Interview mit Michael Moore "Banken sollten dem Staat gehören"

SZ: Um das also klarzustellen, die Sache mit dem Penthouse...

Moore: ... ist eine glatte Lüge. Ich habe nie etwas auf der Fifth Avenue besessen, ich habe nie in einem Penthouse gelebt. Ich lebe in einer Kleinstadt, in Arbella, Michigan. Abgesehen davon verstehe ich den Vorwurf sowieso nicht. Es gehört zu den heiligsten Ideen der amerikanischen Rechten, dass man es durch Leistung im Leben zu etwas bringen kann. Nur bei mir soll das plötzlich verwerflich sein? Das ist doch lächerlich.

SZ: Der Verwurf ist vermutlich eher, dass Sie sich längst von Ihren Wurzeln entfernt hätten...

Moore: Unsinn. Ich komme aus der Arbeiterklasse, und diese Herkunft wird mich immer prägen und motivieren. Im Übrigen glauben meine Nachbarn und meine alten Freunde in Michigan natürlich nicht, dass Geldverdienen etwas Schlechtes ist. So denkt die Arbeiterklasse nicht. Man freut sich, wenn einer es schafft, aus der Quasi-Armut auszubrechen und etwas auf die Beine zu stellen. Man sieht das als Bestätigung an, dass man es selbst vielleicht auch schaffen könnte.

SZ: Gewichtiger sind da schon die Kritiker, die Ihren Dokumentationen unsaubere Methoden nachweisen wollen.

Moore: Da gibt es in der Tat ein echtes Gedrängel. Wer diese ganzen Bücher und Filme über mich finanziert, das wäre auch mal eine interessante Frage. Die Vorwürfe sind jedenfalls absolut haltlos. Plötzlich heißt es zum Beispiel, der ehemalige General-Motors-Chef Roger Smith, meine Nemesis in dem Film "Roger and Me", habe mir damals ein Interview gegeben, was ich aber aus Gründen der Dramaturgie unterschlagen hätte. Wow! Es ist schon wirklich bizarr, was die Leute sich für Lügen einfallen lassen - besonders, wenn man die Wahrheit persönlich durchlebt hat.

SZ: Auch die bekannte Szene aus "Bowling for Columbine", wo Sie ein Bankkonto eröffnen und als Prämie eine scharfe Waffe mit nach Hause nehmen dürfen, soll manipuliert sein...

Moore: Aber wie denn bitte? Sollte ich vorher in die Bank gegangen sein und ein Arsenal mit Waffen installiert haben? Nein, wir haben einfach angerufen und gesagt was wir vorhaben: Konto eröffnen, Waffe abholen, alles mit der Kamera begleiten. Die Leute von der Bank waren sehr geschmeichelt. Wir gingen rein, haben die Sache durchgezogen, alles in einer Einstellung, genau wie Sie es in dem Film sehen. Als das dann im Kino lief, waren die Bankmenschen plötzlich sauer - aber da kann ich nur sagen: Sorry, Leute, dann verteilt halt keine Sturmgewehre an eure Kunden!

SZ: Zum Schluss müssen wir jetzt noch klären, für welches Wirtschaftssystem Sie nach dem Ende des Kapitalismus eigentlich eintreten - Ihr Film bleibt da äußerst vage.

Moore: Das stimmt. Aber wäre es nicht auch lächerlich, wenn ich mit einem Zehn-Punkte-Plan zur Rettung des Planeten ankäme? Nein, ich möchte eigentlich nur, dass die Leute selbst anfangen zu denken - und den Status quo nicht als unabänderlich hinnehmen. Persönlich würde ich zum Beispiel alle profitorientierten Banken abschaffen. Banken sollten dem Staat gehören und vom Staat kontrolliert werden, als Dienst an der Öffentlichkeit. Es geht um das Geld der Leute, ihre Lebensersparnisse, ihre Pensionen - das ist viel zu wichtig, damit darf niemand spekulieren. Aber das ist nur ein Punkt auf meiner langen Liste...

SZ: Im Abspann machen Sie Ihre Landleute dann sogar mit der "Internationale" vertraut - allerdings in einer etwas speziellen Version...

Moore: Und warum nicht? Das ist doch ein wunderschöner alter französischer Song. Vor dem sich manche Amerikaner natürlich fürchten, weil sie gelernt haben, dieser Song bedeutet (senkt verschwörerisch die Stimme): Kommunismus! Also holte ich mir einen Loungesänger, Tony Bambino, der dem Ding jetzt den richtigen Swing gibt: Workers of the world unite, oh yeah! Das ist der Löffel Zucker, den wir brauchen, um die harten Botschaften zu schlucken. Amerika will einfach seine Medizin nicht nehmen - das ist alles. Oder eben nur mit sehr, sehr viel Zucker. Sorry dafür - aber so sind wir eben. Wir meinen's nicht böse, und wir werden uns bessern. Versprochen.