Kino: Ein Sommersandtraum Das Sandmännchen

Möchtegern-Dandy Benno kontrolliert penibel sein Gewicht, schmückt sich mit einer hübschen Blondine und mit kokain-hochnäsiger Eitelkeit - bis ihm plötzlich Sand aus allen Poren rieselt. Witzige Idee, suerreales Märchen: "Ein Sommersandtraum".

Von Susanne Gmür

Benno ist ein veritabler Drecksack. Der Zürcher Möchtegern-Dandy kontrolliert penibel sein Gewicht, schmückt sich mit einer hübschen Blondine und schafft es sogar, sich seinen Job in einer kleinen Philatelie mit kokain-hochnäsiger Eitelkeit zum Statussymbol aufzupolieren - indem er Chef spielt und sich seltene Briefmarken in übergroßen Rahmungen an die Wand hängt.

Aber statt weißen Schnees liegen plötzlich ein paar Körnchen Sand auf der Ladentheke, und als er am nächsten Tag aufwacht, ist da eine ganze Prise auf dem Kissen, und Sand hat's auch im Kaffee, den er sich morgens unten im Café besorgt. Hier kellnert eine unscheinbare und schlecht gelaunte Brünette, mit der Benno im Streit liegt. Er findet sie "fett, faul, dumm und hässlich wie die Nacht" und völlig talentfrei. Denn Sandra übt nach der Sperrstunde ihre Songs ein, was ihn wahnsinnig macht.

Der tolle Hass auf beiden Seiten wird konterkariert von erotischen und romantischen Träumen - im Schlaf erträumen sich Benno und Sandra zu ihrem Leidwesen als ideales Liebespaar. Nachdem aber aus Benno immer mehr Sand rieselt, Freundin Patrizia für sein Problem wenig Verständnis aufbringt, die Wohnung regelrecht versandet, kein Mediziner, kein Psychologe und auch der Wahrsager Dimitri nicht helfen kann, er fast seinen Job und tatsächlich seinen Arm verliert, als er Patrizia seine Liebe versichert, findet Benno schließlich dank Sandra heraus, dass er nur dann sich zu Sand verwandelt, wenn er lügt.

Sein Programm heißt ab hier: Immer die Wahrheit sagen. Die Geschichte von "Ein Sommersandtraum", die mit selbstgefälligem Sex anfängt und mit wahrer Liebe aufhört, klingt nach altem Hafenkäse und viel Kitsch. Aber der Schweizer Drehbuchautor und Regisseur Peter Luisi weiß sie als originelles, surreales Märchen neu zu erzählen.

Er hatte mit seinem "Sandmann" nicht bloß eine witzige Idee, sondern er hat sie auch fast durchwegs mühelos und amüsant umgesetzt. Unter Verzicht auf allzu simple Gags und mit der Souveränität, die Metapher in ihrer visuellen Umsetzung wirken zu lassen. Da darf der Sandmann auch mal kurzzeitig zum nicht so überzeugenden Hoffmann'schen Monster mutieren.

Die Lösung aber wird sich im Traum finden - so Dimitris Orakelspruch, und bis es soweit ist, muss Benno, der immer leichter wird, unter dem Sand begraben zu werden droht und Schiss vor seinem gänzlichen Verschwinden kriegt, sich tief liegenden Versagensängsten und geheimen Sehnsüchten stellen, um aus dem Albtraum zu erwachen.

Dass die Komödie gelingt, dazu trägt Fabian Krüger, der seit 2009/2010 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehört, außerordentlich viel bei, er lässt die teils eher mäßige Schauspielkunst der anderen vergessen. Seine Darstellung des Benno ist so überzeugend und wunderbar arschig, dass man sich fast wünschte, er würde es bleiben. Und glücklicherweise lässt Luisi ihn dank einer Liebeserklärung ex negativo auch nicht komplett zur Schmalzlocke mutieren.

EIN SOMMERSANDTRAUM, CH 2011 - Regie, Buch: Peter Luisi. Kamera: Lorenz Merz. Mit: Fabian Krüger, Frölein Da Capo (Irene Brügger), Beat Schlatter, Florine Elene Deplazes. Neue Visionen, 88 Minuten.