Noch nie war der Krimi so erfolgreich. Aber noch nie gab es auch so peinliche Figuren, noch nie so verstiegene Plots. Der Kriminalroman wird immer dümmer - und gräbt sich sein eigenes Grab.
Es war die Schuld seiner Mutter, einzig und allein ihre Schuld, daran gab es nichts zu rütteln. Sie hatte ihm schon früh diesen Abscheu eingeimpft, aus dem später Verachtung und irgendwann Hass geworden war. Abgrundtiefer Hass auf alle Weiber." So leicht wird der Mann zum Serienmörder, wie hier in dem demnächst erscheinenden Buch der Bestsellerautorin Petra Hammesfahr; es trägt den geistvollen Titel "Der Frauenjäger". Mama ist an allem schuld.
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Die Klassiker des Genres sind längst Teil des literarischen Kanons: Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie (das Bild zeigt Peter Ustinov als Hercule Poirot), Raymond Chandler... Der Krimi hat es also in die Literatur geschafft. Heute ist er auf dem besten Wege, sie wieder zu verlassen. (© ddp)
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Serienmörder sind immer gut. Nie zuvor im Kriminalroman gab es so viele absurde Serienkiller, so lächerliche Figuren und so peinliche Plots wie derzeit. Es wirkt, als hätten die Autoren eine jener geheimen Bruderschaften gebildet, über die sie ebenfalls so gerne schreiben; freilich ist es eine Bruderschaft des Blödsinns. Nie zuvor gab es überhaupt so viele Krimis. Und nie zuvor hatten sie so wenig mit der Wirklichkeit zu tun.
Der Serienmörder ist geradezu das Symbol der literarischen Verkümmerung eines Genres. Er hat, selbstredend, mit realen Vorbildern, meist traurigen Psychiatriefällen, nichts zu tun. All die Krimikiller sind Klone von Hannibal Lecter, Hannibal the Cannibal, dem genialen, von Anthony Hopkins verkörperten Mörder aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" von 1991. Und obwohl noch kein Kriminalpsychologe der Welt je solche Täter gesehen hat, bevölkern sie in Legionsstärke den zeitgenössischen Kriminalroman, eine Figur aberwitziger als die andere.
Bei Starautorin Patricia Cornwell geht sogar ein haariger Werwolf um respektive dessen bildschöner Zwillingsbruder. Nicht minder erfolgreich ist der Brite Simon Beckett beim erfolgreichen Versuch, seinen Forensiker-Erstling "Die Chemie des Todes" wieder und wieder zu recyceln. Irgendwie geht es immer, man verliert den Faden, um Leichenteile sammelnde Psychos. Val McDermid zelebriert die Taten ihrer selbstredend genialischen Täter an ebenso selbstredend schönen jungen Frauen auf eine Weise, die einen aus guten Gründen an der mentalen Befindlichkeit der Verfasserin zweifeln lassen.
Die Klassiker des Genres sind längst Teil des literarischen Kanons: Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Friedrich Dürrenmatt, Georges Simenon. Der Krimi hat es also in die Literatur geschafft. Heute ist er auf dem besten Wege, sie wieder zu verlassen. Seit Jahren feiert er immer neue Erfolge bei den Lesern, er gehört zu den letzten Säulen, auf die der Buchhandel wirklich noch bauen kann. Daher die Sucht nach Nachschub, so geistlos dieser auch sein mag. Nun ist der Strom der Adepten, Nachahmer und Trittbrettfahrer zu einer Woge geworden, die das Genre mit sich fortspült, zurück in das Meer der Trivialität.
Kurt Tucholsky hat sich schon 1928 über die vielen Gangsterromane belustigt: "Heute geht es schnell und fix zu, klipp-klapp: Verbrechen, der Detektiv sog an seiner mächtigen Pfeife, das Auto braust in die Vorstadt, Blausäure, Brandstiftung, die schwarze Mündung des Revolvers richtete sich auf den erblassten Billy, und auf Seite zweihundert ist alles in Ordnung. Das hat der Geschäftsmann gern - Tempo, Tempo!" Aber das waren wenigstens Geschichten mit nachvollziehbarer Handlung. Heute wäre das Buch 900 Seiten dick und der Detektiv eine bildschöne Profilerin, genarrt vom hochintelligenten Mamasöhnchen und Serienkiller Billy, und Billy, zugleich ein bekannter Professor und Berater von Scotland Yard, hätte eine Sammlung menschlicher Köpfe im Keller.
Erfahren Sie auf Seite 2, wie die Bosch-Bücher der Spiegel harter Realität sind.
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Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Ganz einfach - wird im Klappentext etwas von einem Serienkiller erwähnt, lasse ich das Buch einfach stehen - ist gar nicht schwer
In einigem gebe ich Herrn Käppner ja recht.
Aber Gottseidank gibt es neben der erwähnten, die Bestsellerlisten dominierenden, auch noch jede Menge anderer Kriminalromane - angeblich zwischen 600 - 800 pro Jahr in Deutschland.
Da muss der Leser halt ein bisschen suchen, auch abseits der großen Verlage und bisher habe ich immer noch gutes bis sehr gutes Krimi-Lesefutter gefunden - in letzter Zeit häufig auch von deutschen AutorINen - auch wenn ihnen aus marketechnischen Gründen gerne das Etikett Regional-Krimi angeheftet wird.
Man darf halt die Verlagsaufkleber nur als das sehen, was sie sind: Werbesprüche, die nichts mit dem Inhalt zu tun haben.
