60 Jahre Deutsche Journalistenschule Angela Merkel hält die Laudatio

Manches ist anders geworden, vieles ist gleich geblieben: Die Freude daran, den richtigen Begriff zu finden. Der Respekt vor dem geschriebenen Wort. Es ist ein erstaunlich belastbares Gefühl für Sprache, das viele dieser Schüler leitet, vielleicht angeboren, vielleicht an der DJS erst geweckt. Auf jeden Fall sagt ihnen ihr Gefühl, dass ein guter Text nicht schwülstig ist, sondern präzise. Dass das richtige Wort nicht richtig ist, weil es schön klingt, sondern weil es mitteilt, was mitgeteilt werden soll.

Redigieren ist ein schmerzhafter Prozess

"Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort." Ein schöner Satz, von Eichendorff. Darum geht es ja auch beim erzählenden Schreiben, um dieses Zauberwort. Einen Text zu verfassen ist eine Qual, ihn der Betrachtung durch Kritiker preiszugeben erfordert Mut. In der DJS ist es so, dass Schüler und Dozent sämtliche Texte durchsprechen - ein bisschen wie beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt, allerdings nicht so gockelhaft selbstdarstellerisch, weil das Ganze ja nicht bei 3sat live übertragen wird.

Sich redigieren zu lassen, im so verschlossenen wie öffentlichen Raum einer Klasse, ist ein schmerzhafter, intimer, immer lehrreicher Prozess. Manchmal entstehen dichte Momente: Wenn einer das Zauberwort findet und die Zerrissenheit eines Menschen so schildert, dass alle anderen, Mitschüler und Dozent, für einen Moment ganz still sind und dem Wort oder der Passage hinterherhören und schon in dem Augenblick wissen, dass sie das, was sie gerade gelesen haben, so schnell nicht vergessen werden und vielleicht nie mehr.

Nicht alles, was in so einem DJS-Reportagekurs entsteht, könnte man drucken, aber vieles ist lesbar, brauchbar. Und in jedem Kurs sitzen zwei, drei Kandidaten, die vom schleichenden Gift des Zynismus noch so wenig lahmgelegt sind, dass sie Themen finden und Reportagen zustande bringen, die man selbst gern so geschrieben hätte. Und die ein Beleg dafür sind, dass man nicht nach Burkina Faso fliegen muss für eine Geschichte, die dem Leser etwas bedeutet. Manchmal reicht es, eine uralte Frau nebenan zu besuchen, die den Versprechungen der Werbeprospekte glaubt und jahrelang auf den Glücksboten wartet, für den sie immer ein Stück Kuchen bereithält. Oder einen Regensburger Schuster, der die Sehnsucht nach Entschleunigung erfüllt: "Der erste Schuh des Tages ist ein zarter Damenslipper aus lila Netzstoff, den der Schuster eine Weile durch die schlierige Hornbrille beschaut, bevor er mit der Zange den kaputten Absatz abreißt."

Berührt von der Krise

Verglichen mit anderen Ländern hat der Journalismus, auch der erzählende, in Deutschland immer noch ein beachtliches Niveau. Die Journalistenschulen, besonders die Nannen-Schule in Hamburg und die DJS in München, haben ihren Anteil daran. Natürlich werden die Absolventen berührt von der Krise, feste Jobs konnte man früher leichter ergattern, aber man begegnet denen oft wieder, die man mal in einem Kurs hatte, man liest von ihnen oder hört von ihnen in den Wortprogrammen der Radiosender.

Einige werden Stars und kriegen Preise, viele sind erfahrener und hartnäckiger beim Verkaufen eigener Texte als die Schüler aus früheren Generationen. Journalistenschüler sind heute Krisen-Kinder, pragmatisch, bestens ausgebildet, die wissen, dass nichts mehr wie von selbst geht in diesem Beruf. Sie entwickeln eine Haltung, die sich in ihren Arbeiten spiegelt. Wer ahnt, welche Lebenskrisen ihm selbst noch bevorstehen könnten, nähert sich in einer Reportage seiner bereits in einer Lebenskrise steckenden Hauptperson eher mit Wertschätzung als mit Herablassung.

Sechzig Jahre DJS. Vor knapp zwanzig Jahren roch es dort schon so, wie es noch immer riecht. Man kennt das von Jahrgangstreffen am Gymnasium: Schulen verändern ihren Geruch ja nie. Das Gebäude, in dem die Schule untergebracht ist, passt zur Philosophie der DJS, die eine Elite ausbildet, ohne sich elitär zu geben. Ein schmaler Hinterhofkasten mit einem Flachbau davor. Neulich schien das Haus zu vibrieren während eines Kurses, aber das lag nur daran, dass ein paar Meter weiter Teile des alten SZ-Gebäudes niedergerissen wurden. Vieles hat sich verändert im Journalismus, vieles ist schwieriger geworden, und wie es weitergeht, weiß natürlich wieder kein Mensch. Aber an der DJS casten sie, bilden sie aus, machen sie fit für den Wettbewerb. An der DJS halten sie durch. Wenn man so will, ist die DJS auch eine Trutzburg. Und Trutzburg ist fast schon ein Zauberwort, in diesen Zeiten.

Der Autor, Absolvent des 30. Jahrgangs, unterrichtet seit zehn Jahren an der DJS im Fach Zeitungsreportage.