Kino Der WAAhnsinn geht weiter

Inspiriert von der Vergangenheit: In den Achtzigerjahren stand Ingo Fliess selbst am Zaun (mit rotem Schal), jetzt produziert er einen WAA-Film.

(Foto: Ingo Fliess/oh)

Der Produzent Ingo Fliess plant einen Kinofilm über Wackersdorf

Von Josef Grübl

Ausgerechnet Fahrräder. Daran hat in Wackersdorf in der Oberpfalz keiner geglaubt, weder damals noch heute. Trotzdem behauptete vor 30 Jahren der bayerische Ministerpräsident, dass die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe, kurz WAA, "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik" sei. Franz Josef Strauß wollte die Bürger beruhigen und seine Gegner zum Schweigen bringen; er hatte aber nicht damit gerechnet, dass Bürger und Gegner sich längst vereint hatten. Und so war das erste Todesopfer denn auch eine Hausfrau, die am Bauzaun einem Herzinfarkt erlag. Kurz darauf starb ein Ingenieur nach einem Asthmaanfall, vermutlich hervorgerufen durch gegen Demonstranten eingesetztes CS-Gas. Auf der einen Seite standen schon bald tausende Polizisten, ausgerüstet mit Reizgas und Wasserwerfern, auf der anderen Seite marschierten zigtausende Atomgegner.

Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, so etwas hatte man in der BRD noch nie erlebt. Hunderte Demonstranten wurden verletzt, tausende strafrechtlich verfolgt. Den Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen 1986, es gab ein Musikfestival mit mehr als 100 000 Besuchern, der Ausdruck "WAAhnsinn" war in aller Munde. Heute spricht dagegen kaum noch jemand über die längst aufgegebenen Pläne, mitten in Bayern radioaktiven Atommüll zu lagern. In Wackersdorf haben sich mittlerweile Zulieferbetriebe der Automobilindustrie angesiedelt, jüngere Menschen kennen den Begriff WAA vermutlich gar nicht mehr.

Der Münchner Filmproduzent Ingo Fliess möchte das ändern: Er bereitet gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk und Arte den Spielfilm "Wackersdorf" vor, nach mehreren Dokumentarfilmen ist das die erste fiktionale Aufarbeitung des Themas. Der Film-Fernseh-Fonds Bayern hat das Projekt im Frühjahr gefördert, Drehbeginn ist im Herbst. Regie wird Oliver Haffner ("Ein Geschenk der Götter") führen, gemeinsam mit dem Münchner Autor Gernot Krää hat er auch das Drehbuch geschrieben. Es soll ein Politthriller werden, der davon erzählt, wie es zu den Aufständen kam und welche Rolle ein Lokalpolitiker dabei spielte. Derzeit laufen die letzten Vorbereitungen, allzu viel verraten will der Produzent noch nicht. Dann erzählt er aber doch ein wenig von diesem Projekt, etwa, wie er auf den Stoff gekommen ist. Ingo Fliess wuchs in Sulzbach-Rosenberg auf und stand in den Achtzigerjahren selbst am Zaun, ein Film über diese Zeit des Protests schwebte ihm schon seit längerem vor. "Wir bleiben nahe dran an der wahren Geschichte, haben sie aber hochverdichtet", sagt er. "Es gab auch sehr viele Gespräche mit Hans Schuierer."

Der damalige Landrat des Landkreises Schwandorf wurde zu einer Schlüsselfigur; anfangs war der SPD-Mann angetan von der Aussicht, neue Firmen und Arbeitsstellen in die Region zu holen, dann aber erkannte er, welche Folgen das gehabt hätte und wie Politik und Industrie die vermeintlichen Provinzler überrumpeln wollten. Also lehnte er es ab, die WAA-Pläne zu unterzeichnen. Die bayerische Staatsregierung entmachtete ihn daraufhin, der Fall wurde als "Lex Schuierer" bekannt. Wer den heute 86-jährigen Hans Schuierer spielen wird, möchte Fliess noch nicht verraten. "Es ist ein in Deutschland noch recht unbekannter Schauspieler, er passt aber perfekt auf diese Rolle", sagt er nur. Bekannt ist dagegen schon, dass Anna Maria Sturm mitspielen wird: Die in Schwandorf aufgewachsene Schauspielerin, 34, wurde mit Filmen von Marcus H. Rosenmüller bekannt ("Beste Zeit", "Beste Gegend"), ihre Mutter war einer der führenden Köpfe der WAA-Widerstandsbewegung.

Ein spannendes Thema, das hoffentlich auch ein Publikum finden wird: Zeitgeschichtliche Stoffe haben es im Kino schwer. Fliess weiß das, er möchte es aber trotzdem versuchen: "Uns war relativ schnell klar, dass es ein Spielfilm werden muss, da kann man einfach universeller erzählen. Letztendlich geht es um die Freiheit des Denkens, das ist ja gerade heute wieder hochaktuell." Drehbeginn von "Wackersdorf" ist im Oktober, 2018 soll der Film ins Kino kommen.