Konzert Alleskönner

BR-Chor huldigt Multistilist Leonard Bernstein

Von Michael Stallknecht

Seinen "Lieblingschor auf der Welt" nannte Leonard Bernstein den Chor des Bayerischen Rundfunks. "Sie verstehen alles. Sie können alles." Nur recht und billig also, dass der Chor dem Komponisten und Dirigenten zum einhundertsten Geburtstag ein Konzert im Prinzregententheater widmete, das seinen Abschluss in der Aufführung der "Chichester Psalms" in Bernsteins eigener kammermusikalischer Fassung fand. Für ein Chorfestival im südenglischen Chichester hatte Bernstein darin einige Psalmentexte im hebräischen Original mit melodischen Einflüssen aus dem Synagogalgesang vertont. "Süß und rührend" nannte der hier der Avantgarde offen abschwörende Komponist selbst die Musik, was durch den Einsatz eines Knabenalts - hier der strahlkräftige Yannick Rittner von den Regensburger Domspatzen - noch verstärkt wird.

Dass der Multistilist Bernstein auch schroffer konnte, hatte zu Beginn des Abends seine "Missa brevis" gezeigt. Die Kürzestvertonung des lateinischen Messordinariums pflegt einen bewusst archaisierenden Tonfall, in dem die Einzelsätze fast signaturhaft verdichtet sind, bevor sich im Sanctus die Stimme des Countertenors Valer Sabadus doch noch melismenhaft aufschwingen durfte.

Zwischen beide Werke hatte der Dirigent Klaas Stok eine etwas allzu beliebige Auswahl von Chorwerken anderer US-amerikanischer Komponisten des 20. Jahrhunderts gestellt. Auf der Ebene der Interpretation machte es der beim BR-Chor debütierende Niederländer freilich durch seine intensive Energie wett, die ihren Anker in einer großen, ruhigen Übersicht hat. Der Chor klang dabei nicht nur intonationsrein und rhythmisch punktgenau, sondern auch ausgewogen in der Balance der Stimmgruppen. Als besonderer Tribut an Bernstein durfte das zur Eröffnung der zweiten Konzerthälfte erklingende "Ave verum corpus" von Mozart gelten, das Bernstein selbst in seinen letzten Konzerten mit dem Chor im Frühjahr 1990 dirigiert hatte.