Klassik Luft vom anderen Planet

Julia Fischer und Igor Levit spielen alle Beethoven-Sonaten in Zürich und gehen bis an die Grenzen der Intensität.

Von Harald Eggebrecht

Am liebsten würde er von vorne beginnen mit dem Zyklus, so viel habe man nicht beachtet, versäumt, nur halb getroffen. Das meint der Dirigent Paavo Järvi in Salzburg, obwohl er dort gerade mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die Reihe aller Symphonien mit der Neunten von Ludwig van Beethoven triumphal beendet hatte. Järvi und sein Orchester haben mit ihrer ungemein frischen, aufsässigen, vor Witz, rhythmischer Präzision und artikulierter Deutlichkeit blitzenden Darstellung dieser Symphonien in aller Welt Furore gemacht. Auch die CD-Einspielungen zeigen, dass dieser Beethoven-Zyklus zu Recht als der technisch wie musikalisch beste aus den letzten zehn Jahren gilt.

In vielem gleicht das Projekt, die zehn Klavier-Violine-Sonaten in der Reihenfolge ihres Entstehens zu spielen, das sich die Geigenvirtuosin Julia Fischer und der Klavierstar Igor Levit vorgenommen haben, jener Unternehmung von Järvi und der Bremer Kammerphilharmonie. Fischer und Levit sind herausragende Könner ihres Fachs nach Temperament, Selbstbewusstsein, Artikulationslust, Phrasierungsintelligenz, Reaktionsschnelligkeit, Flexibilität in Tongebung und Anschlag, schließlich von imponierender Auftrittspräsenz. Auch nach Energie und Leidenschaft, die für Beethoven Grundbedingungen sind.

Obwohl so populäre Hits wie die Frühlings- und die Kreutzer-Sonate dazu gehören, wird dieser Werkkomplex viel seltener aufgeführt als die Symphonien, Klaviersonaten, Streichquartette oder Cellosonaten. Doch, wie sonst auch bei Beethoven, öffnet sich vom ersten Takt der ersten op. 12, 1, bis zum rasenden Schluss der neunten op. 47, der Kreutzer-Sonate, der Weg in eine einzigartige kompositorische Imagination. Und dann folgt, 1812, zehn Jahre nach den Exzessen der Kreutzer-Sonate, noch der Abgesang der zehnten op. 96 - eine völlig andere Welt.

Unmittelbarkeit, Plötzlichkeit, Kontrastfreude, Entwicklungsfantasie und Verarbeitungsdichte sind in den ersten drei Sonaten op. 12, 1798 entstanden, sofort und mit stolzem Eigensinn da. Fischer/ Levit verwirklichen das mit eminenter Direktheit, die manchmal allerdings die Dringlichkeit Beethovens zu sehr ins drängende Weiter des nach vorn gerichteten Prozess-Denkens dieser Musik rücken. Manches "Gespräch" geriet hier bei allem Glanz noch zu parallel, zu nebeneinander her, statt aufeinander zu. Auch diese vor Turbulenz, überfallartigen Attacken, Laut-Leise-Effekten, vor geistreichen Kantilenen und überraschenden Modulationen strotzenden Stücke brauchen eine Gestaltung in der Zeit, die nicht hastet.

Das war am Sonntagvormittag bei der Frühlingssonate op. 24 und den drei Sonaten op. 30 dann ganz anders. Vielleicht hatten sich die Beteiligten, das hochgespannte Publikum inbegriffen, im Kleinen Saal der Zürcher Tonhalle nun akustisch eingewöhnt und mental eingerichtet. Jedenfalls entfalteten Fischer/ Levit die F-Dur-Landschaft von op. 24 wie im Fluss, entwickelten den langsamen Satz mit bezwingender Inständigkeit, boten das knappe Scherzo beißend trocken und sangen sich in ein leuchtend rasches Finale.

Doch dann einer der großen Momente des ganzen Projekts, wie es sich in Zürich darstellte: Op. 30, 1 ist eine der nicht so bekannten, gleichwohl eines der großen Stücke des Zyklus. Wie Fischer/ Levit hier eine reine Ausdrucksmusik suchten bis in das am Ende geradezu zerbrechliche Finale hinein, wie sie den in seiner Innigkeit und Traumverlorenheit auch bei Beethoven einzigartigen Adagio-Satz auskosteten, das kann niemand vergessen, der dabei war.

Am Abend dann die Kreutzer-Sonate und der singuläre Abschied der "Zehnten". Beide Stücke sind Endpunkte von Beethovens Beschäftigung mit diesem Genre. Die Dreiergruppen op. 12 und op. 30 und das Paar op. 23/ 24 hatte Beethoven für den Geiger und Freund Ignaz Schuppanzigh geschrieben und mit ihm uraufgeführt. Die Kreutzersonate ist ein monumentaler Solitär, komponiert für den schwarzen britischen Geiger George Bridgetower und mit ihm öffentlich gespielt.

Ein Stück wie ein Vulkan, und so eruptiv bis an die Grenzen der Intensität und der Instrumente boten Fischer/ Levit diese unerhörte Musik. Sicher, manchmal knallte der Flügel, knirschte die Geige. Aber wer bei diesem Stück, das Beethoven ausdrücklich als "Konzert" für die beiden Instrumente auswies, glaubt, daraus wohl onduliert, ausbalanciert und in wohl gesetzter Expressivität sein Heil finden zu können, den bestraft das feurige Leben dieser Musik. Also war hier atemlos zu erleben, wie sich zwei grandiose junge Meister in den gewaltigen Ecksätzen in geradezu keuchende Eindringlichkeit, Ausdrucksversessenheit, in eine extreme Vehemenz der Gegensätze bis zur Erschöpfung steigerten. Und der Variationssatz wurde zum Abenteuer klanglicher und virtuoser Vielfalt.

Die Musik kommt aus Erinnerung und Traum. Sie fordert höchste Geistesgegenwart

Mehr lässt sich, so die Überzeugung, nicht aus der Kombination Klavier-Geige herausholen. Doch Beethoven wendet sich nach dem Endpunkt "Kreutzer" zehn Jahre später noch einmal diesem Paar zu und zaubert 1812, in der Nähe zur 7. und 8. Symphonie, zum Streichquartett op. 95 und zum gewaltigen Erzherzogtrio op. 97, ein Luftgeschöpf für Klavier und Violine, das nun all diese ekstatischen Kraftgesten, diese Lavaströme und -landschaften hinter sich lässt, als seien sie bloße Haltungen und Eigenschaften aus einer sehr irdisch-diesseitigen Welt. Nun also "Luft von anderen Planeten" (Stefan George). Musik nun aus Erinnerung, Traum, gleichsam Improvisando, zart, leicht, gleichwohl höchste Geistesgegenwart fordernd, denn auch sie entsteht aus Überraschung, Scherz, Ironie, tieferer Bedeutung und, wohl gemerkt, aus Virtuosität.

Fischer/ Levit vermochten für die letzte Sonate noch die Kräfte des Abschiednehmens zu sammeln in heiterer Wehmut, die genau Charakter und Wesen dieses Werkes trifft. Stehende Ovationen für die beiden Heroen. Und jetzt noch einmal von vorn, siehe Paavo Järvi, weil es so aufregend und spannend ist!