Kino Flucht ins Grüne

Wim Wenders verfilmt ein Stück von Peter Handke, und zwar in 3-D: "Die schönen Tage von Aranjuez" zeigt die Liebesdialoge eines seltsamen Paars.

Von Susan Vahabzadeh

Die Zeit ist reif für altmodische Sehnsüchte. Erst mal sieht man Paris, ungefähr so entvölkert wie in Claude Lelouchs Kurzfilm "C'était un rendez-vous", nur ist es in dem noch gar nicht richtig hell und er ist vierzig Jahre alt - und selbst da kann man nicht glauben, dass Paris jemals so tief schläft. Es wird dann noch ruhiger. Das alte Haus und vor allem der Garten, in dem Wim Wenders' neuer Film "Die schönen Tage von Aranjuez" spielt, wirkt seltsam entrückt. Da steht eine Jukebox und spielt Nick Cave, am Schreibtisch sitzt ein Schriftsteller (Jens Harzer) und haut in die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine. Und am Horizont hinter dem Garten sieht man im Dunst die Skyline von Paris, und es ist ein bisschen so, als hätte das Wachsen der modernen Türme stattgefunden, während das alte Haus und der Garten unter einer Glasglocke konserviert wurden.

"Die schönen Tage von Aranjuez" ist ein Stück von Peter Handke, über eine Frau und einen Mann, ein langer Dialog. Hier sitzen sie auf der Terrasse, und man weiß nicht so recht, ob der Schriftsteller sie beobachtet oder fantasiert, ob sie sagen, was er schreibt, oder ob er schreibt, was sie sagen. Sie könnten Geister sein oder wirklich da, bis dann die Frau, gespielt von Peter Handkes Ehefrau Sophie Semin, das gleiche Kleid trägt in einer anderen Farbe, was sie dann doch als Imagination ausweist. Den Mann spielt Reda Kateb ("Ein Prophet"), der wiederum ein bisschen aussieht wie Peter Handke. Das klingt statischer, als es ist, die Kamera fährt permanent um die beiden herum, die Blätter rauschen, und plötzlich ist Nick Caves Musik so präsent und überbordend, dass er selbst dort sitzt, im Haus, jenseits der Terrassentür. Überwiegend stellt der Mann die Fragen, nicht alle sind sehr höflich. Von ihrem ersten Sex soll die Frau erzählen, aber sie weicht geschickt aus und erzählt eher von ihrer ersten Erregung.

Nachmittag im Garten von Gut und Böse: Sophie Semin und Reda Kateb im neuen Film von Wim Wenders, "Die schönen Tage von Aranjuez".

(Foto: Warner)

Eigentlich läuft es so: Er fragt, sie gibt etwas preis; und dann erzählt er etwas, aber persönlich ist es nicht, manchmal klingt es sogar eher wie eine Vorlesung. Ein Gegenentwurf zu überdramatisierter Handlung, Geschwindigkeit vorgaukelnden Schnitten. Kann man sich allen modernen Sperenzchen des Kinos verweigern? Kann man schon. In manchen Momenten ist der Film selbst die Oase der Ruhe, der stille Sommertag, nach dem er sich sehnt.

Die Dreidimensionalität macht aus bloßen Figuren greifbare Menschen

Das Stück ist von 2012, Handke hat es auf Französisch geschrieben, und Wenders hat den Film auch auf Französisch gedreht. Was, obwohl es einem ja manchmal so vorkommt, als hätten ihn die Franzosen längst gekidnappt, tatsächlich das erste Mal war, zwischen zwei großen, englischsprachigen Filmen, "Everything Will Be Fine" und "Submergence", der später im Jahr ins Kino kommt. Wenders und Handke haben über die Jahrzehnte immer wieder zusammengearbeitet, zuletzt bei "Der Himmel über Berlin". Das hier ist nun ein kleines Projekt, in kurzer Zeit gedreht. Der Titel bezieht sich auf den Anfang von Schillers "Don Karlos", der beklagt, dass die schönen Tage in der Sommerresidenz der spanischen Könige vorüber sind. Er soll sich mit Intrigen befassen und Politik, obwohl er lieber einfach sein Leben leben würde. Den beiden im Garten geht es ähnlich, sie versuchen, über ihre Leben zu reden, das ganz Persönliche, ohne dass man wüsste, ob sie sich gut kennen oder ein Paar sind oder Fremde, und die aufgewühlte, laute Welt außen vor zu halten.

Wenders hat das in 3-D gefilmt - das sei, so Wenders, die zärtlichste Art des Filmemachens, und es ist tatsächlich so, dass diese beiden Fiktionen auf der Terrasse dadurch seltsam menschlich und präsent werden. Wenn andere 3-D benutzen, dann eigentlich immer nur, um Katastrophen besonders bedrohlich aussehen zu lassen. Hier werden aus Figuren greifbare Menschen, das ist tatsächlich ein spannender Ansatz. Außerdem, sagt Wenders, könne man dem Text leichter folgen in 3-D. Die Frage ist, ob das stimmt. "Die schönen Tage von Aranjuez" ist Text von vorne bis hinten, und die Dialoge über die Liebe stochern sehr ungenau in allgemein gehaltenen Vorstellungen von Männern und Frauen herum und führen leider nicht zu viel. Am schönsten ist dieser Text an jenen Stellen, die dann doch von der äußeren Welt erzählen. Wenn es um Aranjuez geht, beispielsweise. Der Mann erzählt da von diesem Ort, an dem schon lange nicht mehr der König wohnt.

Als es aber noch so war, da gab es dort Gemüsegärten, in denen alles angebaut wurde, was man brauchen konnte für die königliche Küche. Und als er, der Mann, einmal dort spazieren ging, da begegnete ihm das flüchtige Gemüse, das wandernde Obst, das sich aufgemacht hat vor vielen Jahren aus den verlassenen Gärten in die Felder und Wälder und dort selbständig vor sich hinwächst. Ein bisschen so wie die Stadt Paris am Horizont. Man kann sich nicht ganz und gar aus der Welt zurückziehen, sie macht ja doch, was sie will. Und dann bricht sie über uns hinein.

Les beaux jours d'Aranjuez, Deutschland/Frankreich, Portugal 2016. Regie: Wim Wenders. Drehbuch: Wenders, basierend auf Peter Handkes Stück. Kamera: Benoît Debie. Mit: Sophie Semin, Reda Kateb, Jens Harzer. Warner Bros., 97 Minuten.