Jazz-Legende Tschüs, Albert

Der Posaunist Albert Mangelsdorff ist tot.

Von ma

Ein Mann und eine Posaune. Mehr nicht. Kann man sich einen anderen vorstellen, der ein abendfüllendes Programm nur mit einer Posaune bestreitet? Aber Albert Mangelsdorff war nicht deshalb Deutschlands bedeutendster Jazz-Musiker, weil er das konnte. Weil er auf einem Blasinstrument mehrstimmig spielen konnte.

Sondern weil er ein unglaublich schöpferischer Mensch war - einer der wenigen echten Innovatoren des Jazz.

Auf einer Platte des von ihm mitgegründeten United Jazz&Rock Ensembles gibt es ein Stück des Bassisten Eberhard Weber namens Alfred Schnack. Es ist - nach einer freien Einleitung durch den Bläsersatz - genauso glatt und schleimig wie der Name es suggeriert, aber Mangelsdorff spielt ein Solo darüber, das so fern von allen ausgetretenen Skalen-Pfaden und dennoch so passend ist, dass einem nur noch die Allergrößten zum Vergleich einfallen.

Und man braucht nur einige wenige Töne zu hören und erkennt ihn sofort. Dabei war niemand weniger manieriert oder eitel als Mangelsdorff.

"Man muss täglich üben, damit man weiß, was man tut", hat er einmal gesagt. Um all das spielen zu können, was einem einfalle, müsse man sich seiner Sache sicher sein, sonst verfalle man in eingelernte Routine-Licks wie die meisten seiner Kollegen.

Seine Karriere als Berufsmusiker begann Mangelsdorff 1947 als Rhythmusgitarrist in der Otto-Laufner-Bigband, die vor allem in den Clubs der US-Army spielte. Erst mit zwanzig Jahren wandte er sich endgültig der Posaune zu. Sehr wichtig für seine musikalische Entwicklung waren Aufenthalte in den USA, beginnend mit dem Auftritt beim Newport Jazz Festival.

Mit Beginn der 60er Jahre war Mangelsdorff zu einer international beachteten Jazz-Größe geworden. Er hatte sich eine derart fulminante Technik erarbeitet, dass er selbst von den Amerikanern als wichtigster neuer Instrumentalist bezeichnet wurde. Mangelsdorff entwickelte einen immer freieren, abstrakteren Umgang mit der Improvisation und wandte sich Ende der 60er Jahre dem Free Jazz zu.

Ab Anfang der 70er Jahre wandte sich Mangelsdorff verstärkt dem Solo-Spiel und wieder dem klassischen Jazz mit Melodie und Rhythmus zu. 1972 nahm er seine erste Solo-Platte "Trombirds" auf.

Im gleichen Jahr gab er, anlässlich der Olympischen Spiele in München, ein viel beachtetes Solokonzert. 1975 wurde Mangelsdorff zudem festes Mitglied im United Jazz + Rock Ensemble, dem er bis zu seiner Auflösung Ende 2002 treu blieb.

1993 wurde Mangelsdorff zum Honorarprofessor für Jazz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt ernannt. 1995 übernahm er zudem für sechs Jahre die künstlerische Leitung des Jazzfests Berlin, vernachlässigte dabei aber weder seine Arbeit als Künstler noch das tägliche, mehrstündige Übepensum.

Am Montag ist Mangelsdorff in seiner Heimatstadt Frankfurt im Alter von 76 Jahren gestorben.

Ein Mann und eine Posaune. Mehr nicht. Nicht mehr.