Der Krimi wird für mich nicht dümmer und begräbt sich eher, als in der Vergangenheit. Die-sen Teil des Genres gab es schon immer, auch zu Zeiten von Doyle, Simenon, Chandler usw., denn nur die guten aus der jeweiligen Zeit haben überlebt und bleiben im Gedächtnis
Vielleicht hat Herrn Käppner den Neujahrskater noch nicht richtig überwunden und sieht daher den Krimiweltuntergang
Beklagenswert ist nicht nur die heutige Mainstream-Krimilandschaft, die hat sich gegenüber der Vergangenheit im wesentlichen nur quantitativ verändert. Beklagenswert ist auch die weinerliche Aussage des obigen Kommentars, es gäbe nur noch qualitativ schlechte Krimis. Diese Behauptung ist nicht nur oberflächlich und dumm, sie ist vor allem falsch.
Dass sich anhand von Beispielen nichts beweisen läßt, sollte sich auch unter Kulturkritikern herumgesprochen haben. Insofern lohnt es sich auch nicht, auf genannte Beispiele einzugehen. Die Vorgehensweise des Kritikers gleicht der eines alternden Mannes, der als Musikfan der 60-er und 70-er Jahre heute die aktuelle Hitparade erleiden muß und daraus schlußfolgert, heute gäbe es nur noch schlechte Musik. Was für ein Unsinn!
Fahren Sie runter von der langweiligen Krimi-Autobahn, auf die Land- und Gemeindestraßen, auf Wüstenstraßen und auf Dschungelpisten. Es gibt wie eh und je hervorragende Krimis und weniger sind es auch nicht geworden, man muß sie allerdings suchen.
Richtig ist, dass es natürlich auch mehr schlechte Krimis gibt und zwar deshalb, weil es insgesamt viel mehr Krimis gibt und richtig ist auch, dass gerade diese "Krimis" vom Marketing beworben und gepusht und wie Fastfood verramscht werden. Aber: es gibt eine Vielzahl (auch) kleiner und mittlerer Verlage, die hervorragende Krimis veröffentlichen und zwar nicht nur (häufig überaus kritikwürdige) Regionalkrimis, sondern Krimis aus allen Teilen der Welt.
Fazit: Wer Qualität sucht, muß sich vorher informieren. Das ist bei Büchern nicht anders, als bei anderen Produkten. Mäkel-Kommentare ohne Substanz sind überflüsig.
Seit Jahren frage ich mich, warum unter Krimiautoren neuerdings dieser internationale Wettbewerb um die ekelhafteste Todesart tobt.
Leiche, klar, von mir aus auch zermatscht, aber muss man in allen Einzelheiten ausmalen, welcher Hautfetzen wo runterhängt und dass der Daumennagel sich durch die Handfläche gebohrt hat? Warum muss jeder Mord ein Serienmord, jeder Killer pervers, jede Todesart widerlicher und langwieriger als die vorhergehende sein?
Vermutliche Ursache: Scheußliche Todesarten sind die billigste Methode, die fieberhafte Suche nach dem Mörder zu motivieren. Echte Emotionen gehen anders.
Wenn ich solche Krimis lese, und es bleibt einem ja fast nichts anderes übrig, dann überspringe ich die ekelhaften Stellen. Sie tun nichts zur Sache. Ich brauche das nicht zu wissen. Ich brauche eine unterhaltsame Handlung mit interessanten Personen.
Genau genommen brauche ich noch nicht einmal eine Leiche, wenn nur die Suche nach dem Täter richtig motiviert ist. Siehe Erich Kästner, „Emil und die Detektive“ oder das filmische Meisterwerk „Fahrraddiebe“.
Mit freundlichen Grüßen
Fredrika Gers
Ein schöner Artikel, der die Gedanken beschreibt, die mich schon seit Jahren immer dann beschleichen, wenn ich durch den Eingangsbereich der Grußbuchhandlungen wandere.
Nicht nur die Thematik ist immer identisch in diesen Romanen (immer wahnwitzige Serienmörder mit abstrusesten Motiven), auch die Titel und die Gestaltung der Cover ist für eine Saison in allen Verlagen identisch.
Meist langweilen mich schon die Zusammenfassungen auf der Rückseite ("X war Profiler/Agent/Staatsanwalt in Y, hat aber nach Mord an Ehefrau/Ehemann/Lieblingshund Z den Dienst quittiert. Da geschieht in der Nachbarschaft ein neuer abscheulicher Mord, der an die Ermordung seiner/seine Ehefrau/Ehemann/Lieblingshund erinnern") usw. usw. Man neigt allein beim Lesen dieser wenigen Zeilen zum Gähnen.
Da lobe ich mir die guten alten "Wer-war-es"-Krimis von Agatha Christie. Die Motive waren immer nachvollziehbar (Gier oder Vertuschung) und die Figuren verglichen mit den heutigen Köpfen in Kriminalromanen geradezu vorbildliche Milieu- und Charakterstudien.
Ich erinnere mich gerade an einen besonders schlechten Roman, 900 Seiten mit unglaublichen Vorschusslorbeeren. Spannung Null, Realitätsnähe Null, Charaktervielfalt Null. Die bösen sind einfach nur böse, die guten immer belastet, verstört, aber mit markanten Gesichtszügen (Gähn) und noch immer gut durchtrainierten Körper (Doppelgähn).
Wer keine aktuellen Krimis liest, verpasst absolut nichts.