Im Kino: "Hangover" Im Männer-Paradies

Holen wir uns die Erwachsenen zurück: Der erfolgreichste Film des US-Kinosommers ist ein neues Macho-Meisterstück von Rüpelfilm-Regisseur Todd Phillips über Junggesellenexzesse.

Von Fritz Göttler

Terra incognita, das meinte einst die unbekannten, noch unerforschten Teile der Erde, wilde Natur, von menschlicher Zivilisation und kultureller Ordnung unberührt, daher verheißungsvoll und verlockend, zu Forschung, Abenteuer, Selbstbestätigung - im Unbekannten zu sich selber finden .. .

Erinnerungen ausgelöscht: Die drei Überlebenden des Polterabends versuchen das missing link zu finden - den Bräutigam.

(Foto: Screenshot: filmstarts.de)

Terra incognita ist im Film "The Hangover" Las Vegas, für vier junge, erlebnisgeile Amerikaner. Sie sind zum Polterabend in die Stadt gekommen. Einer von ihnen wird in zwei Tagen heiraten, und die letzten Momente der Freiheit sollten ihm - und auch seinen zwei Freunden und dem Bruder seiner Frau - unvergesslich bleiben für den Rest ihres Lebens. Doch am Morgen danach ist die Sause, mit "booze, babes & baccarat", schon zu Ende. Beim Erwachen ist die Hotelsuite ein Bild der Verwüstung, in der Zimmerlandschaft hocken ein Tiger und ein unbekanntes Baby, aber einer der vier ist spurlos verschwunden, und zwar der Bräutigam in spe. Jegliche Erinnerung an die Nacht ist verschwunden ... Terra incognita, ein Herz der Finsternis im gleißenden Sonnenlicht.

"The Hangover" mag durchaus der erfolgreichste Film dieses amerikanischen Kinosommers sein. Nicht in absoluten Zahlen, da kann er mit den sauteuren Teenie-Serien-Stücken von "Transformers" bis "Harry Potter" nicht mithalten. Aber bei Produktionskosten von gerade mal 30 Millionen Dollar hat er bislang über 300 Millionen eingespielt. Er ist damit der erfolgreichste Film mit einem R-Rating, was bei uns einer Freigabe ab 18 entspricht.

Die drei Überlebenden versuchen die Bruchstücke der Nacht zu finden und wieder zusammenzusetzen. Und vor allem herauszukriegen, wo das missing link geblieben ist, der Bräutigam. Was der Gesellschaft ein Skandalon ist, nimmt das Kino natürlich als Moment ursprünglicher Freiheit, als Zustand archaischer Unschuld wahr. Das verlorene Männer-Paradies, wiedergefunden im Kater nach einer großen Nacht. Was Bradley Cooper , Ed Helms und Zach Galifianakis in der Folge durchexerzieren, ist nicht immer komisch, geht an die Schmerzgrenze. Aber genau dort hat das Kino angefangen, in der Anarchie der frühen Klamotten, des amerikanischen Slapsticks.

Nun holt es sich die verlorenen Erwachsenen zurück, indem es sie als Zuschauer infantilisiert. Regisseur Todd Phillips ist diese Wendung der Dinge wohl vertraut, er hat sie schon bei Rüpelfilmen wie "Road Trip" und "Old School" - mit Will Farrell, Vince Vaughn, Luke Wilson - erlebt und vielleicht auch bei der Kinoversion von "Starsky & Hutch". Die Kritiker haben ihm solche Macho-Meisterstücke nie verziehen. Ja, sagt er, das ist derb und zotig, aber auch von einer süßen Sanftheit. Ja, sagt er, so absurd einige der Situationen sind, in denen meine Figuren sich finden - die Filme sind alle in der Realität verankert. Amerika, das lassen die Junggesellenexzesse des "Hangover" vermuten, ist am Ende immer noch ein Matriarchat, und der amerikanische Machismo ein Fluchtversuch aus dem Regime der Ehefrauen.

THE HANGOVER, USA 2009 - Regie: Todd Phillips. Buch: Jon Lucas, Scott Moore. Kamera: Lawrence Sher. Musik: Christophe Beck. Schnitt: Debra Neil-Fisher. Mit: Bradley Cooper, Ed Helms, Zach Galifianakis, Justin Bartha, Jeffrey Tambor, Mike Tyson. Warner, 100 Min.