Zu ernst, zu winterlich: Der Thriller "Killshot" ist so verbraucht wie das Gesicht des Hauptdarstellers Mickey Rourke.
Ein Gesicht wie ein Kriegsgebiet, gezeichnet von den Einschlägen des Schicksals. Dazu ein neckischer Zopf. Und dann diese Stimme: "Du musst wissen, was du tust, du musst einen Plan haben. Wie du reingehst, wie du wieder rauskommst, wie viel Schüsse du brauchst. Geh sicher, dass du weißt, wo alle sind. Geh sicher, dass keiner dich sieht. Zögere nicht, entwickle kein Interesse. Dann wirst du keine Fehler machen."
Bild vergrößern
Er ist ein Killer mit Prinzipien: Mickey Rourke als Armand "Blackbird" Degas. (© Screenshot: sueddeutsche.de)
Anzeige
So referiert, rezitiert, beschwört Mickey Rourke alias Armand "Blackbird" Degas seine Regeln, ganz am Anfang von John Maddens "Killshot", nach dem Roman von Elmore Leonard. Es sind die Regeln eines Auftragskillers für die Mafia, der zur Hälfte indianischer Herkunft ist. Ein Mann mit strikten Prinzipien. Sein Bruder, der sein Partner war, hat diese Regeln einst missachtet. Es hat ihn das Leben gekostet. Er starb im "friendly fire" aus Blackbirds eigener Waffe.
So stimmungsvoll dieser Einstieg ist, und so gern man den Film dann gleich sehen möchte - er ist zugleich auch so verbraucht wie Mickey Rourkes Gesicht. Ein Auftragskiller mit strikten Prinzipien? Als Bewerber für den Jean-Pierre-Melville-Gedächtnispreis? Bitte hinten anstellen. Selbst Jim Jarmusch tut sich inzwischen schwer damit, bei dieser Idee ein ernstes Gesicht zu behalten.
Was auch der Autor Elmore Leonard Ende der achtziger Jahre schon geahnt hat. Die Geschichte eines Paares, das nur zufällig den Weg des Killers kreuzt und dadurch auf seine Todesliste gerät, nimmt in der Romanvorlage plötzlich den ganzen Raum ein. Diane Lane, als pragmatische Immobilienverkäuferin, und Thomas Jane, als Stahlarbeiter im Holzfällerhemd, spielen das Paar im Film. Eine Ehe unter Druck, kinderlos, schon fast am Ende. Das FBI, mit seinem nichtsnutzigen Zeugenschutzprogramm, hilft da natürlich gar nichts - Killer mit Prinzipien lassen sich von so etwas nicht aufhalten. Am Ende muss der wehrhafte Durchschnittsbürger schon selber ran. Und in seiner geteilten Wehrhaftigkeit, die nur den Dämmerschlaf der Zivilisation träumt, wird sich das Paar dann auch noch einmal neu erkennen: Der Killer als Ehetherapeut.
So interessant die einzelnen Ideen hier sind, so wenig zwingend ist die Konstruktion der Geschichte. Normalerweise hat Elmore Leonard eine sehr gute Antwort auf solche Probleme: Die Schusseligkeit seiner Gangster und Polizisten, der saublöde Zufall, der bei ihm, wie im Leben übrigens auch, regieren darf. Das hat aus "Out Of Sight" oder "Jackie Brown" ganz wunderbar lässige Kinostoffe gemacht - die unwiderstehlichen Sprachmelodien der Protagonisten trugen da schon über alle Löcher in den Plots hinweg. "Killshot" aber ist ein wenig zu ernst, zu winterlich, für dieses Verfahren. So wussten dann offenbar auch die Weinstein-Brüder nicht mehr, was sie da eigentlich produziert hatten. Sie ließen "Killshot" zwei Jahre liegen, bevor sie ihn in den USA nur auf DVD herausbrachten. Das aber hat der Film, trotz seiner Schwächen, sicher nicht verdient.
KILLSHOT, USA 2008 - Regie: John Madden. Buch: Hossein Amini. Mit Mickey Rourke, Diane Lane, Thomas Jane, Rosario Dawson. Senator, 95 Minuten.
(SZ vom 17.7.2009/jeder)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Also hier haben sie sichtlich wenig Zeit investiert:
"Ein Gesicht wie ein Kriegsgebiet, gezeichnet von den Einschlägen des Schicksals. Dazu ein neckischer Zopf." Das ist der Gipfel der Oberflächlichkeit, selten wurde einem Lebenslauf in einer Zeitung derart wenig Respekt entgegengebracht. Rourke ist ein ganz ausgezeichneter Mime.
Und dass die Weinstein Brüder "Killshot zwei Jahre liegen[ließen], bevor sie ihn in den USA nur auf DVD herausbrachten" scheint für Sie schon der beste "Beweis" oder eine Rechtfertigung für Ihre Analyse zu sein.
Ind der Tat hat man aber schon sehr viel schlechtere Filme gesehen, die in diesem Blatt hochgejubelt wurden.
Außerdem: Die Verzögerung durch die Weinstein-Brüder kam deswegen zustande, weil das [wenig gebildete amerikanische Testpublikum] das Plot nicht ganz begriffen hatte, weswegen nachträglich einige Buchfiguren aus dem Film geschnitten wurden, damit an der Kinokasse der "Rubel" rollt.
Ich finde, dieses Wissen gehört zu solch einem Veriss!
Und: Der Film ist toll geworden [die englische Fassung], da er völlig unaufgeregt ein Psychogramm eines Killers liefert. Zugegeben nicht neu, aber mit einem brillianten hauptdarsteller völlig glaubwürdig.