Internetvideo der Woche Ein Luder von einer Box

Der Holzkasten besitzt nur einen einzigen Schalter. Im Inneren verbirgt sich eine endgültige Überraschung. Die zickigste Maschine der Welt - wer sie in Aktion sieht, will auch eine haben.

Von Christian Kortmann

Ein fein gemaserter, blankpolierter Holzkasten, der etwas höher als eine Zigarrenkiste ist, wirft einen Schatten auf einen blankpolierten Holzfußboden. An der Vorderseite des Kastens befinden sich zwei Scharniere, der aus zwei Klappen bestehende Deckel ist geschlossen. Darauf befindet sich ein silberner Kippschalter, der mit dem angenehm mechanischen Klicken umgelegt werden kann, mit dem auch Flugzeugpiloten vor dem Start ihre Geräte checken - routiniert und erwartungslos. Was aber passiert, so rumort es im Kopf des Betrachters, wenn dieser einsame Schalter betätigt wird?

Die hermetische Box erinnert an mythische Objekte, an den schwarzen Obelisken aus dem Film "2001: Odyssee im Weltraum"; an den Aktenkoffer, aus dem in "Pulp Fiction" zwar hellster Schein dringt, dessen Inhalt man aber nie sieht; und vor allem an die Büchse der Pandora. Egal, diese Maschine muss unbedingt eingeschaltet werden. Denn bei allem Respekt und Furcht vor der eventuellen Konsequenz überwiegt die Neugier. "Bringt irgendwo tief in einer Höhle einen Schalter an", schlug der Schriftsteller Terry Pratchett vor, um das Ausmaß menschlichen Erkenntnisinteresses zu beschreiben, "pinselt 'Ende-der-Welt-Schalter. Bitte nicht berühren!' daneben, und die Farbe hätte keine Zeit zu trocknen."

Wer "The Most Useless Machine EVER!" einschaltet, entfesselt zwar keine unbändigen Kräfte mit apokalyptischer Wirkung, doch eine ebenso resolute und konsequente Funktion: Die Holzklappe öffnet sich, ein kleiner hölzerner Hammer schwingt von einem surrenden Motor betrieben heraus, schaltet die Maschine sofort wieder ab, fährt in die sich schließende Kiste zurück, und Ruhe ist. So oft und so überraschend der Bedienende auch versucht, die Maschine zu produktiver Arbeit zu animieren, sie hat immer das letzte Wort und setzt ihren Willen zum Stillstand durch.

Es handelt sich um ein mechanistisches Ideal der Totalverweigerung und eine Neugier-Maschine, die auf engstem Raum Erkenntnisinteresse, genialische Originalität bei der parodistischen Selbstbespiegelung sowie Ingeniosität bei der technischen Umsetzung vereint. Als sie 1952 von den Computerpionieren Marvin Minsky und Claude Shannon erfunden wurde, hieß sie noch "Ultimate Machine".

Shannon, der als Vater der digitalen Kommunikation und Informationstheorie gilt, arbeitete zusammen mit Minsky in den Bell Laboratories, der Forschungsabteilung des Telekommunikationskonzerns AT&T, wo einige der "Endgültigen Maschinen" dann tatsächlich hergestellt und an die Entscheidungsträger im Unternehmen verteilt wurden. Auf Manager-Schreibtischen, wo sie sie an den Sisyphos-Charakter allen Tuns erinnern, machen sie sich besonders gut.

Minsky wollte das Gerät sogar patentieren lassen, doch seine Firma blieb lieber beim Kerngeschäft. Schade, dass heute nicht jeder Haushalt so selbstverständlich wie über ein Telefon auch über eine "Endgültige Maschine" verfügt. Wer sie besitzt, benutzt sie garantiert regelmäßig, weil ihre radikal minimalistische Funktionalität den Betrachter als zweckfreie Kunst erfreut.

Auch das Video schaut man gerne öfter an. "The Most Useless Machine EVER!" ist nicht der erste Clip, der ein Gerät dieses Typs präsentiert, aber der erfolgreichste und am besten inszenierte. Er zeigt den absurden Kampf, den der Bediener zu bestehen hat. Gegen seine eigene Idee, die er der Maschine implantiert hat, kann er nicht gewinnen. Im Simpelsten, dem binären Ein und Aus, ist es wie bei den kompliziertesten Anwendungen. Claude Shannon beschäftigte sich auch mit Schachprogrammen, die zwar vom Menschen erdacht wurden, aber für ihn längst unschlagbar geworden sind.

Auch die Umbenennung im Titel des Clips, von der endgültigen zur am wenigsten nützlichen Maschine, trifft einen Nerv. Denn von elektrischen Parmesanreiben bis zu elektrischen Nassrasierern werden uns stets Geräte angeboten, ohne die wir bislang ganz gut ausgekommen sind. Dieser sinnlosen Aufrüstung um der Innovation willen, verpasst der Clip einen Hieb. Lieber als den neuesten Prä-Elektroschrott aus dem Fachmarkt möchte man solch eine unnütze Maschine besitzen, weshalb die Website mit der Bauanleitung rege frequentiert ist.

Eine Maschine, deren einzige Funktion darin besteht, sich selbst auszuschalten, und das mit sargdeckelgleicher Endgültigkeit, entfaltet im Kleinen dann doch eine apokalyptische Wirkung. Die heiter-melancholische musikalische Untermalung des Videos passt zum nihilistischen Effekt, wenn die vom Schatten auf dem dunklen Parkett geschürte Erwartung dramaturgisch eingelöst wird. Vielleicht sind das Bilder aus einer zukünftigen Epoche, in der die Menschen den Kampf gegen die Maschinen verloren haben.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen