"Jenseits der Mauern" im Kino Es ist, was es ist

"Jenseits der Mauern" von Regisseur David Lambert

(Foto: Matthieu Poirot-Delpech)

Der belgische Regisseur David Lambert erzählt in seinem Erstlingsfilm von jenem frühen Stadium der Liebe, das alles verspricht und nichts beweisen muss. Doch die Geschichte vom Glück zweier Männer nimmt eine unerwartete Wendung.

Von Doris Kuhn

Soviel Glück hat man nur selten: Völlig betrunken in der Kneipe umfallen und dann vom Barkeeper gerettet werden. Dem jungen Paulo ist das vergönnt, der Barmann Ilir verfrachtet seine Schnapsleiche nach Dienstschluss ins eigene Bett, am nächsten Morgen bekommt er ein Frühstück und Katertipps dazu. Wenn das alles nicht reichen sollte, dann sind es die fröhlichen Augen von Ilir, die dafür sorgen, dass Paulo diese Nacht nicht vergisst. Noch ist nichts weiter passiert, aber beide Männer sind irritiert.

Das führt eine Wiederbegegnung herbei, zu neugierig sind die beiden aufeinander, und irgendwann schlägt die Neugier um in Begierde. Das Schöne daran ist, wie unwichtig erscheint, dass es sich um zwei Männer handelt. "Jenseits der Mauern" will nicht von einer homosexuellen Beziehung erzählen, sondern von der Liebe. Die entsteht hier eben zwischen zwei Männern, verspielt, ein wenig zögerlich, jedenfalls ohne die Gewissheit des sagenumwobenen Blitzschlags, der von einem Moment auf den anderen alles verändert. Trotzdem führt sie dazu, dass Paulo aus der Wohnung seiner Freundin fliegt und bei Ilir einzieht, und dass Ilir seine Vorbehalte recht schnell aufgibt.

Der belgische Regisseur David Lambert beschränkt sich in seinem Erstlingsfilm auf jenes frühe Stadium der Liebe, das alles verspricht und nichts beweisen muss. Die beiden Jungs verführen einander und testen die Grenzen des anderen, sie sind albern und großspurig, weder Eifersucht, Alltag oder Enttäuschungen spielen eine Rolle. Lambert zeigt das Verliebtsein in all dem Glanz, den es erzeugt, und der auch alle Randfiguren in Bann schlägt - einen Sex-Shop-Besitzer etwa, der später mit dem Paar mehr zu tun haben wird, als er anfangs ahnt. Die Schauspieler sind dabei souverän genug, sich um Peinlichkeit wenig zu scheren, weder wenn sie das erste Glück zeigen, noch im hysterischen Schmerz.

Denn Lambert gibt der Geschichte bald eine unerwartete Wendung. Er erzählt diese Liebe nicht zu Ende, sondern unterbricht sie, bevor sie sich festigen kann. Noch mitten im Überschwang fällt das Glück der beiden Männer in sich zusammen. Jetzt ist es der Kummer, der ihr Verhalten bestimmt, und wie zuvor lotet Lambert auch im Unglück die Tiefe ihrer Herzen aus. Das Leid ist wild und wütend, Paulo und Ilir sind keinesfalls Helden in Beziehungsfragen, auch sind sie weit davon entfernt, dem Kummer zynisch oder abgebrüht entgegenzutreten. Trotzdem sind sie nicht hilflos ihren Gefühlen ausgeliefert, jedenfalls nicht dauerhaft. Man kann, soviel lässt Lambert in seinem Film erkennen, in der Liebe selbständig Entscheidungen treffen und genauso im Leid.

Wahrscheinlich ist es nur außerhalb Amerikas noch möglich, eine Geschichte über große Leidenschaft zu erzählen, die der Selbstbestimmung eine Chance gibt, der Wiederholbarkeit von Emotionen, und die nicht an endlose Schmerzen glaubt. Was für einen Liebesfilm ja eigentlich die optimistischere Haltung ist.

Hors les murs, Belgien, Kanada, Frankreich 2012 - Regie, Buch: David Lambert. Kamera: Matthieu Poirot-Delpech. Schnitt: Hélène Girard. Mit: Matila Malliarakis, Guillaume Gouix, David Salles. Edition Salzgeber, 98 Minuten.