Politiker sind nicht käuflich, nur zu mieten: für ein Gespräch oder für eine klitzekleine Steuersenkung. Danach sind sie wieder völlig unabhängig.
Es gibt Tage im Leben, da fragt man sich, ob man selbst nicht allmählich gaga wird oder ob vielleicht doch eher die anderen gaga sind und man das wegen wachsender Lebensweisheit einfach nur besser erkennen kann. Je älter man wird, desto mehr häufen sich diese Tage.
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Egal ob Häuser, Autos oder Ferienwohnungen: Heutzutage kann man alles mieten, auch Politiker. (© Screenschot: www.thepiggybanker.com)
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Das hat einerseits damit zu tun, dass man mit zunehmendem Alter auch gelassener wird, dies aber eigentlich nur gegenüber den eigenen Fehlern. Die Fehler anderer wiederum sieht man schärfer, was dazu führt, dass einen die Jungen für einen alten, nörgelnden Sack halten, wohingegen man selbst Jüngere, also Leute bis etwa 50, als warmduschende Grünschnäbel identifiziert.
Da gibt es zum Beispiel die sogenannte Sponsoring-Affäre. Die CDU-Ministerpräsidenten Rüttgers und Tillich haben sich in ihrer Eigenschaft als Parteipolitiker ein klein wenig an Firmen vermieten lassen. Anders als dies Sigmar Gabriel - wer mag den schon mieten? - und andere Neidhammel behaupten, sind die genannten Herren nicht käuflich, denn dann würden sie ja den Firmen gehören. Sie sind nur kurzfristig für eine Dienstleistung zu erhalten, für ein Foto oder ein Gespräch oder, im Falle der FDP, für eine klitzekleine Steuersenkung. Danach sind sie wieder völlig unabhängig.
Aber war das je anders? Als alter Sack war man auf vielen Parteitagen von allen möglichen Parteien. Man hat bei CDU und SPD, bei CSU und FDP, BMW und Mercedes-Automobile herumstehen sehen, hat kostenlose Zigaretten von Philipp Morris geraucht und sich durch lange Reihen diverser Firmenstände gequetscht, die natürlich auch von jeder Menge hoch- und andersrangiger Politiker besucht worden sind.
Diese Art der Parteienfinanzierung, das Aufstellen von Firmenständen gegen Geld, ist lange vor Rüttgers von vielen praktiziert worden, nur dass vielleicht die zuständigen Generalsekretäre nicht überall so naiv waren, Preislisten für den jeweils erhältlichen Grad der Nähe auszuhängen.
Wichtigtuer in Berlin
Außerdem leben in Berlin Tausende Berater und Lobbyisten davon, ihrer Klientel Nähe zu besorgen. Der Staatssekretär a.D. arrangiert gegen gutes Geld Abendessen mit seinen noch aktiven Kollegen, der emeritierte Chefredakteur organisiert eine Presserunde für den Vorstandschef aus der Provinz. Das war schon immer so, auch in Bonn, aber in Berlin ist die Zahl der Wichtigtuer noch erheblich gestiegen.
Die typische Berliner Dienstleistung besteht darin, dass ein ehemaliger Abgeordneter zwei Journalisten sowie einen berufsmäßigen Talkshow-Gast anruft und man sich dann mit dem Erben der Schraubenfabrik und seinem Geschäftsführer im Borchardt trifft. Wenn der Schraubenmann dort Iris Berben und Klaus Wowereit sieht, weiß er, dass er in der Politik angekommen ist, ganz ohne den Rüttgers gemietet zu haben.
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(SZ vom 06.03.2010/ber/kar)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Solange 80 000 000 von einigen 100 "regiert" werden, hat es der Lobbyismus leicht. Vor allem in einem Prestigesystem, wie den Jetzigen. Hier zählt nicht die Ehre, die Wahrung des Gesichts vor dem Wähler, sondern die Komplexbekämpfung im Ego.
Booor is der reich und mächtig! Hofiere mich und ich bin dein...
Hey, big spender! Als Kontaktunternehmerin am Tresen verklickert Shirley Bassey ("Sweet Charity") der Klientel, worauf sie achtet - auf den feinen (nicht kleinen!) Unterschied. Spend a little time with me - das Ius Talionis (do, ut des) weiß ja: Dienstleistung nicht ohne dein Geld. Hehres Prinzip, beherzigt von B. Franklin ("The way to Wealth") bis Th. Mann ("Dr. Faustus"), das beiden knappen Ressourcen eignet: "Tertium identificationis" (J. Hörisch, Kopf oder Zahl). Seit BAP müßte im Kölner Umland bekannt sein: "Time is cash, time is money". Sollte aber passieren: "Der geheimnisvollen Kraft meines Säckels ... gelang es, die Zeit zu besiegen" (A.v.Chamisso, Schlemihl; zit. Hö.), ist ein Diabolos im Spiel und kichert ob der Pharisäer guten Worte und Werke.
Im Sekt-Club wird keine arme Seele verkauft (gesetzt, es gäbe dort eine), nur zeit-, stand-, stückweise gemietet. Dennoch spricht das Volk von käuflicher Liebe, wenn Seemann in Großer Freiheit No. 7 bei den Huren die Heuer verfeuert. Anstößig ist ein Vorgang der Zuwendungsmiete, weil der 1.Diener (Yes, Prime Minister) sein Zeitfenster-Service (servitium, Dienst) dem Souverän entzieht. Dann würde er vom "Guten Hirten" (Bruder Johannes) zum "Mietling" (Joh. 10,11ff., Luther-Dt.; heute "bezahlter Knecht"), der sich alsbald verdrückt. Soll sein: "Die mietlinge sint die, die gelobet vnd geeret wellent werden umb ir guoten werc" (Bußprediger Berthold von regensburg). So what, meet the Mietling! Nur - wer mietet hier wen?
Der landläufige Sponsor ist kein Vermieter - im Gegenteil, laut Spätrömer Cicero sagt er für etwas gut, ist Bürge allgemeiner(!) Wohlfahrt. Der christliche Eiferer Tertullian sieht im Sp. gar einen Paten - huch! Wie ein Werber führt er die Braut (sponsa = Kirche) dem Bräutigam (sponsus = Heiland) zu und hält das Spondeum. Beim spontanen Expendieren entstehen Ausgaben (expensa), bezahlt durch Spenden.
Strittig war, wer das Sagen hat, Zahler oder Zecher. Vorm Lehngericht im Mittelalter ist das Ding laut Sachsenspiegel bildklar: Wer investiert, bestimmt - nicht, wer geliehene Macht nutzt. Die hierfür gültige Geste kennt jeder - und versteht sie miß. Der Herr deutet mit dem Finger auf Stirn und Krönchen - ich bin der Chef! Denkt der Knecht: Hat der ne Meise? Spatzen im Hirn, voll der Horst? Genau - wie ein Vogelnest sieht das Schapel auf dem Kopf des wählenden Gebieters aus. Chapeau!
Hey, big spender! Troll dich, im Reich des Spirituösen gilt: I don't pop my cork for every man.
"Der Abgeordnete ist nur seinem Gewissen verantwortlich und an keine Überweisung gebunden!"
Das Zitat ist zwar nicht mehr ganz neu, aber immer noch hochaktuell.