Konzertreihe Wo Kinder den Ton angeben

Professionell konzipiert, spielerisch vorgetragen: Seit zehn Jahren füllt "Mini Musik" die Säle

Von Barbara Hordych

Einerlei, ob sie im Februar bei frostigen Temperaturen und in Schneeanzügen auf Kissen am Boden des Mars-Venus-Saals sitzen, oder ob sie ebendort im Juli bei hochsommerlichen Temperaturen schwitzen: Die Vorschulkinder folgen dem Spiel von "Ritterklang und Prinzessinnengesang" im Bayerischen Nationalmuseum gebannt. Ein Konzert, das die Pianistin Anastasia Reiber und die Klassikmoderatorin Uta Sailer, Gründerinnen des Vereins "Mini Musik - Große Musik für kleine Menschen", gemeinsam mit der Geschichtenerzählerin Katharina Ritter präsentieren. Deren Vorgabe lautete, die Ritterzeit und die Musikinstrumente des Barock in einer Geschichte zusammenzubringen. Das tut sie denn auch sehr anschaulich, indem sie selbst in die Rolle der Prinzessin Amalie schlüpft, die vom französischen Gesandten als mögliche Heiratskandidatin für den Dauphin begutachtet wird. Leise verzweifelt flüstert sie in ihre Wunschdose: "Ich mag nicht fortgehen müssen und am französischen Hof Königin werden. Ich will in Bayern bleiben." Kurz darauf flüstern etwa 50 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren hinter vorgehaltenen Händen ebenfalls einen Herzenswunsch in eine imaginäre Dose. Denn Mini-Musik-Konzerte sind immer auch Mitmach-Konzerte.

"Gerade kleine Kinder verschließen sich keinem Musikstil; sie sind offen für alle Klänge. Wenn diese Klänge dazu noch in eine spannende Geschichte mit vielen Aktionen verpackt sind, dann ist es leicht, die Lust an klassischer Musik auch bei Dreijährigen zu wecken", sagt Anastasia Reiber bei einem Treffen im Stadtcafé. Vor zehn Jahren hatten sie und Uta Sailer, die sich während ihres Konzertpädagogik-Studiums an der Musikhochschule in Detmold kennenlernten, eine Idee: Sie wollten die Konzertsäle Münchens für Drei- bis Sechsjährige öffnen - "Mini Musik" war geboren.

Die Pianistin Anastasia Reiber ist Mitbegründerin von "Mini Musik".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seitdem erlebten 45 000 Kinder mit ihren Familien 25 unterschiedliche Programme in 320 Konzerten im Gasteig, auf Bühnen in München, Deutschland und über die Landesgrenzen hinweg. Die Idee erwies sich als erfolgreich, fast jedes Konzert ist ausverkauft; das Mini-Musik-Ensemble ist gefragter Gast bei Musikfestivals im Rheingau, am Bodensee, in Dresden und in Luzern; neben seiner Gasteig-Reihe in München hat der Verein seit dem vergangenen Jahr auch eine weitere mit dem Kleinen Theater Haar etabliert.

Jedem Kinderkonzert liegt ein Thema zugrunde, das die Kinder in ihrer Fantasiewelt anspricht, erklärt Anastasia Reiber. Woher kommt eigentlich der Ton bei einem Klavier? Was passiert, wenn sich ein Holzwurm durch die Klarinette boxt? Und wie klingen blaue Töne, die aus einer Katertatze purzeln? Das sind Fragen, die die je nach Epoche wechselnden Ensemblebesetzungen in ihren Geschichten musikalisch beantworten. Ob Mittelaltermusik, Barock, Klassik, Romantik, Moderne, Jazz, Welt- oder Volksmusik - das jeweilige Thema wird durch Bildprojektionen und kleine szenische Einlagen lebendig gemacht.

Um die märchenhafte Tafelrunde mit Leschij, Kater Bajun, Baba Jaga und Kikimora (von links) konzipierte Anastasia Reiber ein eigenes Konzertprogramm für Kinder.

(Foto: Alexej Shevchenko)

Bei "Ritterklang und Prinzessinnengesang" sind es fünf Musiker, die mit alten Instrumenten wie Cembalo, Viola da Gamba, Dudelsack und Schalmei zum Tanz aufspielen. Die Moderatorin Uta Sailer erklärt die Instrumente und die Tanzschritte: rechtes Bein, linkes Bein, untergehakt und drehen - fertig ist der mittelalterliche Modetanz. Bei dem im Nationalmuseum nicht nur die Kinder begeistert mitmachen, sondern auch die Erwachsenen, die bislang auf den Stühlen saßen. Ob frostig oder stickig heiß - "im Museum fühlt es sich heute so an, wie es früher in den Burgen und Schlössern wirklich war", klärt die Klassikspezialistin Uta Sailer ihre Zuhörer auf.

"Bei unseren Konzerten ist uns auch die Ästhetik sehr wichtig. Zum einen tragen die Musiker historische und aufwendige Kostüme, zum anderen lassen wir uns immer etwas Besonderes für eine bildhafte Gestaltung einfallen", erklärt Anastasia Reiber. Bei dem von Munro Leafs Kinderbuch "Ferdinand, der Stier" inspirierten Kammerkonzert "Wackelschwanz und Katzentanz" haben sie sich beispielsweise mit dem Nürnberger Papiertheater-Künstler Johannes Volkmann zusammengetan. Der schnitt den friedliebenden Titelhelden, der gegen seinen Willen zur Corrida nach Spanien verschleppt wird, samt Bienen, Katzen, Schweinen und Ziegen als bunte Papierreliefe aus, die als Projektion auf eine Papierwand gestrahlt wurden. "Johannes war aber auch ein toller Torero, ausstaffiert mit einem riesigen Hut, während die Musiker Bizets Carmen auf der Bühne spielten", lacht Reiber.

Ihre bislang größte Herausforderung bei einem Kinderkonzert? Die Konzeption eines russischen Programms für das Luzerner Festival "Zaubersee", sagt sie spontan. "Man kann ja nicht voraussetzen, dass die russischen Märchenfiguren hierzulande bekannt sind. Also musste ich mir sehr genau überlegen, wie ich sie den Kindern vorstellen kann", sagt Reiber. Ein Glücksfall war für sie der Künstler Alexej Shevchenko, mit dem sie über ein russisches Illustratorenforum in Kontakt kam. Sodann arrangierte sie ausgewählte Orchesterwerke berühmter russischer Komponisten für eine kleine Besetzung mit Geige, Fagott, Klarinette, Klavier und Schlagzeug. Und suchte Musiker, die es schafften, die schwierigen Arrangements zu spielen. Ein Konzert, das schon beim Festival am Bodensee zu hören war und im nächsten Jahr auch nach München kommen soll.