Kunstmarkt Vom Kopf auf die Füße

Über öffentliche Kunst entscheiden fast immer Politiker und Sachverständige. Die "Neuen Auftraggeber" wollen das ändern. Sie machen die Bürger selbst zu Mäzenen.

Von Georg Imdahl

Als Alexander Koch 2007 der Vorsitz des Vereins mit dem sonderbaren Namen angetragen wurde, erkannte der junge Kurator in den Zielen der "Neuen Auftraggeber" eine "Antwort auf alle meine Fragen". Deren Programm fand er "revolutionär". Seine Fragen waren grundsätzlich, sie galten der Relevanz von Kunst, ihrer gesellschaftlichen Teilhabe, den Vorzeichen ihrer Entstehung. Die Antworten lieferte ein Modell, das in Frankreich entwickelt worden war und sich dort flächendeckend durchgesetzt hat. Koch nennt es eine "Kulturtechnik".

Kunst im öffentlichen Raum, so der heutige Berliner Galerist, folge noch immer dem Schema F. Wettbewerbe werden ausgelobt, Kommissionen aus Fachleuten tagen, Künstler erhalten Aufträge, und wenn das Werk fertig ist - dann erst -, erfährt die Öffentlichkeit etwas von der Kunst, die in ihrem Namen bestellt wurde. "Partizipation sieht anders aus", so Koch.

In Frankreich haben die Neuen Auftraggeber schon 300 Projekte realisiert

Genau darauf zielten in Paris schon in den frühen Neunzigern die Ideen der "Nouveaux Commanditaires". Warum und in wessen Namen Kunst im öffentlichen Raum stattfinden soll, müsse ihnen zufolge "nicht kulturpolitisch herbeigeredet werden", vielmehr sei dies von vornherein geklärt, weil das Verfahren "vom Kopf auf die Füße gestellt" werde. Nicht die Kommune trete als Initiator auf, nicht eine Institution, auch kein reicher Mäzen - die Gemeinschaft selbst wird von Beginn an in die Produktion eingebunden.

Kunst tatsächlich als res publica - klingt idealistisch, ist es zweifellos auch. Doch genau dieser Idealismus hat jene bislang mehr als 300 Projekte in Frankreich überhaupt erst möglich gemacht, seit 1991, auf Initiative der Fondation de France, der Künstler François Hers die "Nouveaux Commanditaires" ins Leben rief und völlig neue Paradigmen für Vergabe von Kunst im öffentlichen Auftrag entwickelte. Die Liste realisierter Werke ist lang und enthält außer weniger bekannten auch viele namhafte Künstler, darunter Vito Acconci, Angela Bulloch und Ernst Caramelle, von Yona Friedman, Liam Gillick, Dominique Gonzalez-Foerster und Martha Rosler.

Die neuen Auftraggeber von Bifolone in Kamerun.

(Foto: Alexander Koch)

Jessica Stockholder, auch sie eine namhafte Größe in der zeitgenössischen Kunst, entwarf in Bures-sur-Yvette bei Paris einen "mathematischen Spielplatz"; Joëlle Tuerlinckx begab sich über zwei Jahre hinweg jeweils eine Woche im Monat ins südfranzösische Cransac, um ein "Musée de la Mémoire" ins Leben zu rufen; im Auftrag des Paoli Calmettes Institute, eines Krebszentrums in Marseille, gestaltete Michelangelo Pistoletto eine Kapelle in einen multikonfessionellen Andachtsraum um.

Die Kuratoren heißen hier "Mediatoren". Das letzte Wort haben die Bürger

In Trébédan bei Saint-Malo in der Bretagne wiederum wurde eine Schule umfassend renoviert: Dies kam den Bedürfnissen der Bürger näher als eine Skulptur auf dem Schulhof, wie sich in einem über mehrere Jahre geführten Gespräch mit der Pariser Designerin Matali herausgestellt hatte. In Ors bei Charleroi schließlich baute Simon Patterson "La Maison Forestière", eine Gedenkstätte für den 1918 hier gefallenen britischen Dichter und Soldaten Wilfred Owen, einem wichtigen literarischen Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs.

Mit einem Wort der amerikanischen Kunsthistorikerin Miwon Kwon lassen sich all diese Aktivitäten als "Community Involvement" beschreiben. Das Verfahren läuft immer nach demselben Prinzip ab: Bürger wenden sich an den Verein, dieser bestellt einen seiner "Mediatoren" (wie die Kuratoren genannt werden). Der wiederum lotet gemeinsam mit der Bürgerschaft aus, welche Kunst und welcher Künstler für die Situation vor Ort in Frage kommen. Soweit Projektphase eins: Dafür steht in der Regel ein Budget von bis zu 10 000 Euro zur Verfügung.

