Kino Anti-Aging für das Kübelkind

Edgar Reitz' anarchistische Kurzfilmserie kehrt ins Rationaltheater zurück - digital restauriert

Von Josef Grübl

Bei der Verköstigung sind Kinos ja eine Art Vorhof zur Hölle. In den meisten Häusern gibt es nur Popcorn, Cola und Nachos mit Guacamole. Das Rationaltheater im Herzen Schwabings hat dagegen derzeit eine Speisekarte, wie man sie sonst nirgendwo findet. Darauf stehen Gerichte wie "Alte Männer" oder "Ein ganz kleines Glück". Die Zuschauer kreuzen ihre Favoriten auf der Karte an, serviert wird allerdings auf der Leinwand - die genannten Gerichte sind die Titel der Filme.

Noch bis Sonntag ist die anarchistisch-feministische Kurzfilmserie "Geschichten vom Kübelkind" zu sehen, die im April 1971 Premiere im Rationaltheater hatte (das damals noch in der Hohenzollernstraße war). Knapp zwei Jahre lang begeisterten die Abenteuer des Bürgerschreck-Mädchens ein Nachtschwärmer-Publikum, danach verschwanden sie im Archiv. Die Kopien waren verschlissen, die auf Umkehrmaterial gedrehte Serie galt als verloren. Vor zwei Jahren nahm sich Edgar Reitz, der bei den Kübelkind-Geschichten gemeinsam mit Ula Stöckl Regie führte, des Projektes wieder an: Er ließ die völlig ramponierten Filmkopien digital restaurieren, jedes einzelne Bild wurde eingescannt, Flecken, Risse und Schrammen wurden in Handarbeit entfernt. Reitz hat Erfahrung mit solchen Erhaltungsaufgaben, vor drei Jahren restaurierte er gemeinsam mit seinem Sohn Christian sein wohl bekanntestes filmisches Werk "Heimat", aktuell überarbeiten sie "Die zweite Heimat". So bewahrt der Regisseur sein filmisches Erbe für künftige Generationen.

Als Bürgerschreck-Mädchen namens Kübelkind überzeugte seinerzeit die Schauspielerin Kristine de Loup.

(Foto: Edgar Reitz Filmstiftung)

Bei der ersten "Kübelkind"-Aufführung am Mittwochabend im Rationaltheater ist ein älteres Publikum anwesend, das die Filme noch von damals kennen dürfte. 22 Serienfolgen haben Stöckl und Reitz 1969 und 1970 gedreht, geplant waren 64. "Irgendwann war das Geld alle", erzählt Edgar Reitz. An eine kommerzielle Auswertung war nicht zu denken, die Filme entstanden im Guerilla-Stil. "Wir haben oft morgens zusammen gefrühstückt und uns überlegt, was wir tagsüber drehen könnten", sagt Reitz. Einige Folgen waren nur ein paar Minuten lang, andere dauerten bis zu einer halben Stunde, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) wollte sie nicht unter 18 Jahren und nur unter einem halben Dutzend Schnittauflagen freigeben. So führten die insgesamt knapp dreieinhalb Stunden langen "Kübelkind"-Geschichten ein filmisches Schattendasein, im Rationaltheater liefen sie von 23 Uhr an nach den eigentlichen Theatervorstellungen. Später waren sie auch auf Festivals und im Forum der Berlinale zu sehen. "Damals habe ich gegenüber dem Rationaltheater gewohnt", erklärt Ula Stöckl das Aufführungskonzept, das sich eher zufällig ergeben hatte: Sie wussten einfach nicht, wo sie diese allen Marktgesetzen widerstrebende Serie sonst hätten abspielen können. So wurde das Theater zum Kneipenkino, das bis spät in die Nacht Filme zeigte.

Ein Kneipenkino ist es auch heute noch, bei der Wiederaufführung, 47 Jahre später. Edgar Reitz hält eine kurze Rede, die Gäste sitzen in Sesseln, an der Bar wird eifrig ausgeschenkt. Die räumliche Nähe zum Theater war das eine, sagt Stöckl am Telefon, das andere war die inhaltliche Ausrichtung. "Wir kannten die Betreiber, als Kabarettbühne wussten sie natürlich sehr gut mit Satire und Ironie umzugehen." Bei den Aufführungen in München kann Ula Stöckl nicht dabei sein, sie reiste zur Premiere bei der Berlinale an, mittlerweile ist sie in Florida, wo sie an einer Filmschule unterrichtet. Reitz habe sie in den Sechzigern an der Hochschule für Gestaltung in Ulm kennengelernt, erzählt sie, ihre Hauptdarstellerin spielte schon in ihrem Regiedebüt "Neun Leben hat die Katze" mit. Als Kübelkind trug Kristine de Loup stets ein rotes Nachthemd und rote Strümpfe sowie eine schwarze Anna-Karina-Perücke. Mal steckte sie in einer Mülltonne fest, mal ertränkte sie andere Kübelkinder, mal forderte sie die Männer zum Hosen runterlassen auf. In einer Folge ging sie auf den Strich und wurde von ihrem Freier erwürgt - der übrigens von Werner Herzog gespielt wurde.

47 Jahre später stellt der Regisseur Edgar Reitz die restaurierte Version der Serie vor.

(Foto: Robert Haas)

Herzog ist auch im Dokumentarfilm "Der Film verlässt das Kino: Vom Kübelkind-Experiment und anderen Utopien" dabei, den Robert Fischer parallel zu den Restaurierungsarbeiten gedreht hat und den er ebenfalls im Rationaltheater vorstellt. Zuvor lässt Reitz noch einmal seine Zuschauer auf der "Kübelkind"-Speisekarte ihre Kreuze machen.

Geschichten vom Kübelkind, Fr., 16., und Sa., 17. März, 19 Uhr, So., 18. März, 14 Uhr; Der Film verlässt das Kino, So., 18. März, 19 Uhr, Rationaltheater, Hesseloherstr. 18, 33 50 03