obstdiebin auf der Suche nach ihrer Mutter unterwegs, zwischen den nördlichen Ausläufern der Île de France und einem - freilich niedrigeren - Hochplateau in der angrenzenden Picardie.

Aber ehe die junge Frau auftaucht, bricht der Erzähler aus seinem Haus in der "Niemandsbucht" Richtung Picardie auf, an einem Sommertag im August, nachdem er von einer Biene gestochen worden ist. Der Autor hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seine Niemandsbucht um das Haus in Chaville südwestlich von Paris herum entworfen hat, in dem er seit fast dreißig Jahren lebt. Und in Interviews hat er berichtet, er habe vor einigen Jahren ein weiteren Haus erworben, in der Picardie.

Das Buch "Mein Jahr in der Niemandsbucht"(1994) firmierte im Untertitel als "ein Märchen aus neueren Zeiten", und "Der Bildverlust" gab sich im Untertitel offenkundig nur deshalb als "Roman" aus, um zum "Don Quijote" des Miguel de Cervantes hinüber zu grüßen, dem er sein Motto verdankte: "Vielleicht haben die Ritterschaft und die Verzauberungen heutzutage andere Wege zu nehmen als bei den Alten". Mit dem landläufigen Roman, seinen Plots, seinen Handlungsmustern hat der Schriftsteller Peter Handke seit je nichts zu schaffen. Und vom James Joyce des "Ulysses" wie vom "Mann ohne Eigenschaften" Robert Musils hat Handke sich mit Grausen abgewandt, als er das "epische" Erzählen zu seinem Ideal und das Mittelalter zu seiner Wahlheimat erklärte. Früh tauchte dabei, etwa in der "Niemandsbucht", die Hoffnung auf eine Wiederkehr des Wolfram von Eschenbach als Autor der Gegenwart auf. Er ist nun der wichtigste Schirmherr der "Obstdiebin", die sich in Handkes letztem Aufzeichnungsband "Vor der Baumschattenwand nachts" als Projekt eines "letzten Epos" findet.

Wolfram von Eschenbach erzählt von Ereignissen, die in Frankreich stattfinden,und im "Willehalm", dem Handke eines seiner Motti entnimmt ("Man gesach den liehten summer in sô maniger varwe nie", "Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie"), begegnen sich Christen und Muslime, wie auf dieser kurzen, nur wenigen Tage dauernden Reise in die Picardie, der alten Kornkammer der französischen Könige, deren Name in den Ohren der Obstdiebin etwas "Ritterliches", "Chevaleresques" hat.