Jazz L.A. brennt, John Coltrane spielt

„Eigentlich wollte ich Gangster werden.“ Glücklicherweise haben ihm die Gangster selbst diesen Traum ausgeredet: Terrace Martin.

(Foto: Ropeadope Records)

Der Produzent und Multiinstrumentalist Terrace Martin hat mit dafür gesorgt, dass der Jazz wieder enorme Wucht hat. Jetzt ist er mit Herbie Hancock auf Tour. Eine Begegnung.

Von Andrian Kreye

Sein Schlüsselerlebnis mit dem Jazz hatte der damals 13-jährige Terrace Martin am Nachmittag des 29. April 1992, als in Los Angeles die Unruhen der "L. A. Riots" ausbrachen. Ein Gericht sprach an diesem Tag vier weiße Polizisten frei, die einen Schwarzen vor laufender Videokamera halbtot geprügelt hatten. Die Demonstrationen eskalierten schnell in bürgerkriegsähnliche Zustände, die vier Tage lang anhalten sollten, bis Einheiten der National Guard und des Marine Corps in die Stadt einmarschierten. "Die weißen Kinder haben sie an dem Tag alle früher von der Schule abgeholt, und die Polizei hat sie mit ihren Eltern zu ihren Autos gebracht", sagt Terrace Martin. "Wir schwarzen Kids haben uns da schon gewundert. Die Weißen wussten, was sich da zusammenbraut. Wir hatten keine Ahnung und mussten ganz normal mit dem Schulbus nach Hause. Da sahen wir dann auch schon die Rauchwolken."

Daheim in Crenshaw, einem der Schwarzenviertel, das in diesen Stunden in Flammen aufging, saß sein Vater vor dem Fernseher. Die ersten Bilder waren zu sehen. Polizeieinheiten, Demonstranten, Plünderer, Schläger, Zusammenstöße. "Mein Vater hatte den Ton abgeschaltet", sagt Martin. "Gleichzeitig lief John Coltrane. 'A Love Supreme'." Terrace Martin hatte bis dahin eigentlich nur Hip-Hop gehört. "Da saß ich und sah diesen ganzen Gangster-Wahnsinn, die prügelnden Irren, die Stadt, die in einem Aufstand explodierte. Und dazu lief die ganze Zeit diese unfassbare Musik. Und ja, wir waren zornig, verdammt zornig. Das hat mich so gepackt, dass ich danach immer weiter Jazz gehört habe."

Als Terrace Martin erzählt, sitzt er in der Lobby eines sehr beliebigen Hotels in einem Stuttgarter Vorort. Es ist schon nach Mitternacht, und er macht nicht den Eindruck, als ob er bald zur Ruhe kommen würde. Gut so, weil seine ausufernden Erzählungen ganz gut erklären, warum er die Schnittstelle ist, über die der amerikanische Jazz gerade zu einer neuen Höchstform aufläuft, eine neue Breitenwirkung und Relevanz findet. Obwohl man seinen Namen eher im Kleingedruckten auf den Platten von anderen findet.

An diesem Abend hat Terrace Martin mit Herbie Hancock gespielt, dem legendären Pianisten und Wegbereiter, seinem Vorbild und Mentor, der seit einiger Zeit auch sein Auftraggeber ist. Daheim in Los Angeles produziert Martin Hancocks neues Album. Auf der Bühne hat er in Hancocks Band nur eine kleine Rolle. Er spielt ja auch Keyboards, da bleibt neben dem Meister wenig Platz. Und Saxofon. Das kommt in der aktuellen Besetzung nur kaum zum Einsatz.

Martins Stärke sind gar nicht so sehr diese virtuosen Feuerwerke, die im Jazz immer noch im Zentrum stehen. Da könnte er mit Herbie Hancock auch kaum mithalten, der mit seinen 77 Jahren inzwischen auf eine Karriere von 66 Jahren zurückschauen kann, weil er mit elf schon mit dem Chicago Symphony Orchestra auftrat, Anfang 20 zum legendären Blue Note Label stieß, und dann in den späten Sechzigerjahren mit Miles Davis den Modern Jazz aufmischte.

