Im Kino: Gainsbourg Gib mir Feuer

Die Schöne also, und das Biest: In seinem Biopic "Gainsbourg" portraitiert Joann Sfar den ketterauchenden, unrasierten Songschreiber, der Brigitte Bardot einst mit "Je t'aime" verführte.

Von Rainer Gansera

Hübsch schlaftrunken und äußerst fotogen räkelt sich Brigitte Bardot (Laetitia Casta) im Bett und murmelt: "Gibt's hier Croissants?" Auf dem schwarzen Satin erstrahlt ihr Haar, wenn sie Gainsbourg (Éric Elmosnino) zuruft: "Liebster, geh' zum Klavier und schreib' mir das schönste Liebeslied."

Die Schöne also, und das Biest. Serge Gainsbourg (1928-1991) ist auf dem Höhepunkt seines Ruhms, Frankreichs gesuchtester Songschreiber. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Éric Elmosnino verkörpert ihn gerade so, wie wir ihn in Erinnerung haben: kettenrauchend, unrasiert, erotoman, mit einer Mischung aus Schüchternheit und Arroganz.

Dann sitzt seine Muse auf dem Klavier, legt ihm die Beine auf die Schultern, und in dieser Tuchfühlung, die Gainsbourg immer gesucht hat, inspiriert sie ihn zu seinem genialsten Hit. Wenn Gainsbourg später mit dem fertigen "Je t'aime"-Tape zu seinem Produzenten geht, entsteht eine anrührende Gedenkminute mit dem kürzlich verstorbenen Claude Chabrol. Mit seiner typischen, listig durchtriebenen Miene darf er in dieser Rolle orakeln: "Wenn wir das rausbringen, gibt es einen Riesenskandal."

Eine exemplarische Szene in ihrer Mischung aus anekdotischer Zuspitzung und darstellerischer Improvisation. Chabrol darf etwas von sich zeigen, wenn er den Impresario satirisch überzeichnet. Regisseur Joann Sfar, eigentlich ein Comic-Autor, formt in seinem ersten Spielfilm alle Figuren nach dem spannenden Dreisatz aus biografischer Genauigkeit, improvisatorischer Offenheit und eigener, ins Surreale ausschwärmender Imagination. Das gelingt nicht immer auf dem Niveau jener "superben Fragilität", nach der Gainsbourg in seinen Songs suchte, verleiht der Erzählung aber große Lebendigkeit.

Biopics haben Konjunktur. Hierzulande sind gerade der junge Goethe und Max Schmeling an der Reihe, in Frankreich wird der Pantheon der Pop-Ikonen durchforstet: nach den Melos zu Edith Piaf und Coco Chanel nun der Exzentriker Gainsbourg.

Souverän vermeidet "Gainsbourg" die beiden größten Biopic-Gefahren: das Ersticken im Kostüm, das Erstarren in Ehrfurcht. Sfar offeriert kein Best-of, sondern versucht, hinter der Maske des Songschreibers, Sängers, Malers und Pop-Provokateurs jene Momente ausfindig zu machen, in denen sich aus dem Widerstand gegen Demütigung und Niederlage die Inspiration entzündet. Das Entzünden der Zigarette wird dafür zum magischen Symbol: Das Benzinfeuerzeug wird aufgeklappt, die Flamme springt hoch, die Zigarette glüht auf, der träumerische Blick folgt den Rauchzeichen.

Die Erzählung überrascht wohltuend mit dem Charakter einer Nummernrevue, erscheint wie ein märchenhafter Rummelplatztrip. Traum und Albtraum in einem. Zuerst die Abenteuer wirklichkeitsverzaubernder, kindlicher Naivität, dann das Riesenrad des Erfolgs, schließlich der Absturz in eine Geisterbahnfahrt selbstzerstörerischer Tragik.

Dabei schenkt Sfar der Kindheit und Jugend weit mehr Aufmerksamkeit als den Episoden des Ruhmes, und er wagt die Erfindung phantasmagorischer Figuren. Das vogelscheuchenartige Gainsbourg-Double "La Gueule" - mit langen Spinnenfingern, Riesennase und funkelnden kleinen Augen - wird zum Antreiber der Ermutigungen und Provokationen.

Die Dämonen Rauch und Nikotin

Die erste Szene spielt 1941, im besetzten Paris. Der 13-jährige Gainsbourg, er heißt damals noch Lucien, ein Kind russisch-jüdischer Immigranten, will sich als Erster in der Nazi-Kommandantur den gelben Judenstern abholen. Er will ihn wie einen Sheriffstern tragen. Die Fratze vom antisemitischen Hetzplakat wird lebendig, ein grotesker Ballon, den Lucien zu einem Tänzchen animiert.

Bei allen Phantasieexkursionen und ironischen Brechungen wird doch chronologisch erzählt, und jede Epoche hat ihren eigenen Look. So wird die Zeit des Yé-Yé-Beats mit taumelnder Handkamera eingefangen. Die Begegnung mit der allzu püppchenhaft konturierten Jane Birkin (Lucy Gordon) erhält ein Ambiente, das an die Fotostudio-Orgie in Antonionis "Blow Up" erinnert.

Zum Ende hin, wenn Gainsbourg seinen Dämonen Nikotin & Alkohol erliegt, zerfasern die Ideen. Die stärksten Szenen spielen in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg, wenn Serge sein Scheitern als Maler verdauen muss und als Barpianist tingelt. Da erklingen mitreißende Jazz-Improvisation, da findet Sfars Porträtzeichnung ihren bewegendsten Ernst. In einem Waisenhaus jüdischer Kinder, deren Eltern nicht aus den Vernichtungslagern zurückkehrten, soll Gainsbourg Mandoline-Unterricht erteilen.

Er weiß nicht so recht, wie er das anstellen soll - und legt eine wunderbar tragikomische, beinahe chaplineske Clownsnummer hin. Die Kinder lachen wie erlöst. Gainsbourgs Aufführung wird zum Exorzismus aller Traumata und Ängste: die Schlüsselszene seines Lebens.

GAINSBOURG (VIE HÉROÏQUE), F/USA 2009 - Buch und Regie: Joann Sfar. Kamera: Guillaume Schiffmann. Musik: Olivier Daviaud. Mit: Eric Elmosino, Lucy Gordon, Laetitia Casta, Doug Jones Anna Mouglalis, Mylene Jampanoi, Sara Forestier, Yolande Moreau, Claude Chabrol. Prokino, 121 Minuten.