Kunstausstellung Laura Poitras' Drohnenkrieg

Die Vertraute von Edward Snowden zeichnet im New Yorker Whitney Museum die dunklen Seiten der US-amerikanischen Politik nach.

Von Peter Richter, New York

Laura Poitras hat etwas zu sagen, und das tut sie journalistisch oder mittels Filmen und wenn es sein muss auch als Kunst. Für das, was sie zu sagen hat, ist es dabei nicht unwesentlich, wo sie jetzt zum ersten Mal überhaupt mit einer Einzelausstellung auftritt: Das Whitney Museum of American Art in New York hat der Künstlerin, Filmemacherin und Vertrauten von Edward Snowden eine ganze Etage gegeben, das ist für diese Institution auch ein Statement eigener Art. Und für Poitras ist es eine triumphale Heimkehr, nachdem sie, wie ein im Katalog abgedruckter Tagebuchausschnitt verrät, fast schon davon ausgegangen war, für immer in ihrem deutschen Exil bleiben zu müssen.

Bisher verstand sie sich als Filmemacherin

Die ständigen Verhöre auf den Flughäfen, die sie seit Beginn der Arbeit an ihrer "9/11-Trilogy" durchmachen musste, hatten es der Amerikanerin 2012 geraten erscheinen lassen, lieber von Berlin aus daran weiter zu arbeiten. Zwei Filmen über Amerikas "War on Terror" nach den Anschlägen vom 11. September sollte ein dritter folgen, der sich mit der Überwachung nach innen beschäftigte und während der Arbeit daran zu einer Live-Dokumentation über die Flucht und die Enthüllungen des Ex-CIA-Analysten Edward Snowden wurde.

Snowden wird wissen, was er tut

In ihrer Dokumentation "Citizenfour" zeigt Laura Poitras, wie Edward Snowden den Glauben an ein freies Internet für immer zerstörte. Von Martina Knoben mehr ... TV-Kritik

Wie es weiterging, ist bekannt: Für den Film gab es einen Oscar, Snowden gilt in den USA weiterhin als Verräter, die Nachrichtendienste setzen ihre Arbeit fort, worüber die öffentliche Empörung in Europa deutlich größer scheint als in den USA selbst; wobei nach Terroranschlägen wie in Paris das "Versagen der Dienste" beklagt wird, was von Geheimdienstlern wie dem früheren CIA-Boss Michael Morrell erwartungsgemäß den Snowden'schen Offenlegungen angelastet wird.

Woran aber vielleicht noch einmal erinnert werden muss: "Citizenfour", der Titel des Films, war der Name, unter dem Snowden Kontakt zu Poitras aufgenommen hatte. Den verschlüsselten Ordner mit den Beweisen für die Massenüberwachung durch die NSA hatte er "Astro Noise" genannt - nach dem galaktischen Hintergrundrauschen, das den Experten zufolge noch vom Big Bang kündet: die astronomische Variante von Benjamins Wind der Geschichte, der vom Paradies her bläst.

Bei Laura Poitras weht der Wind sicherlich nicht aus dem Paradies

Poitras nutzt den poetischen Überschuss und hat nun ihre Ausstellung ebenfalls "Astro Noise" genannt. Es geht schließlich auch um das gleiche: Die Realität einer "totalen Überwachung". Im speziellen Rahmen eines Kunstmuseums rückt die Sichtbarkeit dieser Aktivitäten in den Fokus, oder wenn man es in ästhetischen Begriffen fassen will: das sinnliche Scheinen einer Idee von Sicherheit, deren Praxis viele Gefangene macht.

Und so steht, wer im Whitney Museum aus dem Fahrstuhl tritt, zunächst einmal Bildern gegenüber, die wirken, als hätten sich dafür die Künstler Gerhard Richter und Wade Guyton zusammengetan. In Wahrheit sind es Visualisierungen von Satelliten- und Drohnen-Signalen, die von der britischen Armee aus dem Himmel über dem Mittelmeer gesaugt wurden. Diese Operation hieß, Snowden zufolge, ausgerechnet "Anarchist".

Dass das Aufeinanderprallen von bildgebenden Medien, Natur und Militärtechnik Ergebnisse zeitigen kann, die eminent nach geradezu wohnzimmertauglich schöner Kunst aussehen und erst auf den zweiten ihren wahren Charakter offenbaren, beweist der Künstler Trevor Paglen schon seit ein paar Jahren.

Paglen und Poitras gehören zu einer ganzen Szene von überwachungskritischen Amerikanern, die zwischen Berlin und den USA pendeln. Die inhaltliche Nähe drückt sich auch formal aus. Die Bilder, die Poitras hier ausstellt, wirken wie die in jeder Hinsicht ungegenständliche Variante dieses Ansatzes; sie werden nicht besonders konkret, sie machen nur deutlich, dass unser säkularisierter Himmel wieder bewohnt ist, diesmal allerdings von herumhuschenden Spionen und von ätherischen Todesschwadronen.