Kino Hure, Heilige und was noch?

Das Bild der Frau hat sich sehr verändert. Und heute sind bereits die Hälfte aller Regiestudenten weiblich. Trotzdem zeigt eine Studie der HFF, dass auf neun abendfüllende Spielfilme von Männern nur einer von einer Regisseurin kommt

Von Anna Steinbauer

Maja hat gerne und viel Sex. Mit blonden und braunhaarigen Männern, mit oder ohne Lederkorsett. Vielleicht ist sie sexsüchtig, wer weiß. Einen unglücklichen Eindruck macht sie jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Sie wirkt selbstbewusst und selbstbestimmt. In einer Szene in "Beat Beat Heart", dem Spielfilmdebüt von Luise Brinkmann, setzt Maja einen ihrer Liebhaber nach vollzogenem Beischlaf unverzüglich und unverfroren vor die Tür. Er müsse jetzt leider gehen, sagt sie. Die 31-jährige Regisseurin hat sich bewusst für diese Erzählvariante entschieden: "Wenn die Szene umgedreht passieren würde - der Mann setzt die Frau vor die Tür - wäre es eine, die wir schon hundertmal gesehen habe." Maja, gespielt von Christin Nichols, ist zwar eine Nebenfigur aber keine Nebensache: Sie deutet den Bruch mit einer uralten Erzählkonvention an. Begehrt dagegen auf, dass Frauen auf der Leinwand ausschließlich passive, dem männlichen Blick ausgelieferte Wesen sind. Macht sichtbar, dass weibliches Erzählen leider immer noch ein Nischenblick ist. Und es wesentlich mehr Regisseure als Regisseurinnen gibt.

Eine jüngst veröffentlichte Studie von Tanja Krainhöfer und Konrad Schreiber liefert die statistischen Fakten für die bittere, aber nicht unbekannte Wahrheit: die geschlechtsspezifische Benachteiligung von Frauen in der Filmbranche. Die Werke weiblicher Filmemacher im Programm deutscher Festivals sind im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen deutlich unterrepräsentiert, so die Ergebnisse der Studie. Sie trägt in Anlehnung an einen Film von Isabell Suba ("Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste") den Titel "Frauen zeigen ihr Gesicht, Männer ihre Filme". 27 Prozent der Filme werden von Frauen produziert, 73 Prozent von Männern. Das ergibt ein Verhältnis von 1:3. "Wir wollten den hitzigen Diskussionen Zahlen gegenüberstellen, um eine objektive Diskussionsgrundlage zu schaffen", sagt Krainhöfer. Grundlage der Untersuchungen waren 2005 Festivalbeträge von 19 bayerischen Filmfestivals aus dem Jahr 2015. Das Ergebnis lässt sich auf den deutschen Festivalmarkt übertragen: "Wir mussten leider feststellen, dass vorzugsweise die niedrigbudgetierten Formate von Frauen programmiert werden." Obwohl im Animations,- Dokumentar- und Kurzfilmbereich Frauen stärker (32 Prozent) vertreten sind, gibt es ein Minderverhältnis. Vor allem in der Königsklasse, dem abendfüllenden Spielfilm. Dort steht ein Film einer Regisseurin neun Filmen eines Regisseurs gegenüber. Nicht besser bestellt ist es um die Verteilung von Preisgeldern, Förderungen und der Besetzung von Kuratorien.

Als moderne Madonna inszeniert sich die Regisseurin Celia Rowlson-Hall selbst in ihrer filmischen Performance "Ma".

(Foto: Filmfest München)

Luise Brinkmann ist eine junge Filmemacherin, deren Abschlussfilm von der Internationalen Filmschule Köln "Beat Beat Heart" gerade seine umjubelte Premiere auf dem Filmfest München hatte. Ohne Förderung und nur mit einem Kurzfilmbudget ihrer Hochschule drehte Brinkmann ihr Feel-Good-Movie über Liebeskummer mit der Hauptdarstellerin Lana Cooper, die in Zeiten von Dating-Apps noch vom Glauben an die romantische Liebe beseelt ist. Ein bisschen Geld lieh sie sich von der Verwandtschaft, die Schauspieler arbeiteten umsonst. Hört man ihre Erfahrungen als junge Regisseurin in der Filmbranche und die Bedingungen ihres Drehs, fällt es nicht schwer, die Studie als längst überfälligen Beweis eines gravierenden Missstandes zu bewerten. Bereits bei der Herstellung ihres Filmes musste sie sich einiges anhören: Das sei ein Frauenfilm, die Männer kämen so schlecht weg, sie sei eine Feministin. "Nur weil ich gesagt habe, ich bin Regisseurin, ich mache gerne einen Film mit einer Frau als Hauptfigur." Mittlerweile, so Brinkmann, bevorzuge sie sogar Projekte mit weiblicher Protagonistin: "Einfach nur, um die weibliche Perspektive sichtbar zu machen."

