Internetvideo der Woche The Last Sabber

Wenn der leidenschaftliche Kuss an einen erregten Rottweiler erinnert, müssen auch Ladykiller zur Nachhilfe. Videos zeigen, wie man am besten küsst - und wie besser nicht.

Von Christian Kortmann

Von den leisen Geräuschen ist es eines der lärmendsten: Wenn zwei Menschen in der Öffentlichkeit ihre Münder aufeinanderpressen und sich schmatzend nonverbal ihrer Zuneigung versichern, sei es in einem Café oder auf der U-Bahn-Sitzbank, riefen ihnen die Mitmenschen am liebsten zu: "Nehmt euch doch ein Zimmer!" Doch das macht fast niemand, weil einen das Liebesspiel von Fremden nichts angeht, auch wenn es ungefragt aufgedrängt wird. Also guckt man weg und will nichts damit zu tun haben. Die Begleitgeräusche der Intimität störten sogar, wenn sie erotisch klängen. Meist aber klingt es nach einer Mischung aus Fast-Food-Verzehr und Sumpftierlauten.

Die Bereitschaft zu vollem Körpereinsatz ist dabei grundsätzlich nicht verkehrt. Öffentlich Küssende müssen sich Mühe geben, denn der Standard für den perfekten Kuss wurde in Spielfilmen wie "Vom Winde verweht", "Pretty Woman" oder "Brokeback Mountain", ekstatisch hoch gesetzt. Gelegentlich wird die Existenz des perfekten Kusses in der Halbrealität bewiesen, wie in jenem Moment, als Madonna auf der Bühne Britney Spears verschlang.

Meisterlich küsste auch der Schauspieler Adrien Brody, der bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2003 seine Kollegin Halle Berry in die Arme nahm und sie weit, weit nach hinten bog, wie einen Bogen, der nur unter Einfluss des magischen Kusses derart dehnbar wird. Halle Berry reagierte mit einem Blick, als werde sie gerade von Außerirdischen entführt.

Männer haben großen Respekt vor solcher Küsskunst. Kein Mann würde von sich behaupten, dass er "ein guter Küsser" sei. Wenn er es dennoch tut, ordnet man ihn nicht neben Adrien Brody, sondern irgendwo zwischen Casanova, Sky du Mont und den Chippendales ein. Lichtjahre von außerirdischen Halle-Berry-Überwältigungen entfernt, kokettiert man lieber damit, gar nicht gut küssen können zu müssen. Schließlich kommt es bei einem gekörten Hengst auf andere Merkmale an als sein sensibles Lippenspiel.

So empfiehlt der Männer-Versteher Dirty Jay in seinem "Sexy Talk" die chauvinistische Variante, trotz aller Defizite ungerührt weiter zu knutschen, was sich einem in den Weg stellt. Doch nur ein Homme à femmes, der über so unwiderstehlich Attribute verfügt wie Dirty Jay, kann sich das Motto "Keep it dirty" auf Dauer leisten.

Wie immer bietet sich auch beim Küssen der technizistische Zugang an - ähnlich den aufgemalten Schrittfolgen auf dem Tanzschulenfußboden -, um die Leidenschaftlichkeit zumindest überzeugend zu präsentieren. Der Clip "How to kiss with passion" lehrt, die Leidenschaftlichkeit mit den richtigen Manövern sukzessive zu steigern.

Das ist nicht nur in der Pubertät hilfreich, sondern kann auch manchen Routinier veranlassen, seine Technik kritisch zu überprüfen und die Feinmechanik zu justieren. Diese praktischen Lebens- und Liebestipps sind bei YouTube längst so ausdifferenziert, dass sie auch bei Spezialproblemen weiterhelfen, wenn etwa der Kuss des Freundes an die feuchtfröhliche Begrüßungszeremonie eines Rottweilers erinnert, oder wenn es gilt, Zahnspangenträger zu küssen, wobei gerne daran erinnert wird, dass Tom Cruise seine Zahnspange erst mit 39 Jahren bekam. Diese Methode kann also für jeden wichtig werden, jederzeit.

Den Partner bezüglich der Kusstechnik zurechtzuweisen, ohne ihn oder sie dabei zu demütigen, ist noch heikler als der Hinweis auf Schuppen oder Mundgeruch, weil diese immerhin nicht von Herzen kommen. Es bedarf des handfesten Charmes der Wing Girls Jet und Star, die in ihren Overalls aussehen wie Hausmeisterinnen des Liebeslebens, um "Kiss-aster" in "Kiss-Master" zu verwandeln.

Mit rustikalem Humor nehmen sie sich im Clip "How to Kiss" die häufigsten Fehlerquellen vor. Sie zeigen, was man alles falsch machen kann und warnen etwa davor, schneckenartige Schleimspuren im Gesicht der Frau zu hinterlassen.

Die Wing Girls dekonstruieren die Problemzonen des Küssens, um die fehlerfreien Varianten am Ende zum perfekten Kuss zusammenzufügen. Das erinnert an den Golfamateur, der sich in kleinen Schritten dem perfekten Schwung eines Tiger Woods annähern will, bei dem die einzelnen Phasen der komplizierten Bewegung zu einer Einheit verschmelzen. Wer das Küssen flüssig beherrscht und nicht mehr drüber nachdenken muss, bei dem sieht auch der spontanste Kuss so beglückend aus wie der von Adrien Brody.

Bei seinem berühmtesten Kuss macht er wie Tiger Woods beim Golf tatsächlich alles richtig: Er ist so sehr davon überzeugt, dass es Halle Berry gefallen wird, dass es ihr einfach gefallen muss. Und auch im Oscar-Saalpublikum rief niemand "Go home!" oder "Take a room!". Wenn so formvollendet geküsst wird, sähe man sogar in der U-Bahn gerne zu.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen