Im Kino: "The Hurt Locker" Nicht ohne meine Bombe

Kathryn Bigelow, der letzte verbliebene Kerl in Hollywood, inszeniert "The Hurt Locker": ein Kriegsfilm, bis zum Anschlag aufgeladen mit echtem Tod-und-Teufel-Machismo.

Von Tobias Kniebe

Das traut sich ja keiner mehr: So richtige Männer zu zeigen, die im Angesicht des Todes noch den einen oder anderen Witz machen; die per Fußtritt einen Kofferraum öffnen und dann, wenn sie ungefähr eine Tonne Sprengstoff darin finden, erst einmal den Schutzanzug ausziehen - weil es sowieso nicht mehr drauf ankommt; die den Befehl zum sofortigen Rückzug zwar hören, aber nur mit erhobenem Mittelfinger darauf reagieren. Kein Mann im Filmgeschäft, der nicht als hirnamputiert gelten möchte, würde heutzutage noch solche Szenen drehen. Da muss schon eine Frau kommen: Kathryn Bigelow, der letzte verbliebene Kerl in Hollywood.

Dass es überhaupt noch jemand wagt, einen Kriegsfilm bis zum Anschlag mit echtem Tod-und-Teufel-Machismo aufzuladen, wurde im Fall von "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" mit einer doch recht erstaunlichen Euphorie aufgenommen. Die amerikanische Filmkritik sah fast unisono den bisher besten Irak-Kriegsfilm, ohne Debatten, ohne liberales Gewinsel, dafür spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Fazit: Helden werden eben doch noch gebraucht - besonders in der Hölle. Beim Filmfestival in Venedig und anderswo trug dann auch die Idee, dass hier eine gutaussehende, hochgewachsene Regie-Amazone, 57 Jahre alt, noch einmal den ultimativen Adrenalinrausch sucht, reiche thematische Früchte.

Zerfetzt auf YouTube

Und Kathryn Bigelow ist ja auch gut. Wenn es darum geht, dass in Bagdad eine Bombenfalle gefunden wird, zwischen Müllsäcken, verirrten Ziegen und humpelnden Katzen, wirft sie einen gleich mitten hinein in den Staub, die Gefahr, in die flirrende Hitze. Soldaten treiben Kinder und verschleierte Frauen davon, dann erscheinen die Protagonisten der Geschichte - das Dreierkommando von der EOD, Explosive Ordnance Disposal (Kampfmittelbeseitigung). Der nervöse Specialist Eldridge (Brian Geraghty) und der umsichtige schwarze Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) müssen die Umgebung sichern, Gewehr am Auge. Schon das ist heikel: Überall könnten Scharfschützen lauern, finstere Iraker schauen (ja wirklich) von Minaretten herab, vermutlich sind es die Bombenbauer selbst, die sich den großen Rumms nicht entgehen lassen wollen. Einmal filmt sogar ein Schurke mit Videokamera. "Gleich zerfetzt es uns auf YouTube", keucht Eldridge, und er dreht fast durch bei dem Gedanken.

Es ist nämlich so: Eldridge und Sanborn würden gern überleben. Sie zählen die Tage, die bis zur Ablösung ihrer "Bravo Company" verbleiben, und der Film zählt mit. Jeder Draht, der sich irgendwo aus einem Müllhaufen schlängelt, jedes falschgeparkte Auto, dessen Achse verdächtig zu Boden gedrückt erscheint, könnten ihr Ende sein. Und doch müssen sie genau dorthin, wenn sie gerufen werden. Ganz nah ran geht in diesem Team aber nur der Dritte im Bunde, der Chef: Staff Sergeant William James (Jeremy Renner). Der ist ein gewisses Mysterium. Überleben möchte er auf jeden Fall nicht.

"Hey Baby", begrüßt er die Bombe

Oder anders gesagt: Überleben ist nur ein Nebenprodukt seiner Sucht. Er begrüßt jeden neuen Alarm wie der Junkie seinen Fix. Manchmal lässt er sich seinen fünfzig Kilo schweren Schutzanzug überwerfen, der ihn wie einen Astronauten aussehen lässt; manchmal auch nicht. Dann geht er an die Bombe ran, "Hey Baby" begrüßt er sie. Fast zärtlich streicht er über ihren Metallmantel, folgt dem Weg eines Kabels, birgt dort einen Zünder wie ein fragiles Juwel. Vorsicht ist für ihn nichts als ein notwendiges Übel, denn eigentlich geht es ihm nur um ein sportliches Ziel - wieder einmal klüger zu sein als der nächste gerissene Bombenbauer. Bei Licht betrachtet handelt er oft genauso irrational wie die Selbstmordattentäter der Gegenseite. Und wirklich verloren fühlt er sich nur zu Hause, auf Heimaturlaub, vor einem endlosen Supermarktregal, im Kinderzimmer seines kleinen Sohnes oder bei seiner Frau. Ohne seine Bomben kann er nicht leben. Und doch, daran lässt der Film keinen Zweifel, ist er Amerikas beste Hoffnung.

Eine Suchtgeschichte also, nicht die erste im Werk von Kathryn Bigelow. Vampire, Surfer, Bankräuber, Waffenfetischisten - sie alle haben bei ihr dasselbe Problem: Sie können nicht aufhören, müssen bis zum Ende gehen - und noch darüber hinaus. Funkelnd-perfekte Genremärchen sind dabei schon entstanden, von "Near Dark" bis "Strange Days" - und auch "The Hurt Locker" könnte man am Ende dazuzählen. Das Problem ist nur: Bigelow und ihr Autor Mark Boal, der als Journalist sogar tatsächlich ein Bombenräumkommando im Irak begleitet hat, verkaufen "Hurt Locker" zugleich auch als den ultimativ-realistischen Irak-Kriegsfilm.

Was natürlich Unsinn ist. Die Details, die Sprache der Soldaten, die Locations im jordanischen Amman, selbst die Statisten wirken absolut stimmig - aber das ist doch nur der Firnis. Die Vorstellung dagegen, dass ein Bürokratie- und Hierarchiemonstrum wie die US Army ein derart unkontrolliertes Desperadotum in ihrer Mitte zulassen würde, auch nur einen Tag lang - die ist dann doch eher was für Regieamazonen in der Menopause. Und für Filmkritiker.

THE HURT LOCKER, USA 2008 - Regie: Kathryn Bigelow. Buch: Mark Boal. Kamera: Barry Ackroyd. Mit: Jeremy Renner, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Ralph Fiennes. Concorde, 131 Min.