Dieses Ziel verfolgt auch Pro Quote Regie. Mittlerweile sind es fast 390 Regisseurinnen, die sich seit 2014 zu dieser Initiative zusammengeschlossen haben, um für die Gleichstellung von Frauen in der Film- und Fernsehbranche zu kämpfen. Um Veränderungen voranzutreiben, fordert der Verein eine Quote in Fördergremien, Programm und Produktionen. In einem Panel von Pro Quote Regie auf dem Filmfest München wurde besonders bedauert, dass es keine Kontinuität in der Tradition weiblichen Erzählens gebe. Filmkritik und Filmgeschichte sei fast ausschließlich von Männern geprägt und geschrieben, man müsse den Blick auf die Vergessenen richten: die Frauen. So wie auf die erste, heute weitgehend unbekannte Regisseurin Alice Guy-Blanché, die mehr als 700 Filme drehte.

Tanja Krainhöfer

"Ein Werk von Frauen kommt auf neun Werke von Männern. Und unter den Retrospektiven und Hommagen war überhaupt gar keine Frau zu finden. Das hat uns sehr ernüchtert."

Ähnlich verhalte es sich mit Werken von Filmemacherinnen wie zum Beispiel Lotte Reiniger. Wieder spielt der Blick eine große Rolle: Sind Werke verschollen, nicht restauriert oder schwer zu identifizieren, geraten sie in die tückische Überlieferungslücke. Deshalb ist die Frage nach dem Umgang mit dem Filmerbe und dessen Sicherung so wichtig. Denn: An welche Filme kann man sich erinnern? Welche werden digitalisiert? Welche werden als filmhistorisch wertvoll erachtet? Bisher sind es überwiegend Filme von Männern. Auch hierzu liefert die Studie, die filmhistorische Programme auf ihre Gender-Ausgeglichenheit untersuchte, enttäuschende Zahlen: "Ein Werk von Frauen kommt auf neun Werke von Männern. Und unter den Retrospektiven und Hommagen war überhaupt gar keine Frau zu finden. Das hat uns sehr ernüchtert", sagt Krainhöfer. Wenn Filme von Frauen auf Filmfestivals keine Berücksichtigung finden, dann können sie auch keine Bekanntheit erlangen und langfristig die Bedeutung gewinnen, um als wichtiger Beitrag in unser Filmerbe einzugehen.

Die Medienforscherin sieht genau hierin den Knackpunkt und die besondere Verantwortung und Chance von Festivals, die Diskussion über weibliche Blicke in Gang zu setzen: "In einer Zeit, in der audiovisuelle Produktionen maßgeblich zu einem kollektiven Gedächtnis beitragen, hat es umso schwererwiegende Folgen auf weibliche Perspektiven zu verzichten." Welche Bedeutung Filmfestivals für die Visibilität insbesondere von Filmen von Frauen nicht nur im Inland haben, beweisen Beispiele wie "Schau mich nicht so an" von Uisenma Borchu, der 2015 Weltpremiere auf dem Filmfest München hatte, "Wild" von Nicolette Krebitz mit der Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival und "Toni Erdmann" von Maren Ade mit Weltpremiere auf dem Filmfestival in Cannes. Mit geschickten Festivalplatzierungen, so die Prognose der Medienforscherin, könne man künftig vielleicht sogar auf eine Kinoauswertung verzichten.

Nachholbedarf: Pro Quote Regie setzt sich für die Gleichstellung von Frauen in der Film- und Fernsehbranche ein.

(Foto: oh)

Auf dem Münchner Filmfest gibt es dieses Jahr 47 Filme von Frauen und 155 Filme von Männern. Rechnerisch gesehen ein Missverhältnis. Aber es tut sich was, so scheint es: In der Reihe Neues Deutsches Kino, in der auch Brinkmanns Film zu sehen ist, sind 8 von 19 Filmen von Regisseurinnen. Auch unter den lateinamerikanischen und brasilianischen Filmen stammen fast die Hälfte von Frauen. An den Filmhochschulen, so die Zahlen, ist das Verhältnis von Männern und Frauen noch ausgeglichen. Das Problem beginnt erst nach dem Debüt. Dann muss man sich mit all den Sönke Wortmännern und Doris Dörries um den großen Topf kloppen. Und sich mit all den stereotypen Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit auseinandersetzen, den eigenen und denen der anderen.

Wichtig ist hierbei vor allem ein Sichtbarmachen. Durch den weiblichen Blick, der selbst Filme macht und sogar von der Leinwand herab sieht. Wie Celia Rowlson-Hall in ihrer modernen Madonnen-Performance "Ma", die auch auf dem Filmfest zu sehen war. Oder ihre Kolleginnen Ana Katz in der schrägen Komödie "Mi amiga del parque" und Mirjana Karanović in dem Drama "A Good Wife". Die Regisseurinnen spielen alle selbst die Hauptrollen in ihren Filmen, erzählen von weiblicher Überhöhung, Schwierigkeiten von Mutterschaft und sonstigen Lebenskrisen. Mutige Frauen zeigen hier ihr Gesicht. Vielleicht deshalb, weil sie nur so die Geschichten erzählen können, die sie erzählen wollen. Mehr davon bitte.