Simon Patterson "La Maison Forestière", eine Gedenkstätte für den Dichter Wilfred Owen im französischen Ors.

(Foto: Simon Patterson)

Die "Neuen Auftraggeber" werden auch in Deutschland in dieser Startphase des jeweiligen Vorhabens - erstaunlich genug - noch immer aus der französischen Stiftung mitfinanziert. In Phase zwei geht es dann an die Realisierung, nicht zuletzt an die Geldbeschaffung. In Deutschland haben sich bisher neben anderen schon die Bundeszentrale für politische Bildung, die Hamburger Körber-Stiftung, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kulturstiftung des Bundes an Projekten beteiligt.

Von Brandenburg bis Kamerun: Das Verfahren setzt sich international durch

"Jedes Projekt hat seine eigene Dynamik", so Gerrit Gohlke, Direktor des Brandenburgischen Kunstvereins in Potsdam und einer von neun Mediatoren in Deutschland. Im nordbrandenburgischen Pritzwalk haben sich die Energien im Sinne des Vereins entfaltet. Dort plätscherte der Brunnen vor dem Rathaus vor sich hin und strahlte mehr Siechtum als blühende Landschaft aus, als zwei Bürgerinnen auf die Idee kamen, der 12 000-Seelen-Gemeinde mit Gegenwartskunst Leben einzuhauchen.

Der Auftrag lautete offiziell: "Die Verödung der Altstadt abwenden". Wie das aussehen könnte? Darüber hatten die Verwaltungsangestellten keine Vorstellung. Eher zufällig gerieten sie an die "Neuen Auftraggeber". Der Mediator Gerrit Gohlke schlug Clegg & Guttmann als Künstler vor. Aus deren Dialog mit den Bürgern entstanden "Die sieben Künste von Pritzwalk" - ein Festival in sieben leerstehenden Ladenlokalen mit Performances und Kunst aller Gattungen, das sich als kollektive "soziale Plastik" verstand. Alle sollten sich bekennen - und mitmachen. "Wir haben zu viele Projekte gesehen, in denen Teilhabe nur eine Behauptung ist", so Martin Clegg.

Erwin Wurms Imbissbude "Bob" in Lille.

(Foto: André Morin)

In Pritzwalk sollte sie Wirklichkeit werden. Daraus erwuchs 2014 - nachhaltigstes Ergebnis der mit 64 000 Euro budgetierten konzertierten Aktion - die Gründung eines Kunstvereins. Binnen kurzer Zeit sind den "Kunstfreunden Pritzwalk" 50 Mitglieder beigetreten, eine bemerkenswerte Zahl. Der Verein hat eines der verwaisten Ladengeschäfte als Mieter bezogen. Die Kunst hat ihren Teil dazu beigetragen, die Verödung abzuwenden.

Eine "kuratorische Weltformel haben wir nicht", sagt Golhke, der die Künste von Pritzwalk soeben in einer Ausstellung in Potsdam feiert. Aber die "tiefenpsychologische Betreuung" sei erfolgreich. So auch im sächsischen Kleinliebenau, wo das Pariser Atelier le Balto eine Rittergutskirche aus dem 14. Jahrhundert wieder ins Dorfleben zurückholte (Budget 30 000 Euro).

Oder in Wurzen, ebenfalls in Sachsen, wo mehrere Künstler, darunter Via Lewandowsky und Johanna Kandl, auf Anregung des "Bündnis für Demokratie gegen Neonazismus", eine Auseinandersetzung mit dem Denkmal für die Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg angestoßen haben.

Inzwischen hat sich das Netzwerk über Europa hinaus in den Nahen Osten und nach Afrika ausgeweitet. An Projekten in Indien, Nigeria, Südafrika und Kamerun beteiligt sich das Goethe-Institut. Zu den jüngsten neuen Auftraggebern zählt eine Dorfgemeinschaft der Baka-Pygmäen in Kamerun. Die Mission zielt hier darauf ab, ein Museum ethnografischer Gegenstände zu gründen.

Ist solcher Support dann nicht doch missionarisch, ja kolonialistisch? Nein, antwortet Koch. Man helfe bei der Finanzierung, "und auch in Kamerun gibt es durchaus Geld, es ist nur falsch verteilt". Was damit aber die Auftraggeber anstellten, sei "Sache kultureller Selbstbestimmung".

Den nächsten Schritt hat Alexander Koch schon vor Augen. Er möchte keinen geringeren als die Vereinten Nationen als Partner gewinnen.

Die sieben Künste von Pritzwalk. Brandenburgischer Kunstverein Potsdam. Bis 31. Januar. www.bvk-potsdam.de. www.nouveauxcommanditaires.eu