Katzenbilder und Politik Ooooch, wie süß!

Lustig - aber: Nichts ist so tief wie die Oberfläche.

(Foto: gemeinfrei)

Katzenbild-Meme sind niedlich und harmlos? Leider nicht mehr ganz. In Zeiten der Aufmerksamkeits­ökonomie werden auch sie von der Politik gekapert und radikal instrumentalisiert.

Von Philipp Bovermann

Wer sich auf die Suche begibt, wie Propaganda im Internet funktioniert, landet auch dort, wo im Netz die Fäden zusammenlaufen: bei süßen Katzen. Sie tauchten in organisierter Form erstmals im Jahr 2007 auf. Eine Katze sitzt zum Beispiel auf einem Laptop, und die Bildunterschrift lautet "Ich kann haben Cheezburger, du kann haben Laptop". Die grammatikalisch verballhornte Form war natürlich gewollt. Sie ließ sich ebenso einfach reproduzieren, wie sich Bilder von Katzen herstellen oder zumindest finden lassen. Das taten die Leute dann auch. Zudem kann mit Katzen fast jeder etwas anfangen. Das machte sie auf Facebook und Twitter "teilbar".

Seither nennt man solche Bilder "Memes". Der Begriff stammt vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er bezeichnet damit Ideen, die sich in der Öffentlichkeit nach quasi-darwinistischen Prinzipien fortpflanzen. Memes haben, so der Linguist und Meme-Experte Lars Bülow, "die Fähigkeit zur Mutation, zur Adaption". Anders als Inhalte, die einmal durchs Netz gejagt werden und dann wieder verschwinden, können sie, wie die Cheezburger-Katzen, etliche Jahre überleben.

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Diesen Effekt versuchen auch politische Aktivisten zu erzeugen. In seinem Essay "Truth is a Virus" von 2002 beschreibt Andrew Boyd, wie die Aktion "Billionaires for Bush (or Gore)" zu einem Medienerfolg wurde. Sein Team schuf das Format eines fiktiven Protests der Reichen, um auf das Problem der Wahlkampf-Finanzierung durch vermögende Spender aufmerksam zu machen. Sie kreierten Slogans wie "Unternehmen sind auch nur Menschen", dazu Buttons und Sticker. Schon bald begannen Leute, eigene Sprüche zu erfinden und "Billionaire Marches" auf den Straßen zu organisieren. Ein Meme war geboren.

In der Meme-Kultur im Internet hat sich seit den Tagen der Katzenbilder einiges verändert. Inzwischen geht es auch um Politik. Memes erweisen sich, da sie mehr Aufmerksamkeit erzeugen, auch in Diskussionen als überlegen - mindestens gegenüber rein textlichen Beiträgen.

Sucht man zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Artikel entstanden ist, nach beliebten Memes in der Kategorie "Conservative", spuckt die Suchmaschine "me.me" zum Beispiel ein Bild von Hillary Clinton aus. Am oberen Bildrand steht, so als würde sie das sagen: "Ich nannte sie ,Die Verabscheuungswürdigen' und meinte das als Beleidigung." Gemeint sind Rechtsradikale. Der untere Bildrand ergänzt: "Jetzt tragen sie diese Bezeichnung als Ehrenabzeichen."

Die Aufnahme von Clinton, auf der sie erschreckt guckt und die Hände in die Luft wirft, wurde auch schon für andere Variationen dieses Memes verwendet. Wer das Bild zum ersten Mal dazu machte, lässt sich im Nachhinein nicht rekonstruieren. Denn Memes entstehen erst dadurch, dass sie geteilt werden. So versammeln sich anonyme Gemeinschaften hinter ihnen. Das Magazin Wired stellte letzten Monat fest, die Leute würden Memes heutzutage "herumzeigen wie Gang-Abzeichen". Dass das Motiv von Clinton aus dem Wahlkampf zwischen ihr und Trump stammt, verweist zudem auf das entscheidende Kapitel in der Entwicklung der Memes zum politischen Instrument. Rechte Internetaktivisten sprechen von ihm heute als dem "Great Meme War".

Er endete damit, dass eine Art wandelndes Meme ins Weiße Haus einzog. Über Trump lässt sich herrlich lachen. Sein Aussehen und seine Redeweise können selbst drittklassige Komiker noch imitieren. Seine Sprache ist simpel. Trump steht auf Cheeseburger. Die Bildzeilen liefert er per Twitter gleich selbst mit. Hobby-Propagandisten basteln daraus das entsprechende Meme-Material fürs Netz.

