Konflikt um Suhrkamp Verlag Wenn Trennung die einzige Lösung ist

Hans Barlach will 30 Millionen Euro für seine Anteile an Suhrkamp, die Stiftung bietet acht Millionen.

(Foto: dpa)

"Kein ehrbarer Hamburger Kaufmann" soll er sein, andere bezeichnen Hans Barlach gar als "skrupellosen Zocker". Der Miteigentümer des Suhrkamp Verlags schädigt das Unternehmen immer weiter. Der Aufschub des Frankfurter Gerichts gibt ihm nun die Chance zum Ausstieg.

Von Andreas Zielcke

Nun hat das Frankfurter Gericht den beiden Kontrahenten genügend Zeit gegeben, den Konflikt um die Anteile oder gar die Existenz des Verlags unter sich auszumachen. Angesichts der extremen Belastung, die der Streit dem Verlag auferlegt, sollte der Aufschub, den das Gericht klugerweise gewährt hat, über Zwischenlösungen hinaus zur endgültigen Einigung führen.

"Der Suhrkamp-Verlag", so äußert sich Barlach im aktuellen Spiegel, "ist eine bedeutende literarische Institution der Bundesrepublik. Es ist deshalb ein Unding, was hier passiert ... Durch unseren Streit wird der Verlag beispiellos destabilisiert."

Genau so ist es. Wenn aber etwas den Verlag noch stärker ins Wanken bringt als die unfassbar vielen Prozesse zwischen den beiden Seiten, dann ist es die Tatsache, dass der Streit auf offener Bühne ausgetragen wird. Die Verletzungen der Protagonisten, die Beschädigung des Verlags, der Zug ins Maßlose und Unversöhnliche, all das gewinnt seine bösartige Dynamik, weil der interne Konflikt zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter in die große Gladiatorenarena verlegt ist. Auf Dauer kann sich nur der etwas davon versprechen, der die größere Destruktionsbereitschaft besitzt.

Daran, wer auf diese Weise mit dem Feuer spielt, kann zurzeit kein Zweifel bestehen. Nimmt man die giftig auftretenden Schriftsteller des Verlags aus (die ja trotz allem nicht selbst Streitpartei sind), dann liegt der Schwarze Peter, jedenfalls nach der ersten Phase des Streits zwischen 2006 und 2009, als die Familienstiftung noch auf dem hohen Ross saß und glaubte, Barlach als Mitgesellschafter verhindern und deshalb respektlos behandeln zu können - dann also liegt der Schwarze Peter seither bei ihm. Alle paar Tage ein Interview von ihm, das die Gräben vertieft.

Barlach verweigert einen vorübergehenden Frieden

Schon vor dem Gerichtstermin am Mittwoch und auch vor Barlachs jüngstem Spiegel-Gespräch haben die beiden hinter den Kulissen wirkenden Vermittler darauf gedrungen, für die Dauer der Mediation eine Friedenspflicht zwischen den Kampfparteien zu vereinbaren. Für jede Mediation ist es zwingend, dass Prozesse ruhen und öffentliche Stellungnahmen unterbleiben. Doch Barlach hat sich dem verweigert.

Die Idee der Friedenspflicht zeugt von purer Vernunft. Man kennt sie aus den Tarifkonflikten zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Das Unterbrechen des Kampfes, um ohne akuten Erpressungsdruck zu verhandeln, gehört zu den Errungenschaften der prozessualen Rationalität. Gerade weil Herrschaft, Macht und Interessenkonflikt hier nicht negiert, sondern nur auf Zeit ihrer antagonistischen Schärfe beraubt werden, stellt ein Moratorium, das den Kugelwechsel durch Argumententausch und Respekt ersetzt, die realistische Chance dar, Kollision in Kommunikation zu verwandeln.

Im Unterschied allerdings zum Tarifkonflikt, bei dem Arbeitnehmer und -geber wissen, dass sie auch danach auf Gedeih und Verderb zusammengeschweißt bleiben, kann die Lösung bei Suhrkamp nur in der Trennung der beiden Streithähne liegen, genauer gesagt, in der Trennung Barlachs von Suhrkamp (siehe SZ vom 25. Januar). Das nimmt aber einem Interimsfrieden nicht den Sinn, im Gegenteil. Denn wenn der Ausgang ohnehin feststeht, mögen die Kampfpartner im Moment noch so ineinander verbissen sein, können die Waffen gar nicht früh genug niedergelegt werden. Muss man Barlach tatsächlich an sein eigenes, wohlverstandenes Kalkül erinnern? Je eher er nachgibt, desto besser wahrt er sein Gesicht. Und je kürzer die Beschädigung des Verlags noch andauert, desto höher fällt der Preis seines Anteils aus.

Tatsächlich zeichnet sich längst ab, dass sich der bittere Streit inzwischen rein quantitativ benennen lässt: Barlach will 30 Millionen Euro für seine Anteile, die Stiftung bietet acht Millionen. Wer nur ein wenig von Unternehmensbewertung versteht, weiß, dass die "Wahrheit", das heißt Suhrkamps materieller Wert, nicht in der Mitte liegt, sondern sehr viel näher beim Angebot der Stiftung als bei Barlachs Forderung.