Im Portrait: Amanda Seyfried Sie hat die Haare schön

Amanda Seyfried steht für eine neue Schauspielergeneration: Während des Interviews schreibt sie E-Mails, essen darf sie nur Brombeeren. So ist das heute wohl, als nächstes großes Ding.

Von R. Casati

Der Name "Amanda Seyfried" sagt den meisten Menschen nichts. Und doch ist er gleichbedeutend mit "Das nächste große Ding". Denn so ist das in Hollywood: Ein neuer Monat ist rum, ein paar neue Filme sind draußen, die Vanity-Fair-März-Ausgabe erscheint; jene alljährliche Hollywood-Ausgabe mit Klappcover, das die wichtigsten Schauspieler des Moments zeigt, diesmal mit der Titelzeile: "Ein neues Jahrzehnt, ein neues Hollywood".

Und plötzlich ist sie da, ausgerufen - die neue Schauspielergeneration. Die Uma Thurmans, Cate Blanchetts und Nicole Kidmans heißen dieses Jahr Kristen Stewart, Carey Mulligan, Anna Kendrick oder eben: Amanda Seyfried. Und schon bald, davon ist auszugehen, wird jeder ihre Namen kennen.

Wie muss sich das anfühlen?

Wie wirkt jemand, der Hollywoods nächstes großes Ding ist, was kann er ausstrahlen?

Doch wohl bitte schön:

Etwas Enigmatisches?

Etwas Jeunesse-dorée-haftes?

Etwas Jetziges, Atemloses, Vorfreudiges?

Auf jeden Fall etwas Selbstgewisses, vielleicht sogar schon: Größenwahnsinniges.

Und wenn man vor so jemandem sitzt, der das nächste große Ding ist: Ist man alarmiert? Kommt man dann nicht fast um vor Neid? Hat man nicht sofort den Wunsch, zu erleben, wie es ist, wenn dieses warme Scheinwerferlicht aus allgemeinem Interesse auf einen gerichtet ist?

Ist es so, wenn man vor Amanda Seyfried sitzt?

Antwort: Nö, nö und nö.

Wenn Amanda Seyfried für das neue Hollywood steht, wächst da vor allem ein sehr ernsthaftes, pflichtschuldiges neues Hollywood heran. Während Carey Mulligan als die Ehrgeizige gilt, Anna Kendrick als die Selbstsichere und Kristen Stewart als die Massenkompatible, ist Seyfried wohl die Schönste, Anmutigste dieser neuen Generation. Ihre Augen leuchten meergrün auf der Leinwand, ihr Teint ist puppenhaft perfekt, ihre in schwarze Spitze gehüllte Figur hat Pin-up-Format, jedenfalls in einer Esquire-Titelgeschichte.

In der Realität ist alles etwas anders. Seyfrieds Gesicht ist durchscheinend blass. Sie trägt ein leberwurstfarbenes Fair-Trade-T-Shirt, ein Billigschal verhüllt den Hals, eine graue Jeans spannt über grashüpferdünne Beine, die in schwarze Motorradstiefel münden. Wie momentan fast alle in Hollywood lebt sie nach der "Raw Food Diet". Von der Fruchtplatte, die ihr ein Kellner des Berliner Hotel de Rome gebracht hat, angelt sie sich als Erstes alle Brombeeren. Und sie wirkt ein bisschen ratlos, als keine mehr da sind.

Interviews alleine reichen nicht mehr

Sie antwortet schnell und guckt dabei ins Leere; vielleicht liegt das aber auch nur an der Farbe ihrer Augen. Sie wirkt jedenfalls nicht andächtig, auch nicht euphorisch oder sonstwie charismatisch, nein, eher pragmatisch und pflichtbewusst, so wie Konstanze Breckwoldt aus der B-Klasse - genau, die mit dem Geigenkasten, wenn sie gerade ein Vorspielen hat.

Während des Interviews checkt Seyfried nicht nur die E-Mails in ihrem Blackberry, nein, sie beantwortet sie auch gleich. Seltsamerweise kommt das nicht in erster Linie unhöflich rüber, sondern eher aufschlussreich, um nicht zu sagen: folgerichtig. Man muss da jetzt wahrscheinlich sehr dranbleiben als Amanda Seyfried, als nächstes großes Ding, im Internetzeitalter. Interviews geben allein reicht nicht mehr.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, bei welcher Konkurrentin Amanda Seyfried am meisten Angst hat, sie könnte ihr eine Rolle vor der Nase wegschnappen.