Das Restadrenalin vom Konzert hält Terrace Martin jedenfalls noch unter Strom. Deswegen klang es vorhin hinter der Bühne fast wütend, als das Gespräch begann und er sagte, dass man im Jazz heute nur noch etwas zu suchen habe, wenn man etwas Eigenes zu sagen habe, wenn man nicht versuchen würde, wie Coltrane zu klingen, oder "Blue Bossa" runternudeln würde. Oh nein.

Für Kendrick Lamars Album holte er Jazzmusiker wie Kamasi Washington dazu

Und ja, Terrace Martin hatte an diesem Abend auf dem Keyboard und dem Saxofon einiges Eigenes zu sagen. Es wäre ein Leichtes gewesen, bei einem Gassenhauer wie Hancocks "Chameleon" so zu spielen wie Bennie Maupin, damals als Herbie Hancock und seine Band noch afrozentrische Hemden, Holzketten und Hosen mit sehr weitem Schlag trugen. Aber zum einen spielt Martin gar nicht das immer leicht muskelprotzige Tenorsaxofon wie Maupin, sondern das sehr viel intellektuellere Altsaxofon. Und zum anderen ist für einen Musiker, der mit Hip-Hop aufgewachsen ist, der immer wiederkehrende Akzent, dieser beharrliche Aufbau musikalischer Muster oft wichtiger als das Rampenlichtsolo.

Herbie Hancock weiß, was das wert ist. Das sagt er immer wieder. Martin kann einen Musiker oder einen Rapper oder auch eine ganze Gruppe nicht nur ins Hier und Jetzt, sondern in eine Zeitlosigkeit holen. Bei Herbie Hancock tut er das mit seinen Hip-Hop-Akzenten, seinen silbrigen Klangteppichen und dem Klageton seines Saxofons, der inzwischen schon eine Art Markenzeichen seiner Produktionen ist, selbst wenn er nur kurz aufschimmert.

Für Kendrick Lamars inzwischen legendäres "To Pimp A Butterfly"-Album hat er wiederum lauter Jazzmusiker dazugeholt - den Saxofonisten Kamasi Washington, die Bassisten Thundercat und Miles Mosley. Mit denen er allesamt schon seit seinen Teenagerjahren befreundet ist. Genauso wie mit Kendrick Lamar übrigens. Womit man wieder in der Zeit wäre, in der er in den Schwarzenvierteln im südlichen Los Angeles aufwuchs, wo es erst mal gar nicht so aussichtsreich ist, wenn einer gut Klavier spielen kann und Jazz hört.

"Eigentlich wollte ich Gangster werden", sagt er. Martins Nachbarschaft wurde von den Rollin' 60s Crips kontrolliert, einer der größten und gefürchteten Gangs der Stadt. Gangster ist allerdings kein Job, sondern eine Berufung. "Ich taugte nicht viel", sagt Martin. "Ich prügelte mich nicht gerne, wollte mir nicht wehtun, und rennen konnte ich auch nicht, weil ich zu fett war und Asthma hatte." Ausgerechnet die älteren Gangster erkannten, was in ihm steckte. "Die sagten mir immer, das ist nichts für dich." Er könne doch Jazz spielen und Soul und Hip-Hop. Da solle er sich mal drauf konzentrieren. Es war dann ein Gangster namens Big D, der ihm sein erstes Saxofon und seinen ersten Drumcomputer kaufte.

Man sieht Terrace Martin seine Kindheit und Jugend auf dem Territorium der Crips inzwischen kaum noch an. Vor ein paar Jahren hat er sich noch die Haare geschoren, trug die Sportuniformen, mit denen Gangs verschlüsselte Botschaften aussenden. Inzwischen trägt er eher die Kluft der amerikanischen Boheme-Viertel mit gut geschnittenen Jacketts, teuren Jeans und dicken Hornbrillen, die Haare sind in kurze Löckchen gedreht, der Bart nicht allzu gestutzt. Nur am Kragen und an den Ärmeln kann man seine Gangsterjugend noch erkennen. Da kriechen die Tätowierungen über den Hals und die Gelenke.

Seine ersten Produktionsversuche, das muss so um 2002, 2003 gewesen sein, waren noch reiner Hip-Hop. Ein Freund hatte einen Freund, der hatte in seinem Zimmer genügend Geräte, um aufzunehmen. Das war allerdings in Watts, gut zehn Meilen von Crenshaw entfernt. "Ich hatte damals Hausarrest", erinnert sich Martin. Die Gang hatte ihn vielleicht abgelehnt, aber er war deswegen noch lange kein Musterknabe. Fürs Musikmachen durfte er trotz der Jugendstrafe zu den Freunden. Meist fuhr er per Anhalter. Und da kam dann auch irgendwann Kendrick Lamar vorbei. Sie produzierten ein Demo, Warner Brothers gab ihnen dafür einen Vertrag. So fing das an. Wobei man auf der einen Seite die Geschichten verschweigen sollte, wie das Häuflein Freunde mit dem Heimstudio im Sozialbaukomplex ihre Produktionen hin und wieder querfinanzierten. Und auf der anderen Seite darauf hinweisen sollte, dass Terrace Martin schon damals zu jenem Häuflein musikalisch Hochbegabter gehörte, die erst vom Musiklehrer Reggie Washington in eine Band gesteckt und dann von der Musikerzieherin Barbara Sealy entdeckt und ins Förderprogramm des Thelonious Monk Institute gesteckt wurde, zu denen eben auch Kamasi Washington, Miles Mosley und all die anderen gehörten, die jetzt gegenseitig auf ihren Platten spielen.

Terrace Martin könnte jetzt noch bis in den Morgen weiterreden. Wie das mit den ersten Auftritten in einem Jazzclub namens World Stage war, in dem Billy Higgins die Teenage-Jazzer wie Martin, Kamasi Washington und Thundercat mit den ganz Großen zusammenbrachte, mit dem Schlagzeuger Elvin Jones, dem Trompeter Art Farmer. Und mit dem Altsaxofonisten Jackie McLean, Martins Vorbild, das er sich in diesem kruden Porträtstil auf die Schulter tätowieren ließ, wie sich die Gangster sonst im Knast ihre Geliebte verewigen. Wie er mit Snoop Dogg sein erstes richtiges Geld verdiente, dem genialischen Kiff-Rapper, der nie einen Hehl aus seiner Nähe zu den Crips machte. Nur über seine Arbeit mit Herbie Hancock will er nichts erzählen, obwohl das die mit der allergrößten Spannung erwartete Jazzplatte der letzten Jahre ist. Martins Freunde Kamasi Washington und der junge Pianist Robert Glasper aus New York sind jedenfalls dabei.

Aber man hat schon verstanden. Vor allem, warum dieser neue Schub des Jazz aus Los Angeles so eine Wucht hat. Zum einen, weil er nicht nur die Jazzgeschichte, sondern auch den Hip-Hop verinnerlichte und damit ein junges Publikum erreicht. Tief in dieser Musik lodert aber auch das Feuer der politischen Wut einer Generation, die in den Ghettos aufgewachsen ist und nun auf den Weltbühnen gefeiert wird. Sie sagen es nicht immer so deutlich wie nach Mitternacht in einer öden Hotellobby bei Stuttgart, aber sie haben ihre Herkunft nie vergessen. Weder die Härten, von denen sie sich freigekämpft haben, noch das Schlüsselerlebnis ihrer Jugend, als ihre Stadt brannte und ihre Väter mit Tränen in den Augen auf die Nachrichtenbilder starrten. Es ist nicht der erste Moment in der Geschichte des Jazz, in der die Musik ihre Kraft aus dem Politischen schöpft. Der letzte ist nur schon verdammt lange her.

Herbie Hancock mit Terrace Martin, James Genus und Trevor Lawrence Jr.: 21. 11. Berlin, 23.11. Essen, 27.11. Luzern, 29.11. München.