Kinostadt München Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Filmpreis und Filmball: Trotz mäßiger Zahlen in 2016 feiert sich die Branche selbst

Von Josef grübl

Zuerst die Filme, dann der Preis, danach die Feier: Diese Reihenfolge gilt bei der Münchner Filmwoche nicht mehr, Grund dafür ist die parallel stattfindende Bau-Messe. Wegen der zu befürchtenden Hotel-Engpässe haben die Filmwochenorganisatoren dieses Jahr umdisponiert: Statt mit dem Schaulaufen der Filmverleiher geht es an diesem Freitagabend los mit der Verleihung des Bayerischen Filmpreises, am Samstag folgt der Deutsche Filmball, erst nächste Woche dürfen sich Kinobetreiber aus ganz Deutschland die neuesten Filmhits ansehen.

Preis, Feier, Filme: Die Reihenfolge mag eine andere sein, ansonsten ist aber alles beim alten. Im Prinzregententheater gibt es Porzellan-Pierrots für Produzenten und andere Kreative, im Bayerischen Hof Walzerklänge und Weißwürste. Veränderungen? Fehlanzeige. "Laut Wettervorhersage wird es auf dem roten Teppich kälter", sagt der Filmball-Gastgeber Alfred Holighaus lakonisch. Eine Woche lang darf sich München als Kinohauptstadt feiern lassen, bevor im Februar wieder alle von der Berlinale und den Oscars reden.

Dabei gibt es derzeit nicht viel zu feiern: Die Filmleute sind angespannt, die Zahlen rückläufig. Noch hat die Filmförderungsanstalt (FFA) die Daten für 2016 nicht veröffentlicht, es zeichnet sich aber ein deutlicher Besucherrückgang im Vergleich zum Vorjahr ab. Auch der Marktanteil deutscher Filme ist gesunken, auf unter zwanzig Prozent. In Panik verfallen sollte man deshalb aber nicht: "Es gibt immer wieder bessere und schlechtere Jahre", sagte Klaus Schaefer vor genau einem Jahr im Interview, damals konnte sich der Chef des Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) noch über ordentliche Zuwachszahlen freuen.

"Im Kinomarkt gibt es einfach Wellenbewegungen", sagt Schaefer, er sah schon vor zwölf Monaten die Abwärtsbewegung für 2016 voraus. Sportliche Großereignisse sowie das Fehlen von gesetzten Blockbustern wie James Bond oder "Fack ju Göhte" ließen die Welle abebben, schlecht war das Kinojahr aber nicht. Im Gegenteil: "Toni Erdmann", "Vor der Morgenröte" und "Wild" sorgten national und international für Furore, dass diese Programmkinoperlen von Frauen inszeniert wurden, dürfte auch die Verfechterinnen der Gleichstellungsinitiative "Pro Quote Regie" gefreut haben. Regisseur Simon Verhoevens "Willkommen bei den Hartmanns" ist der kommerziell erfolgreichste deutsche Film des Jahres, bislang haben ihn knapp dreieinhalb Millionen Zuschauer gesehen. Das zeigt, dass sich Mainstream und intelligente Unterhaltung nicht unbedingt ausschließen müssen. Über die Hits des Jahres 2017 wird in den kommenden Tagen diskutiert, über den digitalen Wandel auch.

Die Branche ist im Umbruch, man sucht nach neuen Modellen und Vertriebswegen. Während sich die Vorstände der Constantin Film gerade über die grundsätzliche Ausrichtung der Firma streiten, forscht Arri weiterhin an digitalen Kameratechniken - und bereitet den Umzug in die Parkstadt Schwabing vor. Bavaria Film und Sky Deutschland arbeiten gemeinsam an einer Fortsetzung von "Das Boot", andere Münchner Produktionsfirmen drehen Serien für die Streaming-Dienste Netflix und Amazon Prime Video.

Die schöne neue Medienwelt zeigt sich in den verschiedensten Facetten: Doch ist bei all dem noch Platz fürs Kino? Und wo bleiben dabei die klassischen Fernsehsender? Auch das ist in den nächsten Tagen Thema, selbst beim Filmball schließen sich ja Party und Politik nicht aus. Beim CSU-Filmgespräch, das nur wenige Stunden vor dem Ball stattfindet, soll es um neue steuerliche Anreizsysteme gehen, um Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sowie um die Chancen und Gefahren neuer digitalen Plattformen.