Erst geht es nur um Bambi. Später auch um Hakenkreuze

Wie genetische Informationen bei einem Virus gelangen so, unter der lustigen Oberfläche, rechtsradikale Ideen in den politischen Mainstream. Statistiken von "me.me" zeigen im Verlauf des Jahres 2016 (US-Präsidentschaftswahl) einen rasanten Anstieg der Häufigkeit von politischem Vokabular in Memes. Regelrecht explodiert sind dabei Begriffe wie "Racism" (plus 6 000 Prozent) oder "White Supremacy" (plus 11 000 Prozent).

Russische Accounts haben im großen Meme-Krieg fleißig mitgemischt, darauf gibt es deutliche Hinweise. Die Rede ist im Zusammenhang des mutmaßlichen Informationskriegs gegen die USA meist nur von dubiosen Fake-Nachrichtenseiten und von Werbung, die Menschen auf Facebook zu sehen bekommen haben sollen. Memes hingegen brauchen weder Autor noch Quelle und tragen auch keinen "sponsored"-Hinweis über dem Posting.

Vor einigen Wochen hat Mark Zuckerberg die Mitteilung veröffentlicht, Facebook habe "mehr als 270" Accounts stillgelegt. Sie stünden mutmaßlich mit der "Agentur zur Analyse des Internets" in Verbindung, der Fabrik für Informationskriegsführung in Sankt Petersburg. Der Social-Media-Analytiker Jonathan Albright hat bereits im vergangenen Herbst sechs Accounts untersucht, die dieser Institution zugerechnet werden. Er kam zu dem Ergebnis, dass deren Inhalte rund 340 Millionen Mal geteilt wurden. Das sind, wohlgemerkt, die Zahlen für nur sechs - wenn auch offenbar besonders aktive - dieser Accounts. Albright schloss daraus, dass "der primäre Versuch der Einflussnahme nicht über bezahlte Werbung" auf Facebook geschehen sei, sondern "organisch", also gemäß den normalen Verbreitungsmechanismen in sozialen Netzwerken. Dafür eignen sich Memes besonders gut.

Die Nutzer der von Albright untersuchten Accounts gaben sich als US-Amerikaner aus. "Heart of Texas" postete zum Beispiel ein Meme, auf dem ein alter Mann mit einem Stock, in erhöhter Position, zwischen zwei riesigen Traktor-Rädern zu sehen ist. "Segways in Texas", lautet die Inschrift. Scheinbar ganz harmlos. In anderen Memes warb "Heart of Texas" für die Abspaltung vom Rest der USA oder hetzte gegen Muslime. Der ebenfalls von Albright analysierte Account "United Muslims of America" betrieb dieselbe Spaltung, ebenfalls mit Memes, von der anderen Seite her.

Der Journalist Adrian Chen, der als erster über die Arbeit der "Agentur zur Analyse des Internets" berichtete, hat zuletzt davor gewarnt, deren Bedeutung größer zu machen, als sie vermutlich ist. Tatsächlich ist die Meme-Sphäre zu komplex, um hinter allem finstere russische Strippenzieher zu vermuten. Für Edmund Schluessel, Administrator der Facebook-Seite "Socialist Meme Caucus", liegt darin sogar das wesentliche Merkmal von Propaganda in Zeiten des Internets: Dass nicht nur staatliche Stellen mitmachen können.

Als Meme-Produzent sieht er sich selbst in der Tradition der russischen Konstruktivisten wie Rodtschenko, die schon vor hundert Jahren lieber buntes, knalliges Propaganda-Material bastelten, anstatt zu malen. Malen oder Karikaturen zeichnen können nämlich nur wenige. Für Memes hingegen reichen das im Internet verfügbare Bildmaterial, ein popkultureller Instinkt und marginales Wissen über digitale Bildbearbeitung aus.

Denn um Perfektion oder Professionalität geht es nicht in der Meme-Subkultur. Im Gegenteil. Das geht schon bei der Schrift los. Je billiger draufgeklatscht sie aussieht, desto besser. Köpfe von Politikern werden unsauber ausgeschnitten und auf lieblos gezeichnete Cartoons kopiert. Alles scheint zu sagen, dass das hier nur ein Scherz ist, irgendeine harmlose Internet-Bastelei. Da steht dann zum Beispiel "Die traurigsten Szenen meiner Kindheit" neben einem weinenden Emoji, darunter sind zu sehen: Bambis tote Mutter, der tote Pinocchio, der tote Mufasa aus "Der König der Löwen" und schließlich der angeschossene Lenin.

Er wird damit in die rosa glitzernde Gruft der Meme-Sphäre eingesenkt. Zusammen mit Bambi. Und Hakenkreuzen. Alles ist süß und lustig, aber es herrscht auch ein gnadenloser Kampf um Sichtbarkeit. Meist gewinnt ihn das lauteste, radikalste Blöken. Das sollte dann aber, um ein angemessen schiefes Bild zu benutzen, schon aus dem Maul einer süßen Katze kommen. Schiefe Bilder bleiben hängen. Und süßen Katzen hört man sowieso immer zu.

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