Kriminal-Literatur Der Gärtner war's

Noch nie war der Krimi so erfolgreich. Aber noch nie gab es auch so peinliche Figuren, noch nie so verstiegene Plots. Der Kriminalroman wird immer dümmer - und gräbt sich sein eigenes Grab.

Von J. Käppner

Es war die Schuld seiner Mutter, einzig und allein ihre Schuld, daran gab es nichts zu rütteln. Sie hatte ihm schon früh diesen Abscheu eingeimpft, aus dem später Verachtung und irgendwann Hass geworden war. Abgrundtiefer Hass auf alle Weiber." So leicht wird der Mann zum Serienmörder, wie hier in dem demnächst erscheinenden Buch der Bestsellerautorin Petra Hammesfahr; es trägt den geistvollen Titel "Der Frauenjäger". Mama ist an allem schuld.

Serienmörder sind immer gut. Nie zuvor im Kriminalroman gab es so viele absurde Serienkiller, so lächerliche Figuren und so peinliche Plots wie derzeit. Es wirkt, als hätten die Autoren eine jener geheimen Bruderschaften gebildet, über die sie ebenfalls so gerne schreiben; freilich ist es eine Bruderschaft des Blödsinns. Nie zuvor gab es überhaupt so viele Krimis. Und nie zuvor hatten sie so wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

Der Serienmörder ist geradezu das Symbol der literarischen Verkümmerung eines Genres. Er hat, selbstredend, mit realen Vorbildern, meist traurigen Psychiatriefällen, nichts zu tun. All die Krimikiller sind Klone von Hannibal Lecter, Hannibal the Cannibal, dem genialen, von Anthony Hopkins verkörperten Mörder aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" von 1991. Und obwohl noch kein Kriminalpsychologe der Welt je solche Täter gesehen hat, bevölkern sie in Legionsstärke den zeitgenössischen Kriminalroman, eine Figur aberwitziger als die andere.

Bei Starautorin Patricia Cornwell geht sogar ein haariger Werwolf um respektive dessen bildschöner Zwillingsbruder. Nicht minder erfolgreich ist der Brite Simon Beckett beim erfolgreichen Versuch, seinen Forensiker-Erstling "Die Chemie des Todes" wieder und wieder zu recyceln. Irgendwie geht es immer, man verliert den Faden, um Leichenteile sammelnde Psychos. Val McDermid zelebriert die Taten ihrer selbstredend genialischen Täter an ebenso selbstredend schönen jungen Frauen auf eine Weise, die einen aus guten Gründen an der mentalen Befindlichkeit der Verfasserin zweifeln lassen.

Die Klassiker des Genres sind längst Teil des literarischen Kanons: Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Friedrich Dürrenmatt, Georges Simenon. Der Krimi hat es also in die Literatur geschafft. Heute ist er auf dem besten Wege, sie wieder zu verlassen. Seit Jahren feiert er immer neue Erfolge bei den Lesern, er gehört zu den letzten Säulen, auf die der Buchhandel wirklich noch bauen kann. Daher die Sucht nach Nachschub, so geistlos dieser auch sein mag. Nun ist der Strom der Adepten, Nachahmer und Trittbrettfahrer zu einer Woge geworden, die das Genre mit sich fortspült, zurück in das Meer der Trivialität.

Kurt Tucholsky hat sich schon 1928 über die vielen Gangsterromane belustigt: "Heute geht es schnell und fix zu, klipp-klapp: Verbrechen, der Detektiv sog an seiner mächtigen Pfeife, das Auto braust in die Vorstadt, Blausäure, Brandstiftung, die schwarze Mündung des Revolvers richtete sich auf den erblassten Billy, und auf Seite zweihundert ist alles in Ordnung. Das hat der Geschäftsmann gern - Tempo, Tempo!" Aber das waren wenigstens Geschichten mit nachvollziehbarer Handlung. Heute wäre das Buch 900 Seiten dick und der Detektiv eine bildschöne Profilerin, genarrt vom hochintelligenten Mamasöhnchen und Serienkiller Billy, und Billy, zugleich ein bekannter Professor und Berater von Scotland Yard, hätte eine Sammlung menschlicher Köpfe im Keller.

Erfahren Sie auf Seite 2, wie die Bosch-Bücher der Spiegel harter Realität sind.