Kino "Jüdischer Humor ist eher philosophisch als lustig"

Sam Garbarski hat einen tragikomischen Film über Holocaustüberlebende gedreht. Der belgische Regisseur, aufgewachsen in München, wollte verstehen, wie Juden nach dem Krieg in Deutschland zurechtkamen. Ein wichtiger Schlüssel dabei: Selbstironie

Interview von Josef Grübl

Dieser Mann weiß nicht nur, wie man Filme verkauft: In Sam Garbarskis neuem Kinofilm "Es war einmal in Deutschland" verscherbeln jüdische Kriegsüberlebende Wäsche an deutsche Hausfrauen. Die Story basiert auf dem 2010 erschienenen Roman "Die Teilacher" und bietet einen humorvollen Blick auf jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland. Damit kennt sich auch der Regisseur aus: Er wurde als Sohn jüdischer Eltern 1948 in Planegg geboren, aufgewachsen ist er in der Borstei in München. Als junger Mann zog er nach Belgien und arbeitete als Werber, vor zehn Jahren feierte er als Filmemacher mit "Irina Palm" seinen größten Erfolg. Sein neuer Film lief auf der diesjährigen Berlinale, in einem Luxushotel erklärte Garbarski den Zusammenhang von Film, Fiktion und Kondomen.

SZ: Herr Garbarski, Sie erzählen von deutschen Juden, die keine Opfer sein wollen und sich trickreich durchs Leben schlagen. Wie kamen Sie auf diese Story?

Sam Garbarski: Wissen Sie, in mir war immer ein Vakuum, ein Nichtverstehen, wie Juden nach dem Krieg in Deutschland weiterleben konnten. Darauf habe ich nie eine Antwort bekommen, auch nicht aus meinem direkten Umfeld. Dann habe ich Michel Bergmanns Bücher entdeckt, sie ermöglichten es mir, in dieses Thema einzutauchen. Irgendwie ist es meine Art, das zu verarbeiten. Dieser Teil der Geschichte wurde noch nie erzählt, weder in der Literatur noch im Kino.

Steckt auch etwas Autobiografisches in Ihrem Film?

Es ist schon die Geschichte der Familie von Michel Bergmann. Beim Schreiben haben wir uns aber ein paar Freiheiten genommen und ein bisschen etwas von mir eingebaut und auch Teile aus dem zweiten "Teilacher"-Roman mit dem ersten verknüpft.

Machen Sie so die Geschichten zu Ihren eigenen?

Ja und nein. Es ist unsere Geschichte geworden. Nichtsdestoweniger entsteht in dem Moment, in dem ich einen Film daraus mache, etwas Neues.

Mit Witz, Charme und Geschäftssinn durch die karge Nachkriegszeit: Fajnbrot (Tim Seyfi) und David (Moritz Bleibtreu) in "Es war einmal in Deutschland". Beide Schauspieler stellen den Film an diesem Donnerstag im City vor.

(Foto: X Verleih)

Ist die Fiktion spannender als die Realität?

Ganz bestimmt sogar. Im Film sagt der von Moritz Bleibtreu gespielte David einen Satz, den ich bezeichnend finde: "Wenn ich mir das Leben nicht schön lügen würde, wäre es nicht auszuhalten." In seiner Situation ist das natürlich überlebenswichtig, im Grunde hat sich daran aber bis heute nichts geändert. Ich lüge mir mein eigenes Leben gerne ein bisschen schöner.

Sehr schön sind auch die Verkaufstechniken Ihrer Filmhelden. Das erinnert an die Home-Shopping-Sender im Fernsehen.

Das Anpreisen gehört einfach dazu. Es ist nichts Neues, dass Verkäufer Geschichten erfinden, die Leute lieben so etwas eben. Das kostet nicht viel, höchstens ein bisschen Zeit.

Sie haben lange Zeit eine Werbeagentur geleitet. Fühlen Sie sich als Filmemacher auch als Verkäufer?

Ja, klar. Wenn ich einen Film machen will, gibt es eine sehr lange Phase, in der wir ihn verkaufen müssen, an Produzenten oder an Förderer. Das geht immer wieder von vorne los - was insgesamt schwierig ist, weil wir zum Verkaufszeitpunkt noch nicht viel vorweisen können. Der Film ist ja da noch nicht gedreht.

