Komponist Mamoru Samuragochi Sinn für falsche Töne

Mamoru Samuragochi posiert mit einer CD seiner "Hiroshima-Sinfonie", mit der er die Opfer des Atombombenangriffs von 1945 ehren wollte.

Er verkaufte Hunderttausende Platten, komponierte Filmmusik und vertonte Videospiele: Der taube Komponist Mamoru Samuragochi galt als "japanischer Beethoven". Nun entpuppt er sich als Hochstapler.

Von Christoph Neidhart

Japan hat zu wenig Helden. Diese Gesellschaft, in der jeder zwischenmenschliche Umgang streng choreografiert ist, presst schon ihre Kleinsten in Schablonen. Und zugleich sehnt sie sich nach Persönlichkeiten, die herausragen; nach Menschen, die gegen größte, möglichst sogar übermenschliche Widerstände Leistung bringen. Vielleicht ist der Fall von Mamoru Samuragochi so zu erklären, des angeblich gehörlosen Komponisten, der als "japanischer Beethoven" berühmt wurde und der am Mittwoch einräumen musste, dass er gar nicht selbst komponiert hat. Am Donnerstag hieß es dann, er sei wahrscheinlich nicht einmal taub.

Bis dahin war der 50-jährige Samuragochi in Japan ein Star. Von seiner "Hiroshima-Sinfonie", mit der er die Opfer des Atombombenangriffs von 1945 ehren wollte, hat er mehr als 100 000 CDs verkauft; berühmt geworden war Samuragochi mit Filmmusik, auch Videospiele wie Resident Evil hat er mit klassischer Musik vertont. Zu "Japans Beethoven" haben ihn die Medien stilisiert, weil der Komponist seit seinem 17. Lebensjahr unter rätselhaften Migränen leidet und angeblich nach und nach sein Gehör verloren hat, wie Beethoven in seinen letzten Jahren. Samuragochi, so hieß es immer, habe die Musik nie gehört, mit der er die Japaner begeistert.

Den Gehörsinn zu verlieren war ein "Geschenk Gottes"

Er selbst hat erzählt, er sei das Kind von Atombomben-Überlebenden. Seine Mutter gab ihm Klavierunterricht, seit er vier Jahre alt war. Mit zehn spielte er Bach und Beethoven - virtuos, heißt es. Komponist sei er als Autodidakt geworden. In einem Interview erklärte Samuragochi mit wallendem Haar und getönter Brille einmal: "Ich lausche in mich. Wenn du deinem inneren Sinn für Töne traust, kannst du etwas schaffen, das wahrer ist. Es kommt aus dem Herzen. Meinen Gehörsinn zu verlieren, das war ein Geschenk Gottes."

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Japans hat ihm 2013 einen Dokumentarfilm gewidmet. Darin wurde gezeigt, wie Samuragochi ins Tsunami-Gebiet reiste, um den Menschen dort Mut zu machen. Seine Hiroshima-Sinfonie sei den Tsunami-Opfern eine "Hymne der Hoffnung", hieß es. Am Mittwoch kam dann das große Finale: Das Wunder des tauben Komponisten brach mit einer dürren Pressemitteilung seines Anwalts zusammen. Samuragochi gebe bekannt, dass er seine Musik nicht selbst geschrieben habe. Seit fast 20 Jahren habe er einen namenlosen Ghost-Komponisten dafür bezahlt, "weil mein Gehör immer schlechter wurde". Dieser habe bei etwa der Hälfte seiner Werke mitkomponiert, ließ er erklären. Selber habe er jedoch "die Ideen" geliefert.

Zerstörter Mythos

Zunächst ließ Samuragochis Anwalt auch noch verlauten, der Ghost-Komponist wolle unerkannt bleiben. Seine "persönlichen Umstände" ließen es nicht zu, dass er sich äußere. Doch am Donnerstag zerstörte der Mann im Schatten in einer gut einstündigen Pressekonferenz dann endgültig den Mythos von "Japans Beethoven": Er habe entgegen Samuragochis Angaben in den vergangenen 18 Jahren alle Stücke allein geschrieben, erzählte der Teilzeit-Musiklehrer Takashi Niigaki, auch die hochgelobte Hiroshima-Sinfonie. Und mehr noch: "Vom ersten Tag an bis heute hatte ich nie das Gefühl, dass er taub ist."

Ursprünglich habe er gedacht, er solle Samuragochi bloß assistieren, sagte der 43-Jährige. "Aber später fand ich heraus, dass er nicht einmal Partituren schreiben kann." So sei er "zum Komplizen" geworden. Doch über die Zeit hätten ihn die Lügen zunehmend genervt. "Mehrmals wollte ich aufhören, aber er bat mich weiterzumachen, und er zahlte", sagte Niigaki der Wochenzeitung Shukan Bunshun. "Vergangenes Jahr drohte er sogar sich umzubringen, wenn ich nicht weiter komponiere."

Reich geworden ist Niigaki allerdings nicht mit seinen Ghost-Kompositionen: Für mehr als 20 Stücke habe er nur sieben Millionen Yen (knapp 51 000 Euro) erhalten. Manchmal habe Samuragochi über Handzeichen und Lippenlesen kommuniziert - zumindest zu Beginn von Gesprächen, verriet Niigaki der Wochenzeitung. Dauerten diese aber länger an, schien er sich zu vergessen und "beteiligte sich ganz normal". "Ich glaube, es fiel ihm schwer, sich taub zu stellen. Vor kurzem habe ich ihn allein zu Hause getroffen - wir haben von Beginn an ganz normal miteinander gesprochen."