Ob bei so einem weit gesteckten Themenfeld konkrete Ergebnisse herauskommen, ist fraglich, Gesprächsbedarf besteht aber auf alle Fälle. Gerade die Kinobranche befindet sich mitten im Wandel, das sieht man auch beim Bayerischen Filmpreis. Die meisten Gewinner werden erst heute Abend bekanntgegeben, der beste Nachwuchs-Produzent steht aber schon seit einigen Wochen fest: David Lindner Leporda produzierte den Debütfilm "Die Reise mit Vater" und wird mit dem Preis der Verwertungsgesellschaft für Nutzungsrechte an Filmwerken (VGF) ausgezeichnet. "Wir hatten über 20 internationale Finanzierungspartner, das Projekt war also ziemlich komplex", sagt er bei einem Gespräch im Münchner Stadtcafé. Die Tragikomödie von Anca Miruna Lazarescu hatte im Sommer Premiere auf dem Filmfest München, bei der regulären Kinoauswertung hatte sie weniger Glück: Am Startwochenende im November wurden bundesweit nur 2000 Tickets verkauft, kurze Zeit später war der Film aus den Spielplänen verschwunden. "Bei denjenigen, die ihn gesehen haben, ist er sehr gut angekommen", erzählt der Produzent, "leider wussten viel zu wenige Menschen von unserem Film."

Mit diesem Schicksal steht er nicht allein da: Erst vor wenigen Tagen beklagte die AG Kino, die sich als Netzwerk deutscher Programmkinos versteht, die "unverändert steigende Filmflut" in den deutschen Kinos. Pro Woche wird durchschnittlich ein Dutzend neuer Filme veröffentlicht, die Zahl der Filmstarts sei in den vergangenen fünf Jahren noch einmal deutlich gestiegen, um 25 Prozent auf 742 im vergangenen Jahr. Selbst überzeugte Cineasten haben längst den Überblick verloren, was zur Folge hat, dass die Filme reihenweise floppen. Für Werbung ist zu wenig Geld da, die viel beschworene Mundpropaganda gibt es nicht mehr: Nur wenige Ausnahmen können sich länger als ein bis zwei Wochen in den Kinos halten. Das trifft nicht nur Nachwuchsfilme, sondern auch die Werke etablierter Filmemacher: Im vergangenen Dezember hatte Werner Herzogs neuer Film "Salt And Fire" deutschlandweit nur 3000 Besucher, Ulrich Seidls "Safari" kam auf knapp 4000.

Die beklagte Filmflut hat mehrere Ursachen, unter anderem sind die Kosten für digitale Kopien deutlich niedriger als die Filmrollen, die noch vor ein paar Jahren per Spedition durchs Land geschickt wurden. Ein Kinostart ist heute also nicht mehr so teuer wie vor der Digitalisierung der Lichtspielhäuser. Und so werden auch Filme ins Kino gebracht, die nicht unbedingt kinotauglich sind, klassische Videoware, Nischenproduktionen und viele Dokumentarfilme. Und da es in Deutschland Fördertöpfe für Debütfilme gibt, spendiert man auch den Filmhochschulabsolventen einen Kinostart. Was angesichts des mangelnden Publikumsinteresses nur dazu führt, dass die Betroffenen mit dem Stempel "Kinoflop" um neue Projekte kämpfen müssen. Auch hier sollte man sich überlegen, ob andere Auswertungsformen nicht besser wären für alle Beteiligten - wobei man den digitalen Wandel als Chance begreifen sollte.

Alfred Holighaus, der nicht nur Gastgeber des Deutschen Filmballs ist, sondern auch Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio), sagt dazu: "Filme werden digital gedreht, nachbearbeitet, projiziert und beworben. Dummerweise gibt es aber auch einen digitalen Sinneswandel - und der kann zu einer dramatischen Entwertung unserer Arbeit führen." Die alten Reihenfolgen gelten also nicht mehr; höchste Zeit, neue zu finden.