Ihre Filmkarriere begann erst relativ spät. Wie kam es dazu?

Filme mochte ich schon immer, ich wollte aber auch immer Werbung machen. Das war meine Berufung. Der Rest ist Zufall: Einmal habe ich in der Agentur einen Werbespot der Kollegen kritisiert. Daraufhin sagten sie zu mir: "Mach's doch besser." Also habe ich einen Werbespot inszeniert, danach noch einen, danach einen Kurzfilm und so weiter. Das ist einfach so passiert, es steckte keine Absicht dahinter.

Sie sind also über Werbespots zum Kino gekommen?

Ja, dazu kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen. Vor etwa 30 Jahren rief meine Mutter aus München an und sagte: "Du Verräter!" Ich hatte gerade mit der Agentur einen Werbespot gemacht, in dem eine Mutter ihrem Sohn Kondome bringt, als der mit einer hübschen Blonden Liebe macht. Und diese jüdische Mama hatte einen Bademantel und Hausschuhe mit Pompons an. Das war eindeutig von ihr inspiriert, sie hat das sofort erkannt. Also sagte sie zu mir: "Wie kannst du das nur machen? Unsere Intimität!"

Gab es einen speziellen Grund, warum Sie mit Anfang 20 nach Brüssel gingen?

Das war wegen einer Frau. Die habe ich im Urlaub kennengelernt, sie war aus Belgien. Also bin ich für ein Wochenende hingefahren - und nie wieder zurückgekommen.

Hätten Sie diese Frau nicht getroffen, würden wir uns also in München treffen?

Ja, wahrscheinlich. Dann wäre ich Rechtsanwalt in München, ich habe damals ja Jura studiert.

Wie lange denn?

Dreieinhalb Jahre, an der LMU. Eigentlich wollte ich das Studium auch beenden; als ich in Belgien war, habe ich aber erst einmal auf die Anerkennung meiner bisherigen Studienjahre gewartet. Doch das war schwierig, ich hätte sehr viel nachholen müssen. Über Umwege habe ich in einer kleinen Werbeagentur ausgeholfen - na ja, und so kam es halt ganz anders.

Ihnen ist das Leben dazwischengekommen?

Genau. Ich habe nie etwas absichtlich gemacht. Es ist immer einfach so passiert.

Sam Garbarski wurde 1948 als Sohn jüdischer Eltern in Planegg geboren. Der Liebe wegen zog er nach Brüssel. Dort drehte er Werbespots, dann Spielfilme. Bekannt wurde er mit "Irina Palm" mit Marianne Faithfull.

(Foto: Fabrizio Maltese)

Wie war denn Ihre Kindheit im Nachkriegs-München?

Um ehrlich zu sein, haben mich mein Vater und meine Mutter ziemlich geschont. Wir hatten zwar kein Geld, da sind aber trotzdem fast nur schöne Erinnerungen. Meine Eltern hatten nie viel mit dem Judentum am Hut, ich wurde auch nicht sehr jüdisch aufgezogen. Sie hatten aber auch immer Angst, dass die Nazis vielleicht doch wiederkommen.

Haben Sie Antisemitismus erlebt?

Nein, persönlich habe ich keine antisemitischen Erfahrungen gemacht. Aber um mich herum gab's das schon, es wurde ja nicht einfach aus den Köpfen der Menschen weggefegt. Wir waren Traditionsjuden, aber nicht praktizierend. Ich bin mit meinen Eltern in die Synagoge gegangen, doch das war auch freiwillig.

Was schätzen Sie am Judentum besonders?

Den Humor. Jüdischer Humor ist eher philosophisch als lustig. Die Juden verarschen sich ständig selbst, es gibt sehr viel Selbstironie. Das gefällt mir. Ich denke auch, dass sie dank ihres Humors viele lebensgefährliche Situationen überstanden haben.

Es war einmal in Deutschland; der Film startet an diesem Donnerstag in mehreren Kinos; Sam Garbarski, Moritz Bleibtreu und Tim Seyfi sind um 19.30 Uhr zu Gast im City-Kino, Sonnenstraße 12