Jugend, Sex, Internet: Generation Porno Die Tragödie ist nicht real

YouPorn, Pussykätzchen, Cumshots: Johannes Gernert sucht in seinem Buch die "Generation Porno" - und hat Mühe, sie zu finden.

Von Cathrin Kahlweit

Es ist irritierend, ein Buch über die "Generation Porno", über "Jugend, Sex, Internet" zu lesen, während die Medien voll sind von Berichten über missbrauchte Jugendliche, die Opfer pädophiler Lehrer oder Priester geworden sind.

Kinder und Jugendliche als Zyniker, als Laiendarsteller in einer Inszenierung expliziter Körperlichkeit, als, um im Slang und im Bild zu bleiben, abgefuckte Nutzer einer kommerzialisierten, völlig emotionsfreien Sex-Industrie - das passt nicht zu dem Gefühl, das die aktuelle Debatte bestimmt: Trauer, Mitleid, Scham, Solidarität. Und auch Angst, dass den eigenen Kindern so etwas passieren könnte, dass sie ausgeliefert sein könnten und sich nicht anvertrauen.

Nun also das Gegenprogramm, verfasst von Johannes Gernert, einem freien Journalisten aus Berlin. Er beginnt stark und intoniert heftig, indem er gleich zu Beginn in Erinnerung ruft, was im Jahr 2008 Schlagzeilen machte: kindliche Sex-Maniacs, elfjährige Dauer-Porno-Gucker, jugendliche Cliquen beim Gangbang (Gruppensex, bisweilen auch Gruppenvergewaltigungen), all das aufgeschrieben von Bernd Siggelkow, dem Gründer der "Arche", einer renommierten Hilfseinrichtung für bedürftige Kinder in Berlin.

Siggelkow hatte eine Umfrage unter Kindern aus sozial schwachen Berliner Familien gemacht und diese unter dem Titel "Die sexuelle Tragödie" publiziert. Ganz Deutschland sprach daraufhin wochenlang über Fünfjährige, die Pornos gucken, über 13-jährige Mädchen, die schon Sex mit dreißig Männern hatten, über Gruppensex, bei dem die Eltern zuschauen. Das seien keine Ausnahmen, hieß es damals, sondern das sei "die Regel in deutschen Familien, die ihre Kinder vernachlässigen". So weit, so starker Tobak.

Der Leser will nun erfahren, ob all das tatsächlich Jugendalltag ist. Ein Alltag, der, wenn es ihn denn gibt, an durchschnittlich aufgeklärten Mittelklasse-Eltern offenbar unbemerkt vorbeigeht, die unter dem Eindruck leben, dass die Entwicklung der Sexualität ihrer Kinder den gleichen Regeln folge wie die eigene: neugierig sein, ausprobieren, erschrecken, Grenzen ausloten, Spaß haben.

Übertreibt Pastor Siggelkow - und übertreibt der Autor dieses neuen Buches - maßlos, fragt man sich also, existiert die "Generation Porno" tatsächlich? Oder ist alles Geschrei über eine illusionslose, promiske Jugend nur das Produkt einer von Voyeurismus geprägten Effekthascherei?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wo, wenn überhaupt, die Generation Porno zu finden ist.