Italien Der Index der Lega Nord

In der italienischen Region Venetien sollen Bücher kritischer Autoren aus Bibliotheken entfernt werden. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich das Ausland Sorgen macht um die Bürgerrechte in Italien.

Von Henning Klüver

Als in der Bundesrepublik Berufsverbot für Kommunisten herrschte, Schriftsteller als Sympathisanten für Terroristen geächtet wurden und Heinrich Böll "zu oft nach Heidelberg" fuhr, bildeten sich im Ausland und vor allem in Italien "Komitees zur Verteidigung der Bürgerrechte in der BRD". Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich jetzt das Ausland Sorgen macht, wie es um die Bürgerrechte in Italien bestellt ist. Jedenfalls, wenn Entwicklungen Schule machen, die sich gerade in der Region Venetien abzeichnen.

Im Hintergrund steht der Fall des Linksterroristen Cesare Battisti. Der wurde 1991 in Abwesenheit des vierfachen Mordes - die Morde soll er im Auftrag der Terrorgruppe PAC ("Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus") begangen haben - für schuldig befunden und endgültig zu mehrfach lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Battisti hatte sich bereits zehn Jahre zuvor nach Frankreich abgesetzt, wo er zunächst unter dem Schutz der liberalen Mitterrand-Politik gegenüber ausländischen Flüchtlingen eine Literaturzeitschrift gründete und Kriminalromane schrieb.

Er wurde dann im Jahr 2004 festgenommen und nach Italien ausgeliefert, konnte aber fliehen und sich nach Brasilien absetzen. Dort wurde er drei Jahre später aufgrund eines internationalen Haftbefehls erneut verhaftet. Die brasilianischen Gerichte stritten lange über ein Auslieferungsbegehren der italienischen Regierung. Als eine seiner letzten Amtshandlungen lehnte vor ein paar Wochen Präsident Luiz Inàcio Lula in letzter Instanz die Auslieferung des heute 56-jährigen Battisti ab, was in Teilen der italienischen Öffentlichkeit Empörung auslöste.

Italienische und französische Intellektuelle wie Daniel Pennac, Giorgio Agamben, Tiziano Scarpa oder das Schriftsteller-Kollektiv Wu Ming hatten bereits im Jahr 2004 einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie sich gegen die Auslieferung Battistis von Frankreich nach Italien aussprachen, zumal er nur aufgrund von Aussagen reuiger Ex-Terroristen und Mitarbeiter der Justizbehörden verurteilt worden sei. Zugleich und vor allem forderten sie eine öffentliche Auseinandersetzung über die Zeit des linken wie rechten Terrors in Italien.

Roberto Savianos TV-Auftritt

In der vergangenen Woche nun kündigte der Kulturassessor des rechtsregierten Landkreises Venedig an, dass Bücher der Unterzeichner des Aufrufs von 2004 aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt werden sollten. Der Ankündigung widersprach die Präsidentin des Landkreises, eine Vertreterin der Lega Nord, und pfiff ihren Kulturassessor zurück. Zugleich erhob sich Protest von Schriftstellern wie Andrea Camilleri, Carlo Lucarelli oder Michaela Murgia, die zwar nicht mit Battisti sympathisieren wollten, aber das "kulturell fehlgeleitete Klima" anklagten, in dem solche Vorschläge überhaupt wachsen konnten.

Vorgestern nun griff die für das Kulturressort verantwortliche Politikerin der ebenfalls rechtsregierten Regionalregierung Venetiens in die Debatte ein, und verlangte in einem Brief an alle Schuldirektoren der Region, Bücher der Autoren des Aufrufs von 2004 aus den Schulbibliotheken zu entfernen - und die Bücher der Autoren des Protests dieser Tage gleich dazu. Bereits in den Vorwochen hatten einige von der Lega regierten Städte im Veneto Bücher etwa von Roberto Saviano auf den Index gesetzt, weil Saviano während einer Sendung des öffentlichen Fernsehens Verwicklungen auch von Vertretern der Lega Nord in Mafiageschäfte denunziert hatte.

Ähnliche Fälle waren bei Arbeiten des kritischen Journalisten Gian Antonio Stella oder des Schauspielers und Autors Marco Paolini bekanntgeworden. In ihnen zeigt sich das Kulturverständnis einer populistisch-kleinbürgerlichen Partei, die langsam auch in Mittelitalien Fuß fasst und in Rom die letzte Stütze der taumelnden Berlusconi-Regierung ist.

In einem Hilferuf haben sich Autoren wie die sardische Schriftstellerin Michaela Murgia jetzt an ihre Verleger und Freunde im Ausland gewandt. Der Fall Battisti sei nur ein Vorwand, um die kritische Intelligenz des Landes abzustrafen. Dass Bücher aus den Schul- und Kreisbibliotheken verschwinden sollen, sei keine "Boutade", sondern eine Angelegenheit, die irgendwo zwischen den Bücherverbrennungen der Nazis und den Visionen von Bradbury in seinem Roman "Fahrenheit 451" angesiedelt sei. Das sind große, vielleicht falsche Vergleiche. Aber man sollte in Zukunft in Italien nicht nur auf die Trash-Kultur des Ministerpräsidenten achten.