Kino Vom Leben isoliert

Ein Scheidung, die sich verzögert, und ein Haus, aus dem es kein Entkommen gibt: Der Film "Die Ökonomie der Liebe" von Joachim Lafosse.

Von Fritz Göttler

Boris stört. Er gehört nicht in diesen Mittwochnachmittag. Marie kam nach Hause mit den Kindern, mit routinierten Bewegungen bereitet sie das Essen vor, die Hausaufgaben stehen an für die zwei Töchter, die Zwillinge. Boris soll, so ist es abgemacht, am Mittwoch immer erst um acht Uhr abends im Haus sein.

Das ist eine schäbige, eine peinliche Situation, wenn Marie ihren Mann zurechtputzt vor den Mädchen, und ein Moment von trister Alltäglichkeit. Fünfzehn Jahre sind sie verheiratet, nun werden sie sich scheiden lassen. Die Scheidung verzögert sich, die beiden streiten um den finanziellen Abgleich. Marie wird im Haus weiter bleiben, sie hat es zum größten Teil bezahlt, mit elterlichem Geld. Boris hat es in den Jahren, die sie dort wohnten, ausgebaut und renoviert, all sein handwerkliches Können und seine Kreativität stecken darin. Und seine Liebe.

Für all das, was er also investiert hat im Verlauf der fünfzehn Jahre, glaubt Boris, dass er die Hälfte dessen ausgezahlt bekommen sollte, was das Haus wert ist. Marie gesteht ihm bloß ein Drittel zu. Das ist die Ökonomie der Liebe - im Original: die Ökonomie des Paares -, der der Film sich widmet.

Ohne sein Geld kann Boris sich eine eigene Wohnung nicht leisten - die Mieten sind explodiert, auch in Frankreich. Früher blieb man aus moralischen Gründen zusammen, sagt der Regisseur Joachim Lafosse, heute sind es finanzielle. Der französische Strukturalismus zwischen Lacan und Althusser, Derrida und Jean-Joseph Goux hat in den Siebzigerjahren erkundet, wie das zusammenhängt, die monetären und die emotionalen Ströme, das Geld und die Psyche, Ökonomie und Psychopathologie, Marx und Freud. Solange die Geldfrage nicht ausgehandelt ist, so lange bleibt ein ungeklärter Rest Liebe in den Beziehungen von Boris und Marie. So lange darf Boris bleiben, in einem Abstellkämmerchen in Maries Haus. Mit festen Regeln. Mittwochs erst ab 20 Uhr.

"Die Ökonomie der Liebe" ist eine Art Doppeltes Lottchen aus dem französischen Bürgertum. Ein komödiantischer Stoff, aus dem Marie und Boris aber immer nur die depressiven und bösen Momente herausholen. Marie lässt keine Gelegenheit aus, Boris zu demütigen - als ihre Mutter Boris gern als Handwerker engagieren würde, untersagt sie es ihr.

Boris macht so ziemlich alles falsch, Maries Regeln sind für ihn nichts als schikanös, ungerecht und absurd. Er hat versprochen, die Turnschuhe zu kaufen, die sich das eine Töchterchen sehnlich wünscht, aber es dann zwei Wochen einfach verschusselt. Er isst Maries Käse aus dem Kühlschrank.

Es gibt keine Erzählung in diesem Film, keine Entwicklung, keinen Fortschritt, nur eine mal hitzige, mal kühle Stagnation, die einen schmerzhaft gebannt hält als Zuschauer. Zur Vorbereitung hat Joachim Lafosse seinen Darstellern Bérénice Bejo und Cédric Kahn den Film "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" gezeigt - die (Wieder-)Geburt des Kinos aus einem einzigen, begrenzten Raum: "Mein Traum wäre es, dass ihr so frei würdet, wie Elizabeth Taylor und Richard Burton es bei Mike Nichols waren." Bejo und Kahn haben diese Freiheit gefunden, in ihrer Grausamkeit und Verzweiflung, Zärtlichkeit und - ja, auch Fröhlichkeit.

Ein Film als Tableau, in langen - und cinemascopebreiten - Einstellungen folgt die Kamera von Jean-François Hensgens Marie und Boris und den Kindern in die einzelnen Ecken des Hauses, zwischen Kühlschrank und Herd, Tisch und Bett. "Der Besucher lobt die Vielfalt der Zimmer und Flure, die den sinnvollen Abstand mit dem notwendigen Zusammenhalt kombinieren", schreibt Michel Serres in seiner topologischen Studie "Atlas" über die Struktur des Hauses: "Deshalb ist der architektonische Grundriss des Hauses definiert als die Menge jener Wege, die eine größtmögliche Nähe ermöglichen, aber zugleich gewisse Abstände einhalten."

Eine Einheit scheint immer noch möglich, suggeriert das wendige Hin und Her der Kamera, aber diese Einheit ist, wie immer im Kino, künstlich und synthetisch. Es gibt kein Entweder-oder, in jedem Moment ist beides da, die Nähe und der Abstand, und aus der stärksten Nähe kann die größte Distanz entstehen. Das Glück ist weiter eine Option in dieser Ökonomie, aber fassungslos erlebt man, wie schnell es sich mit einem Firnis von Hass überzieht.

Was für ein Schrecken - das Haus dominiert das Leben, die Liebe, die Familie

Die Familie ist das große Thema von Joachim Lafosse, in ihren grotesken Varianten zumal, sein letzter Film "The White Knights" erzählte, inspiriert von der "Zoe's Ark"-Affäre um eine französische NGO, die ein dubioses Adoptions-Unternehmen in Afrika anzettelte.

Man wird aus Maries Haus kaum herauskommen den Film über, durch die Fenster gibt es Blicke in den Garten, man sieht Gartentisch und -bank, einmal hat Marie ein paar Freunde eingeladen für den Abend, und als Boris unerwartet heimkehrt und sich dazusetzt, gibt es eine hässliche Szene zwischen Provokation und Besänftigung, Gemeinheiten und Tränen. Es ist die andere Banlieue, die der Film erforscht, die gehobene, bürgerliche, die aber genauso wie die andere, in der die Minderheiten in ihre Wohntürme gepfercht werden, die Menschen, die dort wohnen, isoliert und vom Leben abhält, vom richtigen Leben. Schwer fällt die Eisentür ins Schloss, wenn einer auf die Straße hinaustritt oder wenn er zurückkommt.

Es ist auch ein Klassenkampf, der in diesem Haus geführt wird, die familiären sind auch Produktionsverhältnisse. Das Haus ist das Produkt einer fünfzehnjährigen Liebe, ihre Konfiguration, man muss nur den Blick schweifen lassen, über die Wände und durch die Türen, um zu merken, auf welchen komplizierten Voraussetzungen sie basiert und weshalb das Haus die beiden nicht mehr loslässt. Ein Rückzugsort, eine Höhle. In manchen Momenten erinnert die Geschichte von Marie und Boris dann an jenes andere, dem Ehedrama konträre Genre, das ebenfalls von dominanten Häusern bestimmt wird, den Horrorfilm.

L'économie du couple, F/Belgien 2016 - Regie: Joachim Lafosse. Buch: Mazarine Pingeot, Fanny Burdino, Joachim Lafosse. Kamera: Jean-François Hensgens. Szenenbild: Olivier Radot. Schnitt: Yann Dedet. Mit: Bérénice Bejo, Cédric Kahn, Marthe Keller, Jade und Margaux Soentjens, Francesco Italiano, Tibo Vandenborre, Catherine Salée, Ariane Rousseau, Philippe Jeusette, Annick Johnson. Camino Filmverleih, 100 Minuten.